"Wir helfen beim Überleben"

Artikelinfo
Datum: 
07.07.2005
Autor: 
Alexander Zingerle
Quelle: 
Südtirol online www.stol.it

Dort helfen, wo es aussichtslos scheint - egal, ob in Afghanistan, Tschetschenien, Uganda oder Haiti. Menschen, die nicht wissen, ob sie ein Morgen erleben dürfen, wieder eine Perspektive geben. Dies ist der Auftrag des 1979 ins Leben gerufenen Komitees Cap Anamur, das vor einem Jahr aufgrund der Beschlagnahmung seines Hilfsschiffes durch die italienischen Behörden in die Schlagzeilen geriet. An der Spitze dieser bemerkenswerten Hilfsorganisation steht die gebürtige Brixner Ärztin Edith Fischnaller.

Warum sie ihre Freizeit für das Cap Anamur opfert und wie Hilfe geleistet wird, erzählt die 43-Jährige im Gespräch mit Südtirol Online.

Südtirol Online: Frau Fischnaller, wie stehen Sie zu den von Bob Geldof ins Leben gerufenen Live8 - Konzerten?

Edith Fischnaller: Ich finde das eine ganz tolle Idee, um den Gedanken der Humanität und Solidarität gegenüber den Benachteiligten weiter in die Welt und zu den Menschen zu tragen.

STOL: Wie lautet Ihr Appell an die Mächtigen der Welt?

Fischnaller: Da gäbe es viele Appelle. Wichtig sind vor allem der Frieden bzw. die Beendigung der Kriege, die vielen unschuldigen Menschen das Leben und die Würde des Lebens nehmen. Weiters muss die Korruption bekämpft werden, damit die Reichen nicht immer reicher und die Armen nicht immer ärmer werden. Nicht vergessen möchte, wie wichtig es ist, die Bevölkerung im eigenen Land zu unterstützen. Die Liste ließe sich jedenfalls unendlich lange fortführen.

STOL: Sie sind die Vorsitzende einer der bemerkenswertesten Hilfsorganisationen: des Komitees Cap Anamur mit dem gleichnamigen Hilfsschiff. Was will diese Hilfsorganisation bewirken?

Fischnaller: Ich bin sehr stolz darauf, den ersten Vorsitz beim Komitee Cap Anamur inne zu haben, nachdem ich bereits seit 1987 für diese Organisation im In- und Ausland arbeite. Wir bewirken für die Menschen in unseren Projekten eine ganze Menge: Zugang zur Gesundheitsversorgung, Impfungen und Vorsorgen, Bereitstellung von sauberem Trinkwasser, Sicherstellung einer Ausbildung durch Schulen, Aufforstungen und Schutz vor Überschwemmungen durch Dammbauten, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen.
Mit unserer Arbeit retten wir viele Menschenleben, pflegen Kranke gesund, leisten Gesundheitsvorsorge und schaffen Perspektiven für die Zukunft, indem wir durch gezielte Ausbildungsmaßnahmen ganze Familien vor dem sicheren Elend bewahren. Kurzum: Wir helfen beim Überleben und versuchen die Würde der Menschen auch in sehr schwierigen Situationen zu bewahren.
Gleichzeitig sensibilisieren wir hier in Deutschland sehr viele Menschen, die dann entweder selbst bei uns tätig werden oder durch ihre Spenden erst unsere Arbeit ermöglichen.

STOL: Wo seid ihr denn überall tätig?

Fischnaller: In Afghanistan laufen drei Hilfsprojekte, im Irak unterstützen wir ein Krankenhaus, in Tschetschenien bauen wir ein Kinderkrankenhaus wieder auf, darüber hinaus sind wir in Angola, Liberia, Sierra Leone, im Sudan, Kenia, Uganda und Haiti tätig. In Nordkorea, im Kongo und im Dafourgebiet des Sudan versuchen wir mit unseren Projekten Fuß zu fassen.

STOL: Wie ist das Komitee Cap Anamur entstanden?

Fischnaller: Unser Gründer und langjähriger Vorsitzende Rupert Neudeck hat 1979 mit seiner Frau Christel und einigen Freunden zusammen mit einer französischen Organisation ein Schiff gechartert, um vietnamesische Schiffbrüchige aus dem Meer zu retten. Mit dieser und Folgeaktionen konnten über 20.000 Menschen gerettet und zum Teil nach Deutschland gebracht werden. Dabei ist es aber nicht geblieben. Die Hilfe wurde in jenen Ländern fortgeführt, aus denen die Flüchtlinge kamen. Damit konnte auch dort die Lebenssituation verbessert werden. Viele Projekte auf der ganzen Welt folgten und unsere Spender gaben uns den Mut und den Auftrag, weiter den benachteiligten Menschen zu helfen.

