"Cap Anamur": Rom verweigert weiter Aufnahme der Flüchtlinge

Artikelinfo
Datum: 
09.07.2004
Autor: 
Jörg Seisselberg
Quelle: 
tagesschau.de ARD-Hörfunkstudio Rom

Die Unterstützung für die "Cap Anamur" in Italien wächst. Mehrere Städte haben angeboten, die Flüchtlinge vom Schiff aufzunehmen. In Rom haben zwei Parlamentarier der Opposition angekündigt, sie wollen für die "Cap Anamur" in Hungerstreik treten. Ihre Forderung: Die italienische Regierung solle sofort grünes Licht geben und dem Schiff der deutschen Hilfsorganisation erlauben, in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle einzulaufen, damit den Flüchtlingen an Bord geholfen werden kann.

Vertreter von Gewerkschaften, von Sozialorganisationen und Umweltverbänden wollen dem Schiff persönlich frische Hilfsgüter aufs Meer liefern. "Wir bringen Lebensmittel und Wasser - die Sachen, die im Moment am dringensten an Bord gebraucht werden", sagt der Chef der Umweltorgansation "Legambiete Ferante". Aber das sei nur eine erste Hilfe. Gefragt sei jetzt die italienische Regierung, die der "Cap Anamur" endlich die Erlaubnis geben müsse, in Italien anzulegen. Denn die Situation auf dem Schiff könne nicht lange so weitergehen.

Rom: Flüchtlinge müssen nach Malta


Vor knapp drei Wochen hat die Cap Anamur 37 Flüchtlinge aus Afrika, die auf einem Schlauchboot unterwegs waren, aus dem Mittelmeer gerettet. Seit zehn Tagen liegt das Schiff der deutschen Hilfsorganisation 15 Seemeilen vor der sizilianischen Küste. Ziel ist der Hafen Porto Empeclode, aber die Regierung in Rom verweigert dem Schiff die Einfahrt in italiensche Gewässer. Die Begründung von Innenminister Pisanu: Die Flüchtlinge seien von der Cap Anamur vor Malta aufgegriffen worden, daher müssten die Geretten nicht in Italien, sondern in Malta an Land gehen.

Der Chef der Hilfsorganisation Elias Bierdel, der sich mit an Bord befindet, schüttelt den Kopf über diese - wie er sagt - Politik des Verschiebebahnhofs auf dem Rücken von Flüchtlingen. Die Cap Anamur, betont Bierdel, habe die Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa gerette: "Wir können es beweisen. Wir haben hier Systeme an Bord, die elektronisch und automatisch die Position dieses Schiffes zu jeder Stunde registrieren."

Die Geräte zeigen laut Bierdel, dass die Flüchtlinge etwa 100 Meilen von Lampedusa entfernt, aber 180 Meilen von Malta geretten worden seien: "Das ist der Grund, warum wir einen italienischen Hafen ansteuern." Italien, sagt Bierdel, sei nach internationalem Seerecht verpflichtet die Schiffbrüchigen aufzunehmen. Die Weigerung, hier zu helfen, hält er für einen Skandal.

Bierdel: Flüchtlinge über Ungewißtheit verzweifelt


Die Flüchtlinge stammen nach eigenen Angaben vor allem aus einem Bürgerkriegsgebiet im Sudan. Fast drei Wochen nach ihrer Rettung aus Seenot, so Bierdel, seien die meisten körperlich wieder erholt. Dagegen wachse die Verzweiflung darüber, dass sie immer noch auf dem Meer festgehalten werden. "Sie sind aber unter Schock nach allem, was sie durchgemacht haben. Sie sind psychisch in einer Ausnahmesituation und bedrückt, was ihre weitere Zukunft anbelangt", sagte Bierdel.

Auch die katholische Kirche auf Sizilien beschäftigt sich mit dem Fall der "Cap Anamur". Aus Solidarität mit dem Schicksal der Flüchtlinge will Erzbischof Ferraro aus Agrigent übermorgen auf dem Schiff eine Messe lesen. Die meisten der Sudanesen an Bord der "Cap Anamur" sind Christen.