Helfer im Schussfeld

Artikelinfo
Datum: 
01.09.2004
Quelle: 
DIALOG online Nr 4/2004

Am späten Nachmittag des 29. August 2004, 40 Tage vor der Präsidentenwahl, ließen die Taliban vor dem schwer bewachten Bürogebäude der US-Sicherheitsfirma Dyncorp, die die Leibwächter für Hamid Karsai stellt, eine Autobombe hochgehen. Sie explodierte zur Hauptverkehrszeit im belebten Kabuler Geschäftsviertel Schar-i-Nau, riss sieben Menschen in den Tod und verletzte mehr als ein Dutzend. Das Kabuler InWEnt-Büro liegt nur 200 Meter vom Tatort entfernt. "57 Fenster sind in Stücke gesprungen, alle Türen geborsten", berichtet Nadjib Yussufi, Koordinator eines Trainingsprojekts für Katastrophenvorsorge und -management in Afghanistan. Dass er und die übrigen InWEnt-Mitarbeiter unverletzt blieben, verdanken sie dem Zufall: Zum Zeitpunkt der Explosion hielt sich niemand im Büro auf.

Die "Ärzte ohne Grenzen" hatten in Afghanistan nicht so viel Glück. Nachdem fünf ihrer Mitarbeiter ermordet wurden, verließ die internationale Organisation das Land. Aus den Provinzen im Süden und Südosten des Landes, wo nur noch die Gewalt regiert, haben sich nach tödlichen Angriffen auch andere, darunter das UN-Flüchtlingshilfswerk und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, zurückgezogen.

Entführungen, Attentate, eine Vielzahl von Gewalttätern, die täglich neue Kriegsschauplätze eröffnen - das macht selbst konflikterprobten Helfern das Leben schwer. "Man weiß überhaupt nicht mehr, wo die Gefahr ist und wo die Rückzugsmöglichkeit", sagt Bernd Göken, Geschäftsführer des Komitees Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. Der ausgebildete Krankenpfleger war unter anderem je zwei Jahre im Sudan und in Angola im Einsatz. Auch dort gab es gefährliche Situationen: "Im Sudan waren wir zwischen zwei Fronten eingekesselt, aber wir wussten, wohin wir ausweichen konnten. Und brutal ging es in Konfliktgebieten schon immer zu, nicht erst jetzt." Ist jedoch das öffentliche Leben militarisiert wie zum Beispiel im Irak, wird das Risiko unkalkulierbar. Cap Anamur hat deshalb, wie kürzlich auch "Ärzte ohne Grenzen", den Irak aufgegeben.

Rückzug ist das letzte Mittel

Die Internationale Rotkreuz Bewegung hat in den Konfliktgebieten der Welt eine neue Polarisierung und Radikalisierung festgestellt: Der Krieg gegen den Terror lasse keinen Platz für Neutralität. Das Dilemma ist umso größer, wenn Staaten ihren Krieg zur humanitären Intervention erklären. Humanitäre Organisationen werden dann tatsächlich mit dieser Konfliktpartei identifiziert - das macht sie angreifbar. Und militärisch ungebildete Kämpfer wie Kindersoldaten, Wegelagerer und Attentäter haben weder von der Genfer Konvention gehört, noch ein Interesse am Schutz von Zivilisten und Helfern. Im Gegenteil: Gerade Ausländer und ihre Ausstattung sind Teil der Kriegsbeute und Verhandlungsmasse.

Rückzug bleibt für Helfer die Ultima Ratio. Organisationen, die Personal in Ländern mit erhöhtem Sicherheitsrisiko einsetzen, müssen daher eine Strategie finden, mit der sie ihre Mitarbeiter bestmöglich schützen. Corinna Kreidler von der Deutschen Welthungerhilfe, nennt drei Strategien: "Die erste zielt auf Abschreckung, die zweite auf Schutz und die dritte auf Akzeptanz und Anerkennung."

Zur Abschreckung zählen bewaffnete Eskorten für Hilfstransporte. Sie sollen das Risiko für den Angreifer erhöhen. Häufig machen sie die Helfer aber erst recht zur Zielscheibe. "So kann man nicht frei arbeiten", resümiert Bernd Göken die Abneigung der Helfer gegen diese Strategie.