STOL: Welche sind Ihre Aufgabengebiete?

Fischnaller: Meine Aufgaben sind schon seit Jahren die medizinische Koordination und Leitung der Projektarbeit. Dies bringt eine Menge an logistischen Herausforderungen mit sich, wie etwa an die Projekte gekoppelte Bestellungen, die Ausstattung der Erstausrüstung bei Notfällen, die Vorbereitungen für die Mitarbeiter und auch kurze Projektbesuche. Den ersten Vorsitz führe ich ehrenamtlich, zwei weitere Vorstandsmitglieder stehen mir dabei zur Seite. Wir haben auch einen Geschäftsführer und eine Büroleitung, welche die täglich anfallende Arbeit erledigt. Wir, vom Vorstand, leisten dabei Hilfestellungen und fällen die nötigen Entscheidungen. Manchmal bin ich auch - so wie gerade jetzt - mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt.

STOL: Sie üben Ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus, da Sie hauptberuflich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bonner Universitätsklinik arbeiten. Bleibt Ihnen da genug Zeit, um die Not in der Welt zu lindern?

Fischnaller: Das geht eben nur, wenn diese Arbeit ehrenamtlich ist und wir einen Geschäftsführer, Bernd Göken, haben. Er hat genauso wie ich jahrelang für das Komitee Cap Anamur in Projekten gearbeitet. Die Not wird von unseren Mitarbeitern vor Ort gelindert und wir hier geben die Möglichkeit dazu. Meine Arbeit im Institut für Hygiene und Öffentlichkeit garantiert mir ziemlich regelmäßige Arbeitszeiten und viel Arbeit für das Komitee erledige ich am Wochenende und abends. Unterwegs bin ich für Cap Anamur in meiner Urlaubszeit.

STOL: Wie kamen Sie zum Komitee?

Fischnaller: Es begann damit, dass ich eigentlich in Südafrika mich als junge Krankenschwester gegen das rassistische Regime engagieren wollte. Geschickt wurde ich aber nach Uganda, um dort die Versorgung von tausenden Flüchtlingen und Rückkehrern zu gewährleisten. Das war im Jahre 1987, seitdem arbeite ich kontinuierlich für Cap Anamur.

STOL: Wie ist das Cap Anamur strukturiert, wie viele Menschen sind für die Hilfsorganisation tätig, wie wird es finanziert?

Fischnaller: In Deutschland gibt es drei ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende und neun Mitglieder sowie einen großen Freundes- und Förderkreis. Viele davon arbeiten für uns ehrenamtlich, auch projektbezogen in den Krisenregionen. Im Büro halten momentan vier Angestellte die Fäden zusammen, demnächst kommt zur Geschäftsführung, Büroleitung, Buchhaltung und Spendenverwaltung auch eine Koordinationsstelle für die Technik. Die Projekte vor Ort treiben zumeist zwischen 40 und 50 Mitarbeiter voran. Diese kommen vorrangig aus Deutschland und aus den Ländern, in denen die Hilfe gerade läuft.

STOL: Besondere Aufmerksamkeit wurde Cap Anamur im Juli 2004 zuteil. Damals wurde das Hilfsschiff mit 37 afrikanischen Flüchtlingen an Bord - allesamt aus Seenot gerettet - von italienischen Behörden beschlagnahmt und hing für einige Zeit im italienischen Hafen Porto Empedocle fest. Was hat die weltweite Berichterstattung schließlich bewirkt?

Fischnaller: Das Schiff wurde im Frühjahr 2005 freigegeben und konnte verkauft werden. Wir sind immer noch der Hoffnung, dass die Berichterstattung die Aufmerksamkeit längerfristig auf das untragbare Problem der Flüchtlinge gelenkt hat. Die Fehler, die Cap Anamur dabei gemacht hat, können nicht über die tiefe Problematik hinwegtäuschen.

STOL:Wie ist mittlerweile das Verhältnis zu den einflussreichen europäischen Regierungen?

Fischnaller: Eigentlich so wie immer: Wir haben sehr viele Freunde in den Regierungen, aber auch Kritiker.

STOL: Unter anderem ist das Cap Anamur auch im vom Tsunami verwüsteten Aceh in Indonesien im Einsatz. Wie helfen Sie dort?

