Zwischen Eifelidylle und Krisenregion

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Datum: 
02.03.2008
Quelle: 
Blickpunkt am Sonntag

Mechernich (bez). Eng zusammengepfercht sitzen die ausgemergelten Menschen auf überladenen und altersschwachen Booten. Sie wissen nicht, ob sie das Festland erreichen oder Opfer von Stürmen oder Piratenüberfällen werden, aber diese Ungewissheit ist ihnen lieber als sich den Repressalien der Kommunisten auszusetzen.

Die Bilder von den so genannten "Boat People" gingen Ende der 70er Jahre um die Welt. Mehr als eine Million Vietnamesen nahmen damals - nach dem Sieg des kommunistischen Nordens über den Süden des Landes - den einzig möglichen Fluchtweg über das Wasser auf sich, um in die Freiheit und in eine bessere Welt zu gelangen. Die Geschehnisse im Südchinesischen Meer waren zugleich die Geburtsstunde der Hilfsorganisation "Cap Anamur". Als der Kölner Journalist Rupert Neudeck und seine Ehefrau Christel diese Bilder sahen, handelten sie auf eigene Faust und gründeten zusammen mit Freunden das private Hilfskomitee "Ein Schiff für Vietnam". Sie charterten im Jahr 1979 für die anstehenden Hilfs- und Rettungsaktionen den Frachter "Cap Anamur". Der Alleingang des Ehepaares war von Erfolg gekrönt. Sage und schreibe 10 375 Bootsflüchtlinge konnten damals aus dem Meer gerettet werden.

"Durch den enormen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, die mit ihren Spenden dieses Hilfsprojekt ermöglicht haben, beschlossen Christel und Rupert Neudeck ihr Engagement für Hilfsbedürftige weiterzuführen und auch in anderen Ländern tätig zu werden - und das bis heute", sagt Bernd Göken. Der 41-jährige Mechernicher ist Geschäftsführer von Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V.

Vor 23 Jahren wurde Bernd Göken auf das Ehepaar Neudeck und Cap Anamur aufmerksam, als er eine 90-minütige Reportage über die Hilfsorganisation im Fernsehen sah. "Dieser Beitrag weckte mein Interesse auf die Entwicklungshilfe und ich fasste daraufhin den Entschluss, zuerst einmal eine Ausbildung im medizinischen Bereich zu absolvieren. Ich wurde Krankenpfleger. Nach meiner Ausbildung bewarb ich mich bei der Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V. und hatte das Glück, dass mich Rupert Neudeck einstellte", fasst der gebürtige Friese aus Hooksiel in Niedersachsen kurz seinen beruflichen Werdegang zusammen.

Angola war das erste Einsatzgebiet für Bernd Göken. "Ein sehr gefährliches Hilfsprojekt, denn Angola befand sich jahrzehntelang im Bürgerkrieg und wir kamen sowohl mit der Regierungsseite als auch mit der Rebellenseite in Berührung, da wir gezwungen waren, die Grenzen beider Lager zu passieren", erinnert sich der heute 41-Jährige an seinen ersten Einsatz im Jahre 1994. "Ich war zwei Jahre dort. Zu unseren Aufgaben gehörte - neben der medizinischen Hilfe - auch das Wegräumen von Minen", erzählt der erfahrene Krankenpfleger.

Ein anderer Hilfseinsatz im Jahre 2001 brachte ihn für 27 Monate in den Sudan. Dort lernte er - teilweise unter schwierigen Bedingungen - die Hebamme Claudia Heller kennen, die heute seine Ehefrau ist. Das entsandte Hilfsteam bestand aus vier Leuten - darunter auch Claudia Heller - und hatte mit massiven Problemen zu kämpfen. "Wir waren dort von Rebellen umzingelt. Das war das erste Mal, dass ich Angst um unser kleines Team hatte. Nur mit viel Glück haben wir diese gefährliche Situation unbeschadet überstanden", so Bernd Göken.

