Da könnte ja jeder kommen!

Artikelinfo
Datum: 
14.07.2004
Autor: 
Burkhard Müller
Quelle: 
Süddeutsche Zeitung

Der Mut dieser Leute weckt Angst; denn jeder kann sehen, dass es Todesmut ist. 37 Afrikaner setzen sich in ein Schlauchboot - ein Gefährt, mit dem manche Europäer sich nicht auf einen Baggersee wagen würden - und überqueren ein Meer. Der Desperado, der Verzweifelte, der nichts zu verlieren hat, galt immer als der gefährlichste aller Außenseiter, die das Zentrum bedrohen: Die Repressalien der Macht prallen ab an ihm, und nichts hält ihn auf als das physische Hindernis, die Mauer - oder eben der Tod, den er in Kauf genommen hat.

Je schwächer und dem Tod näher diese Schiffbrüchigen waren, als man sie aufgriff, desto gefährlicher erscheinen sie denen, die sich gegen ihre Ankunft wehren. Die aufgewendeten Mittel müssen an Härte zunehmen mit dem Grad der Ohnmacht dieser Ankömmlinge. Und wie wenig wollen sie haben! Wenige Europäer wären mit der Art von Leben zufrieden, auf das die Flüchtlinge hier allenfalls spekulieren; fast allen erschiene es als unerträgliche, bittere Armut. Aber gerade das Missverhältnis von eingegangenem Risiko und der Geringfügigkeit des Erhofften beunruhigt den Zielkontinent. Vielleicht, so kann man mutmaßen, bekämen die Flüchtlinge eher, um was sie bitten, wenn sie einfach um mehr bäten. Man könnte dann besser verstehen, was sie tun; sie wären uns ähnlicher.

Das hat seine Logik. Aber wie hässlich sie ist, das war in den vergangenen Tagen zu besichtigen. Die Organisation von "Cap Anamur" hatte Recht, gerade diesen extremen, aber in seinem Ausmaß überschaubaren Fall als beispielhaftes Drama auszuwählen. Nur was die Gestalt des Dramas annimmt, mit einer gewissen Einheit von Ort, Handlung und Personal, hat eine Chance, am knappen Gut der medialen Aufmerksamkeit teilzuhaben. Es soll zeigen, was an Europas Außengrenzen vor sich geht - diesen harten, echten Grenzen, die immer härter werden, je grüner und weicher sie sich im Binnenraum gestalten.

Wer in Europa wohnt, gerade dem jetzt erweiterten und in diesem Sinn vorerst vollendeten Europa, gibt sich normalerweise dem Gefühl hin (obwohl er es besser weiß), das wäre - abgesehen von der Supermacht - schon so ungefähr die Welt und der Rest ein ferner, irrealer Unfall. Die Irrfahrt der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer aber zeigt, wie nah und scharf die Kanten in Wahrheit sind, die das Drinnen vom Draußen scheiden.

Die große und die kleine Zahl

Nicht als ob es an anderen Beispielen mangelt. Den einen Monat erfährt man von einer Wagenladung Asiaten, die in ihrem Lkw erstickt sind, dann wiederum sind so und so viele Afrikaner bei der Überfahrt in der Straße von Gibraltar umgekommen - aber das alles ist bereits vorüber, wenn die Meldung in die Medien gelangt. Man kann leider nichts unternehmen, als den traurigen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Der zugehörige Schlepper bekommt seine Strafe; und man stellt fest, dass es ein Leichtes gewesen wäre, das Leben der Passagiere zu retten, würde man nur die Bootspatrouillen an der Küste verstärken und alle einreisenden Lastwagen röntgen. Lebensrettung und schärfere Einreisekontrollen verschwimmen so zu einem geradezu humanistischen Gesamtbild, über dem man sich ganz gut beruhigen kann.

Denn niemand wünscht, dass die unerwünschten Einwanderer sterben. Passiert es doch, so entsteht jedesmal ein Augenblick der Peinlichkeit. Sie sollen bloß aufhören, ein Problem zu sein, oder mindestens, es jeweils hier zu sein; Malta hält die Sache für gelöst, wenn es die Schiffbrüchigen nach Sizilien, und Sizilien, wenn es sie nach Malta weiterschickt. Es wird ihnen empfohlen, dorthin zu gehen, wo sie herkommen - oder nicht einmal empfohlen, sondern stumm verlangt: Sonst müsste man sich mit dem Faktum auseinandersetzen, dass es für sie schlechterdings keinen Ort mehr gibt, an den sie zurückkehren können.

Die instinktive Reaktion, sowohl die populäre wie die der Behörden, ist: Da könnte ja jeder kommen! Ein Unwille steckt darin, in den sich Furcht mischt. Es ist die Kümmerform des kategorischen Imperativs; von ihm wird der Schein des Rechts in der Abwehr bezogen. Wenn man darauf eine Erwiderung finden will, darf man keins von beiden aus den Augen verlieren: weder die geringfügige Zahl, um die es jetzt geht, noch die radikal gespaltene Welt, in der riesige Menschenmassen sich gezwungen sehen, ihre unbewohnbar gewordene Heimat zu verlassen.

Man muss zuerst darauf beharren: Es kommt aber nicht jeder; und im Gegensatz zu den meisten ihrer Schicksalsgenossen ist es für die 37 Afrikaner nicht zu spät, ihnen kann jetzt - aber nicht später - geholfen werden. Dann jedoch muss man die heutige Ordnung der Dinge in den Blick fassen, in dem es in der Tat denkbar ist, dass jeder kommt, weil es ganze Weltteile gibt, wo die elementaren Bedingungen des Lebens zerstört werden. Sieht man nur die große Zahl, wird man mit den Schultern zucken und nichts tun außer abwimmeln; sieht man nur die kleine, bleibt es bei der heuchlerischen Sentimentalität des gelinderten Einzelfalles. So darf man gespannt sein, wie das Drama der "Cap Anamur", das sich täglich in einem neuen Akt vollzieht, ausgeht. Es spielt vor einem Hintergrund, wo Millionen keinen anderen Ausweg sehen, als Strapazen und Gefahren zu erdulden, die uns ganz unvorstellbar sind.