Italien will Cap-Anamur-Flüchtlinge nicht aufnehmen

Artikelinfo
Datum: 
07.07.2004
Autor: 
Jörg Seisselberg
Quelle: 
tagesschau.de ARD-Hörfunkstudio Rom

Die Odyssee der Cap Anamur vor der sizilianischen Küste ist jetzt auch Thema im italienischen Parlament. Die Opposition verlangt von Innenminister Giuseppe Pisanu, er solle endlich freie Fahrt geben für das Schiff der deutschen Hilfsorganisation und ihm erlauben, in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle einzulaufen, damit den Flüchtlingen an Bord geholfen werden
kann.

Organisation klagt über Einschüchterungsversuche
Die italienische Regierung aber gibt sich nach wie vor hart. Der Chef der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, der sich mit an Bord befindet, klagt an: Sogar humänitäre Hilfe von Land versuchten die Italiener zu unterbinden: "Was uns Unterstützer von Land immer wieder berichten: Sie werden massiv behindert, zu uns durchzukommen. Sie werden eingeschüchtert, man sagt ihnen, es sei nicht ratsam für sie, zu uns an Bord zu kommen." Seit zwei Wochen befindet sich die Cap Anamur 15 Seemeilen vor der sizilianischen Küste - mit 37 Flüchtlingen aus Afrika an Bord. Nach Angaben der Hilfsorganisation hat die Besatzung die Menschen, die auf einem Schlauchboot unterwegs waren, in internationalen Gewässern aufgegriffen. Italien verweigert die Aufnahme, unter anderem mit dem Argument, die Flüchtlinge müssten nach Malta gebracht werden.

Skandal für ganz Europa
Die deutsche Hilfsorganisation dagegen sagt: Die Menschen seien Schiffsbrüchige, zum Zeitpunkt der Rettung sei Italien das nahegelegenste Land gewesen - daher müsse die Cap Anamur  nach internationalem Seerecht einen italienischen Hafen ansteuern.

Die Weigerung der Regierung in Rom, hier zu helfen, so Cap Anamur-Chef Bierdel, sei angesichts des tagtäglichen Dramas auf dem Mittelmeer ein Skandal - nicht nur für Italien, sondern für ganz Europa: "Vor der Seegrenze dieser Festung Europa ertrinken und verdursten die Menschen zu Hunderten und zu Tausenden. Und gerade in diesen Tagen sind es kleine Boote, überfüllt mit Flüchtlingen aus Afrika, die sich hier auf eine absolut abenteuerliche Reise begeben. Einige dieser Boote erreichen gegen alle Wahrscheinlichkeit die Küsten Europas, andere aber verschwinden irgendwo zwischen den Wellen."

Humanitäre statt politische Lösung
37 Gemeinden in Italien haben sich jetzt bereit erklärt, jeweils einen der Flüchtlinge an Bord der Cap Anamur aufzunehmen. Bierdel fordert die italienische Regierung auf, den Weg frei zu machen für diese, wie er sagt, humanitäre Lösung: "Das wäre der richtige Weg. Wenn es das politische Europa nicht schafft, mit diesem Menschenrechtsskandal umzugehen, dann muss die Lösung aus einer anderen Sphäre kommen. Das hoffen und wünschen wir im Interesse derjenigen, die wir hier an Bord haben, aber auch im Interesse jener, die noch gerettet werden könnten."

Die Flüchtlinge an Bord, so Bierdel, befänden sich körperlich in relativ guter Verfassung. Befreundete italienische Organisationen wollen nun eine neue Hilfslieferung an Bord bringen: "Zum Beispiel Hygieneartikel, mit denen wir den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen hier an Bord verhindern können. Ein Boot wird weiter versuchen, mit einer Ladung frischer Lebensmittel zu uns durchzukommen. Wir brauchen dringend vitaminreiche Kost auf diesem Schiff."

Wie lange die Odyssee der Cap Anamur vor der sizilianischen Küste noch andauern wird, ist zur Zeit völlig offen.