Mittlerweile ist der zweifache Familienvater nicht mehr als Krankenpfleger für Cap Anamur im Einsatz, sondern hat die Geschäftsführung inne, da Rupert Neudeck vor sechs Jahren den Vorsitz von Cap Anamur in jüngere Hände legte und heute noch als Freund und Unterstützer eng mit der Hilfsorganisation verbunden ist.

"Ich reise zu allen Projekten, die wir ins Leben gerufen haben, sei es nach Grozny, Angola, Kenia, Bangladesch, Sudan, Liberia, Haiti, Libanon, Uganda, Java, Elfenbeinküste, Somalia oder auch nach Afghanistan", erklärt Göken. Sechs bis acht Reisen unternimmt der erfahrene Entwicklungshelfer im Jahr. Für einen Besuch plant er normalerweise zwei bis drei Wochen ein. Das Motto von Cap Anamur lautet "Hilfe zur Selbsthilfe". "Wir betreuen unsere neuen Projekte, helfen beim Aufbau und geben unser Know-how an die Bevölkerung weiter, besonders an Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen und Techniker. Wir betreuen ein Hilfsprojekt nur solange bis die dortigen Verantwortlichen in der Lage sind, das Unternehmen alleine zu stemmen."

Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V. finanziert sich zu 100 Prozent aus Spenden und kommt ohne staatliche Unterstützung aus. "Wir haben schon seit Jahren eine treue Stammspenderschaft und versuchen natürlich auch immer wieder neue, jüngere Spender zu finden", erklärt Bernd Göken. Auf rund 3 bis 3,5 Millionen Euro im Jahr belaufen sich die eingehenden Spendengelder, die in die zwei Hauptsparten Bildung und Medizin investiert werden.

Ein kleines Verwaltungsteam sitzt in der Zentrale in Köln. "Das Gros unserer Mitarbeiter - zwischen 40 und 60 Personen - ist vor Ort im Einsatz und arbeitet bei unseren verschiedenen Projekten mit. Pro Jahr erhalten wir bis zu 600 Anfragen von interessierten Personen, die sich für einen Hilfseinsatz bei uns bewerben. Wir benötigen Krankenschwestern, Hebammen, Ärzte, Sozialpädagogen und Techniker. Dabei setzen wir eine dreijährige Berufserfahrung und das Mindestalter von 25 Jahren voraus", so Göken.

Für Bernd Göken ist seine damalige Berufswahl auch heute noch die richtige Entscheidung gewesen. "Ich fühle mich mit den Ideen von Cap Anamur verbunden und ich habe von Rupert Neudeck den Auftrag bekommen, sein Werk weiterzuführen", erläutert der Geschäftsführer, der seit fast zwei Jahren mit seiner Familie in Mechernich wohnt.

Die nächste Reise steht für Bernd Göken in diesem Monat an. Es geht nach Afghanistan. "Wir haben zwei Krankenhäuser in der Provinz Takhar aufgebaut, die heute vorbildhaft von afghanischem Fachpersonal betrieben werden. Unser Hauptaugenmerk liegt diesmal auf der neuen Klinik in Herat, die sich um eine intensive Frauen- und Kinderbetreuung kümmert. Darüber hinaus leisten wir dort gerade auch akute Nothilfe für die Bevölkerung, die zurzeit von heftigen Kältewellen und starken Schneefällen heimgesucht werden, und Cap Anamur schickte erste Hilfslieferungen an die notleidenden Menschen", sagt Göken und weist auf einen Kontinent hin, der ohne ausländische Unterstützung katastrophalen Zeiten entgegensieht.

Laut Bernd Göken ist Afrika der Kontinent, der unsere Hilfe am dringendsten benötigt, und Somalia steht ganz oben auf der Liste. "Zurzeit ist an einen dortigen Hilfseinsatz nicht zu denken, denn dort herrschen gefährliche Konflikte. Wir Helfer würden zum jetzigen Zeitpunkt lediglich eine Zielscheibe für Entführungen und Ermordungen darstellen", sagt Göken über die aktuelle Situation.