Tod im Dunkel

Artikelinfo
Datum: 
14.07.2004
Autor: 
Christian Bommarius
Quelle: 
Berliner Zeitung

Vor den Küsten Italiens hat sich in den vergangenen drei Wochen - sagen wir es nur - ein unvergleichliches moralisches Debakel ereignet. Es bestand darin, dass zwei geltungssüchtige Herren aus Deutschland - Herr Bierdel und Herr Schmidt - 37 namenlose Afrikaner unbekannter Provenienz, die grob fahrlässig, um das Mindeste zu sagen, in Seenot geraten waren, nicht unbemerkt und anonym haben ertrinken lassen. Im Gegenteil, so zynisch, so menschenverachtend sollen Herr Bierdel und Herr Schmidt gehandelt haben, dass sie, nachdem sie die Flüchtlinge an Bord der Cap Anamur genommen hatten, sofort die Medien in Alarmbereitschaft versetzten.

Damit begann, wie die Süddeutsche Zeitung gestern einfühlsam berichtete, "eine PR-Aktion mit ungewissem Ausgang", in Gang gesetzt vor allem vom Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, der, wie sich eine Reporterin des Blattes empörte, "mit mehreren TV-Journalisten im Schlepptau" an den Ort des Geschehens begab. Zu diesem Skandal konnte dann auch der Sprecher des Bundesinnenministeriums nicht länger schweigen: "Die Umstände deuten darauf hin, dass es Cap Anamur auch um Selbstdarstellung geht." Das soll wohl bedeuten: Hätten die Selbstdarsteller von Cap Anamur nicht alles verdorben, dann wären die Rettungsboote des Bundesinnenministeriums zum Einsatz ausgelaufen, geräuschlos und unbürokratisch.

Einerseits ist zuzugeben, dass Cap Anamur selbst unter anderen Hilfsorganisationen seit Jahren äußerst umstritten ist. Andererseits - ist das nicht das Problem. Das Problem besteht darin, dass der anonyme Tod von 37 Flüchtlingen vor der Küste Italiens niemals eine so gewaltige Herausforderung darstellen würde, wie es ihr Überleben offensichtlich für die Behörden in Malta, Italien und Deutschland bedeutet. Es besteht darin, dass ohne das von Cap Anamur initiierte Medienspektakel als erste und einzige Behörde die (italienische oder maltesische) Wasserpolizei von den Flüchtlingen Notiz genommen hätte - beim Bergen der 37 Leichen. Und das Problem besteht nicht zuletzt darin, dass die seit Jahren ebenso verbissen wie erfolglos geführte Diskussion über ein einheitliches europäisches Asylrecht offenbar nur noch durch Tag und Nacht auf allen Kanälen gezeigte Bilder von getöteten oder dem Tod knapp entronnenen Flüchtlingen belebt wird.

Tatsächlich ist die Abschottung der "Festung Europa" - das Urheberrecht für dieses Wort liegt übrigens bei Joseph Goebbels - ein gutes Stück vorangekommen. Sie funktioniert so ausgezeichnet, dass allein in der ersten drei Monaten dieses Jahres in den EU-Staaten 15 Prozent weniger Menschen um Asyl gebeten haben als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allein in Deutschland ging ihre Zahl um 12 Prozent auf 10 170 zurück, selbst in den neuen EU-Mitgliedstaaten ist sie erheblich gesunken - in Polen um 31 Prozent, in Tschechien um 36 Prozent, in der Slowakei um 39 Prozent. Nicht die Abwehr der Flüchtlinge bereitet den 25 EU-Staaten Schwierigkeiten - sie ist so effektiv wie nie zuvor -, sondern die Verteilung derer, denen die Zuflucht in die Festung gelingt. Seit Jahren fordern die am stärksten belasteten Mittelmeerstaaten vergeblich eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge in der EU. Vor allem Deutschland hat jegliches Interesse daran verloren, seit auf dem Landweg kein Asylbewerber mehr die Bundesrepublik "legal" erreicht.

Zu Recht hat das Bundesinnenministerium daran erinnert, dass Deutschland auch zur Aufnahme der 37 Flüchtlinge keineswegs verpflichtet sei. Das hat jeder gehört. Denn der Sprecher des Ministers hat es vernehmlich auf einer Pressekonferenz verkündet. Wie gut, dass es die Medien gibt.