Der Protagonist

Artikelinfo
Datum: 
24.07.2004
Autor: 
Francesco Viviano Racalmuto
Quelle: 
La Repubblica

"Ich glaube, dass Gott seine Hand über meinen Kopf gehalten hat, es ist er, der über mein Leben entscheidet und an ihn richte ich meine Gebete, für mich und die anderen, aber ich möchte auch an die italienische Regierung appellieren, nicht die Reisegefährten zu verfolgen, die, wie ich, riskiert haben zu sterben um die Freiheit zu erreichen, die zuerst in der Wüste Hunger erlitten haben und dann, als sie nach Libyen gekommen sind, monatelang wie Sklaven behandelt wurden. Diese Freunde, die mit mir das Leben riskiert haben, sind zum Grossteil Moslems und Opfer eines Bruderkriegs mit den Christen in ihrem Land."

Robat Benjamin ist der einzige "Überlebende" der Cap Anamur, der einzige der 37 afrikanischen "clandestini" (heimlichen Einwanderern), die am vergangenen 20. Juni vom deutschen humanitären Schiff gerettet wurden.

Benjamin, 29 Jahre alt, Nigerianer, lebt seit dem Tag, an dem er an Land ging in einem Aufnahmezentrum in Racalmuto, dem Dorf von Leonardo Sciascia (ein sizilianischer Autor). Er hat dieses "Privileg" erhalten, weil er, als er von der Polizei befragt wurde, sofort gesagt hat, dass er nicht Sudanese sondern Nigerianer ist. Dafür ist er "begnadigt" worden, seine Freiheit ist jedoch keine glückliche. Er weint. Er hat geweint, als er erfuhr, dass seine Retter (der Kapitän, der erste Offizier und der Leiter von Cap Anamur) verhaftet worden waren. Und er hat es auch gestern getan, als er erfahren hat, dass seine Reisegefährten, die, die nach Ghana abgeschoben wurden, einen Prozess wegen schwerwiegender Delikte riskieren.

"Warum soviel Grausamkeit? Warum werden Menschen, die das Leben riskieren, die mitangesehen haben, wie ihre Familienmitglieder umgebracht werden, die Hunger leiden und Frieden und Freiheit suchen, auf diese Weise behandelt? Ich bin Christ und hoffe immer, dass, früher oder später, Gott etwas für alle tun kann, nicht nur für mich."

Wusstest Du, dass sie aus Ghana kommen?

"Ja, aber was ändert das? Ghanesen, Sudanesen, Nigerianer wie ich, Liberianer ... alles verzweifelte Menschen, Menschen die enorme Risiken auf sich nehmen und auf ein besseres Leben hoffen. Die wahre Sünde ist Böses zu tun, vor allem den Schwächeren und wer immer es tut, Weisse oder Schwarze, ändert nichts."

Warum habt Ihr alle gesagt, dass Ihr Sudanesen seid, als Ihr von der Cap Anamur gerettet wurdet?

"Wir sind gezwungen worden es zu tun."

Warum?

"Weil, als wir in Libyen ankamen, in Zuhara, nachdem wir eine Reise durch die Wüste von fast drei Wochen hinter uns hatten, von einem Mann "beherbergt" wurden, der unser "Kontakt" war. Sie haben uns in Hütten gepfercht, die in der Wüste verstreut sind, sie kamen jeden Morgen und brachten uns zur Arbeit. Wo, das haben sie entschieden. Wir wurden wie Sklaven behandelt. Ich arbeitete im Haus von Libyern, habe 45 Wohnungen gereinigt für 5 libysche Dinar (ungefähr drei Euro). Ein Albtraum-Leben."

Was ist dann geschehen?

"Ich und viele andere waren in Zuhara am 2. Dezember letzten Jahres angekommen, wir hatten viel Geld bezahlt, um diesen Strand zu erreichen, der uns ermöglichen sollte in Europa, in Italien anzukommen. Wir waren viele verschiedene Rassen, aus verschiedenen Ländern, Christen und Moslems, aber mit einem einzigen Ziel: die Freiheit zu erreichen."

Jetzt riskieren aber viele Ihrer Gefährten einen Prozess, sind wegen schwerer Delikte angeklagt. (Anm.: Der Stand von 26.7. besagt, dass die Betroffenen frei sind und nicht angeklagt werden).

"Aber das ist ungerecht. Welche Schuld haben sie. Sind sie schuldig geboren worden zu sein und in Armut gelebt zu haben? Im Krieg, mit zerstörten Familien? Wir hatten keine Alternative. Ich wie die anderen habe versucht mein Leben zu ändern. Meine Frau ist im Krieg zwischen Moslems und Christen ermordet worden und auch die anderen haben tragische Geschichten hinter sich. Und als wir am vergangenen 18. Juni endlich unser libyscher "Gefängniswärter" entschieden hat, dass wir nach Italien losfahren können indem er uns auf ein Schlauchboot von 8 Metern Länge untergebracht hat, hat er uns auch geraten zu sagen, dass wir, falls wir gerettet werden sollten, zu sagen, dass wir aus dem Sudan kommen. Und als die Cap Anamur uns gerettet hat, haben wir erklärt, aus dem Sudan zu kommen. Es war nicht wahr und ich bitte den Kommandanten der Cap Anamur um Verzeihung, dass wir eine Lüge vorgebracht haben, aber es war für das Überleben."

Es ist aber nicht so gelaufen, wie Ihr gehofft habt?

"Ja, das ist wahr, das ist eine andere Ungerechtigkeit, eine andere tragische Realität, die in jedem Fall all die anderen aufhalten wird, die versuchen aus ihren Ländern dem Hunger, dem Krieg zu entfliehen, in der Suche auf ein besseres Leben. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie dramatisch es ist in bestimmten Umständen zu leben. Mit den Kindern, die Essen von Dir verlangen, mit den Frauen, den Vätern und den Müttern die vor Not sterben und in den Zusammenstössen zwischen verschiedenen Stämmen."

Meinen Sie, dass Sie Glück gehabt haben?
"Aber was für ein Glück ist das? Es stimmt, ich bin nicht im Gefängnis, ich bin nicht abgeschoben worden, aber "I feel pity for them" (Ich hab Mitleid mit ihnen). Und ich hoffe, dass auch die italienische Regierung eines Tages Mitleid für sie empfindet und sich für sie einsetzt."