EU-Kanonenboote gegen Schiffbrüchige

Artikelinfo
Datum: 
06.07.2004
Autor: 
René Heilig
Quelle: 
Neues Deutschland

Was macht eine Schiffsbesatzung, wenn sie Menschen hilflos im Wasser treiben sieht? Sie fischt die Unglücklichen auf, bringt sie so rasch wie möglich an Land. Das wird der Hilfsorganisation Cap Anamur von den italienischen Behörden verweigert.

Vor rund zwei Wochen verließ die »Cap Anamur«, das Schiff der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation, den Werft-Liegeplatz in Malta. Am 21. Juni, irgendwo zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa, entdeckte die Brückenbesatzung ein mit Motorschaden hilflos treibendes Schlauchboot. An Bord waren 37 Menschen, erschöpft, ohne Trinkwasser, doch noch in relativ guter Verfassung. Man nahm die Hilflosen an Bord, bereitete ihnen im Laderaum ein provisorisches Quartier, versorgte sie mit Nahrung.

Die Verständigung war kompliziert, das wenige, was die Leute von Cap Anamur herausbekommen haben, war, dass die »Schlauchboot-Menschen« Lampedusa erreichen wollen. Das ist, abgesehen von Malta, der südlichste Teil Europas und damit für tausende Flüchtlinge aus Afrika eine Art Zipfel der Hoffnung.
Am vergangenen Donnerstag versuchte die »Cap Anamur«, den nächsten Hafen anzulaufen. Es ist Empedocle auf Sizilien. »Wir haben uns ordentlich angemeldet, sagten, dass wir Schiffbrüchige an Bord haben. Alles schien normal zu laufen«, berichtet Elias Bierdel, Chef der Hilfsorganisation. Doch kurz bevor das Schiff die hoheitliche 12-Meilen-Zone erreichte, wurde die Einlaufgenehmigung zurückgezogen. Ohne Angabe von Gründen.

Die Gründe ließen sich jedoch sehr schnell vermuten, als am Horizont Korvetten der italienischen Marine samt Hubschraubern und Schnellboote der Guardia di Finanza auftauchten. »Das«, so beschreibt Bierdel die Szenerie, »hatte schon etwas von einem Seekrieg.« Bis auf Rufweite näherten sich die Kriegsschiffe. Italiens Behörden versuchen ganz offenbar Menschen, die gerade aus einer Lebensgefahr gerettet wurden, Angst einzujagen. Sie wollen verhindern, dass die Flüchtlinge italienischen Boden und damit die »Festung Europa« erreichen.

In italienischen Medien wurde gar die Behauptung verbreitet, die Besatzung der »Cap Anamur« habe die Flüchtlinge in Malta an Bord genommen und versuche, sie als Schiffbrüchige illegal nach Italien zu schleusen. Das ist, wie Fotos belegen, eine Lüge.

Jahr für Jahr ertrinken Tausende beim Versuch der so genannten illegalen Einwanderung. Immer wieder werden Leichen angeschwemmt, weil die Menschen untaugliche Fahrzeuge für die Überfahrt benutzen oder von skrupellosen Schleppern ihrem Schicksal überlassen werden. Offiziell wird die Zahl von rund 5000 toten Flüchtlingen genannt, die Wahrheit dürfte grausamer sein, das Mittelmeer deckt sie zu. Hilfsorganisationen multiplizieren die Anzahl mit dem Faktor vier oder fünf.

Bereits Ende vergangener Woche hat Elias Bierdel das deutsche Auswärtige Amt um Hilfe ersucht. Und das, so heißt es, bemüht sich auch, die Gründe für die Einlaufverweigerung zu erfahren. Bislang offenbar ohne Erfolg. »Es muss eine Lösung in Übereinstimmung mit internationalen Menschenrechtsstandards und auf der Basis humanitärer Prinzipien gefunden werden«, verlangt Bierdel. Wie die Lösung ausschauen kann, sollen Politiker vorzeichnen, denn es sei, so der Cap-Anamur-Chef, schließlich »die Politik der EU, gewaltsam ausgeführt durch italienische Küstenwache, Marine und Guardia di Finanza, die unser Schiff daran hindert, weiteren Menschen in Not zu helfen«.
Cap Anamur begann ihre Tätigkeit übrigens vor 25 Jahren mit der Rettung von Schiffbrüchigen. Es waren Menschen aus dem damaligen Südvietnam - »boat-peoples« genannt -, die angesichts der bevorstehenden US-Niederlage Rettung übers offene Meer suchten.