Flüchtlinge: Italien ruft EU zum Handeln auf

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Datum: 
09.08.2004
Quelle: 
FAZ.net

Nach dem Tod von vermutlich 28 afrikanischen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer in den vergangenen Tagen hat die italienische Regierung die Europäische Union zum Handeln aufgerufen. Europa müsse legale Einwanderer würdig aufnehmen. Die von Schlepperbanden organisierte illegale Zuwanderung sei dagegen entschieden zu bekämpfen, sagte Innenminister Giuseppe Pisanu am Montag.

Italien sei dem Flüchtlingsproblem allein nicht gewachsen; es sei deshalb notwendig, daß sich die EU ihrer Verantwortung an den Südküsten Italiens bewußt werde. Pisanu verwies auf die Bemühungen der italienischen Regierung, dem Problem durch Absprachen mit den Nachbarländern zu begegnen. Dies hatte bereits gegenüber Albanien zum Erfolg geführt. Auch mit den libyschen Behörden wird verhandelt.

Zwei mutmaßliche Schlepper inhaftiert

Zugleich inhaftierten die Behörden auf Sizilien am Montag zwei mutmaßliche liberianische Schlepper im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsunglück von vergangener Woche. Auf einem Holzboot waren nach Schätzungen der Behörden auf der Überfahrt von Libyen 27 afrikanische Flüchtlinge an Entkräftung gestorben, darunter ein etwa einjähriger Junge. Die Fahrt habe wegen eines Motorschadens länger gedauert als erwartet, Wasser und Lebensmittel seien knapp geworden. "Hunger, Durst und brennende Sonne", es war das Inferno", berichtete ein Überlebender. Einige Passagiere hätten lediglich eine Flasche Wasser auf die Überfahrt mitgenommen. Die Leichen wurden von den Überlebenden ins Meer geworfen.

Aus den Erzählungen der Flüchtlinge wurde rekonstruiert, daß das Boot in einem libyschen Hafen vor ungefähr zehn Tagen mit insgesamt 100 Personen aus Liberia und Elfenbeinküste abgelegt habe. Die Afrikaner hätten für die Überfahrt zwischen 650 und 1000 Dollar bezahlt. Das Boot sei dann aber im Kanal von Sizilien herumgeirrt.

Lega Nord: Gewalt gegen Bootsflüchtlinge

Angesichts des weiteren Zustroms illegaler Einwanderer über das Mittelmeer an die Küsten Süditaliens hat der Reformminister im Kabinett von Ministerpräsident Berlusconi, Calderoli von der Regionalpartei "Lega Nord", am Montag in Rom gefordert, die italienischen Streitkräfte müßten auch mit Gewalt das Eindringen von Flüchtlingsbooten in italienische Hoheitsgewässer verhindern.

Politiker der Linken warfen dem Nachfolger Bossis im Amt des Reformministers daraufhin zynischen Umgang mit menschlichen Tragödien vor. Calderoli zeige das "rassistische und fremdenfeindliche" Gesicht der Regierung Berlusconi, sagte der kommunistische Europaabgeordnete Rizzo.

Abermals Flüchtlinge gerettet

Dem deutsche Frachter "Zuiderdiep" gelang es am Wochenende, 72 völlig entkräftete Passagiere über 100 Seemeilen südlich von Sizilien zu retten. Ein Zuwanderer erlag später einem Herzschlag. Viele der Westafrikaner waren nach der Landung in Syrakus auf Sizilien völlig ausgezehrt und mußten ins Krankenhaus eingewiesen werden.

Etwa 60 Überlebende des Unglücks wurden nach den Angaben am Montag von Sizilien in ein Durchgangslager auf das Festland gebracht. Der deutsche Frachter, der die Überlebenden gerettet hatte, lag zunächst im Hafen von Syrakus fest. Nach der Erledigung von bürokratischen Angelegenheiten konnte das Schiff am Montag seine Fahrt in die Türkei fortsetzen. Das bestätigte die Reederei Hartmann in Leer.

"Es gibt da draußen niemanden, der nach ihnen sucht"

Angesichts der beiden Vorfälle mit insgesamt 28 Toten forderte die Hilfsorganisation "Cap Anamur" die gezielte Suche nach in Not geratenen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Dort verhungerten und verdursteten Flüchtlinge, sagte Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel am Montag in Köln. "Es gibt da draußen niemanden, der nach ihnen sucht." Die Rettung durch den deutschen Frachter "Zuiderdiep" sei nur ein glücklicher Zufall gewesen, sagte Bierdel. Das ändere nichts am Grundproblem.

Die italienischen Behörden machten - im Unterschied zum Umgang mit dem deutschen Rettungsschiff "Cap Anamur" vor einem Monat - nach Angaben der Reederei keinerlei Schwierigkeiten beim Anlaufen eines Hafens. Die Italiener hätten zudem einen Rettungshubschrauber geschickt, der an Bord landete und zwei schwer erkrankte Afrikaner an Land brachte. Außerdem habe ein Rettungsschiff einen Arzt an Bord gebracht.

Hunderttausende warten auf eine Überfahrt nach Europa

Dagegen durfte die "Cap Anamur" Anfang Juli mit 37 aus Seenot geretteten Afrikanern erst nach drei Wochen einen Hafen auf Sizilien anlaufen. Das Schiff ist nach wie vor beschlagnahmt. Bierdel und die Schiffsführung waren unter dem Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung zeitweise inhaftiert worden.

Italienische Medien berichteten, seit 1996 sei zwischen Nordafrika und der sizilianischen Küste der Tod von mindestens 900 Zuwanderern bekanntgeworden. Das staatliche italienische Fernsehen berichtete unter Berufung auf Fachleute, Hunderttausende Menschen in Afrika warteten derzeit auf eine Überfahrt nach Italien und Europa.