Fischnaller: Wir haben dort Nothilfe geleistet, ein Krankenhaus aus Zelten aufgebaut, Nahrungsmittel, Kochgeschirr und andere lebensnotwendige Sachen verteilt und Schulen reorganisiert. Seit etwa zwei Monaten sind wir nicht mehr in der Region.

STOL: Welche Eindrücke hat Ihnen ihre frühere Tätigkeit als Krankenschwester für das Komitee in Afrika und Asien denn verliehen?

Fischnaller: Die gleichen Eindrücke wie als Ärztin: Unvorstellbares Elend, Hunger und eine oft daraus resultierende Hilflosigkeit. Dazu kommen Machtlosigkeit gegen Korruption, Krieg und Naturkatastrophen. Andererseits habe ich mich vergewissern können, dass Hilfe ankommt.

STOL: Wie kann die Not in diesen Katastrophengebieten am besten gelindert werden - von den führenden Wirtschaftsnationen und von jedem Einzelnen?

Fischnaller: Durch Eigeninitiative Einzelner sowie Hilfestellungen der Staaten und Regierungen kann viel geholfen werden, wobei das leider selten funktioniert. Am wichtigsten ist es, die Grundrechte sicherzustellen und damit meine ich Bildung, Schule, Gesundheit, Würde. Erst dadurch können die Menschen selbstverantwortlich und selbständig handeln und ohne fremde Hilfe klarzukommen.

STOL: Inwieweit ist es möglich, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen? Beispielswiese durch vermehrten Druck auf vielerorts korrupte Regierungen in Afrika und Asien?

Fischnaller: Druck auszuüben, um Korruption zu verhindern wird sehr schwierig sein. Die Korruption wird vielerorts mit unkontrollierter Geldvergabe für irgendwelche Programme gefördert. Hierbei muss sich vor allem auf diplomatischer und informativer Ebene viel verbessern, zudem braucht es effizientere Kontrollen.

STOL: Was motiviert Sie, den Ärmsten der Armen zu helfen?

Fischnaller: Ich möchte mir nicht nur im Fernseher die Bilder der notleidenden Menschen anschauen. Mein Bestreben ist es, aktiv anderen Menschen zu helfen. Meine Ausbildung und Cap Anamur geben mir die Möglichkeit dazu. Wer einmal wie ich in Kriegsgebieten gearbeitet hat und gesehen hat, was für Einzelschicksale man verändert, kann nachvollziehen, dass man nicht einfach wieder der alltäglichen Arbeit als Ärztin nachgehen kann.

STOL: Welchen Bezug haben Sie zu Südtirol?

Fischnaller: Fast alle meine Verwandten leben in Südtirol. Nur meine Geschwister sind ebenfalls in Deutschland beheimatet. Fast jährlich besuchen wir unsere Verwandten und wenn Zeit bleibt, so komme ich mit meiner Familie im Winter nach Südtirol zum Skifahren.

STOL: Welche Erinnerungen an die Heimat tragen Sie mit sich?

Fischnaller: Die wahnsinnig tolle Landschaft, die Menschen und Verwandten, die vor allem mit den leider verstorbenen Eltern sehr eng verbunden waren. Nicht zu vergessen sind das Essen und der Wein. Da lasse ich mich gerne ein wenig versorgen oder bringe auch selbst einen großen Vorrat mit nach Deutschland.

STOL: Welchen Eindruck haben Sie von Südtirol als Außenstehende?

Fischnaller: Ich finde es schön, dass sich Südtiroler und Italiener immer mehr vermischen und gemeinsam für eine gute Zukunft einstehen.

STOL: Ihre Zukunftspläne?

Fischnaller: Ich möchte erst mal trotz der vielen Arbeit meinen beiden Mädchen eine gute Mutter sein. Dann habe ich vor, Anfang des nächsten Jahres meinen Facharzt für Hygiene, Umweltmedizin und Public Health zu machen. Dieser ist mir bei der Arbeit für das Komitee sehr hilfreich.
Für das Cap Anamur möchte ich die nächste Zeit Ruhe und Beständigkeit erreichen, verantwortungsvoll die bestehenden Projekte weiterführen und auch neue Projekte, wie weiter oben beschrieben, in die Wege leiten. Auch dort soll Hilfe geleistet werden, wo die Not am schlimmsten ist und keiner hinschaut. Unsere Organisation soll demokratisch geführt und jedem Mitarbeiter die individuelle Möglichkeit der Arbeitsgestaltung gegeben werden.