Zum Schutz gehören vorbereitende Schulung und physischer Schutz. So durchläuft jeder, der für das Rote Kreuz als Fachmann in ein Krisengebiet geht, ein mehrstufiges, sehr realitätsnahes Training. In Deutschland üben die künftigen künftigen Delegierten auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr beispielsweise das Verhalten an militärischen oder wilden Checkpoints, das Fahren von Konvois und Erste Hilfe unter Beschuss. "Sie erfahren auch, was zum Schutz vor Geschossen taugt, mit welcher Taktik Truppen auf Menschen schießen und wie sie dementsprechend reagieren", berichtet Gert Venghaus, Sachgebietsleiter für internationale Katastrophenhilfe im Team Katastrophenmanagement des Deutschen Roten Kreuzes. Was die Teilnehmer hier lernen, soll ihnen helfen, in Stresssituationen richtig zu reagieren. Weiteres Lernziel: ein Gefühl für die Gefahr zu entwickeln und sich ihr rechtzeitig zu entziehen. Schüsse, Feuer, Häuserkampf - dieses Training ist allerdings einigen Teilnehmern zu viel. "Sie sagen dann, das ist nichts für mich, und entscheiden sich für einen anderen Einsatz", erzählt Venghaus. Wer letztlich ins Einsatzgebiet geht, wird psychologisch betreut, und zwar im Einsatzland, per Telefonkontakt nach Genf, und nach dem Einsatz.

Die dritte und wichtigste Strategie, auch "winning hearts and minds" genannt, besteht darin, Sicherheit im Umgang mit der anderen Kultur und den Rückhalt der Zivilbevölkerung zu gewinnen. Bernd Göken: "Einheimische können Anzeichen für Gefahr viel besser deuten. Darauf sind wir angewiesen."

Dieses Wissen nutzt auch Nadjib Yussufi. Tagungsorte in der afghanischen Provinz stimmt er mit Ortskundigen ab. Als gebürtiger Afghane spricht er außer Englisch und Deutsch zwei Landessprachen. Inzwischen gibt es in Afghanistan ein Helfer-Netzwerk, das blitzschnell funktioniert. Yussufi erhält mehrere E-Mails pro Tag von internationalen Organisationen, die sich mit der Sicherheit im Land befassen. Alle zwei Wochen treffen sich Entwicklungsorganisationen in der deutschen Botschaft zum Austausch; ein ISAF-Vertreter gibt Tipps für Notfälle. Schilder, die das InWEnt-Büro als solches kennzeichnen könnten, hat Yussufi abnehmen lassen. Bei aller Umsicht: "Ein Restrisiko bleibt", sagt Yussufi. "Aber jeder denkt, mich trifft es nicht - wir auch."

Für die Katastrophe gerüstet

Überschwemmungen, Dürren und andere Naturereignisse treffen vom Krieg gezeichnete Länder wie Afghanistan und Mozambique besonders. Hier führt InWEnt im Auftrag des Auswärtigen Amtes mit einheimischen Partnern Projekte zu Katastrophenprävention und -management durch. Das Ziel: Bewusstsein und Handlungskompetenz für Katastrophen zu schaffen, dem Ernstfall vorbeugen und die Folgen lindern. Die Methoden: Fachleute ausbilden, zuständige Institutionen und Organisationen stärken, Netzwerke aufbauen, Multiplikatoren sensibilisieren. In Afghanistan kooperiert InWEnt mit der United Nations Assistance Mission to Afghanistan und dem Department for Disaster Preparedness, das direkt dem Staatspräsidenten untersteht. Sie erstellten mit InWEnt einen National Disaster Management Plan, der als Leitfaden für eine verbindliche Katastrophenvorsorge dienen soll. "Neben dieser Strategieentwicklung fördern wir beispielsweise den Dialog zwischen den Schlüsselministerien, internationalen Organisationen und den Provinzen, um zu klären, wer im Katastrophenfall welche Aufgaben übernimmt", berichtet Projektkoordinator Nadjib Yussufi. Das erfolgreiche Engagement in Mozambique wurde 2004 auf die SADC-Region (South African Development Community) ausgeweitet. Dass ein Projektpartner von InWEnt, das INGC (Nationales Institut für Katastrophenmanagement), vor kurzem selbstständig einen grenzübergreifenden Workshop mit der südafrikanischen Provinzregierung Mpumalanga in Nelspruit durchgeführt hat, ist für Projektkoordinatorin Susanne Breuer ein erfreuliches Ergebnis. Auch UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) und ISDR (International Strategy on Disaster Reduction) sind wichtige Kooperationspartner. Als nach den verheerenden Fluten 2000 und 2001 im vergangenen Jahr wieder eine Provinz überschwemmt wurde, konnte Mozambique die Katastrophe ohne Hilferuf ans Ausland bewältigen. "Dazu hat das Trainingsprogramm sicher auch seinen Beitrag geleistet", sagt Susanne Breuer.