Vagabund im Dienst der Humanität

Artikelinfo
Datum: 
24.03.2009
Autor: 
Wolfgang Görl
Quelle: 
Süddeutsche Zeitung

Im Jahr 1972 fuhr Werner Höfner mit einer Freundin und zwei Freunden in einem VW-Bus von München nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Das war so etwas wie die Grand Tour der damaligen Zeit, die Bildungsreise jenes Teils der Achtundsechziger-Generation, der sich vom Indien-Trip der Beatles, von fernöstlicher Spiritualität oder der halluzinogenen Wirkung ihrer Joints inspirieren ließ. Auf dem Weg nach Nepal durchquerte der Medizinstudent Höfner auch Afghanistan, damals noch eine Monarchie, an deren Spitze der König Sadir Schah stand. Kabul war "eine wunderschöne Stadt" und zudem eine Kultstätte amerikanischer und europäischer Hippies, die zu Tausenden mehr oder weniger bekifft in den Gassen herumhingen. Mit Hippies und Joints hatte Höfner wenig im Sinn, aber das Land, die Natur und die Menschen begeisterten ihn. Er würde wiederkommen, das war klar.

Und tatsächlich, 1987 kehrte er zurück. Aber seine alte Liebe Afghanistan war jetzt ein anderes Land. Es herrschte Krieg. Sowjetische Truppen, die das Regime des Präsidenten Mohammed Nadschibullah unterstützten, bekämpften mit äußerster Härte die Mudschaheddin, die ihrerseits die Invasoren aus dem Land zu jagen versuchten. In dieses Kriegsgebiet war Höfner gekommen, um humanitäre Hilfe zu leisten. Mittlerweile war er Arzt und seit fünf Jahren Mitglied der Hilfsorganisation Cap Anamur, für die er bereits in einigen Krisengebieten tätig gewesen war.

Die Afghanistan-Mission war besonders heikel, denn man hatte sich vorgenommen, ein Krankenhaus in einer "befreiten Zone" wieder in Dienst zu stellen. Als befreit galten Gebiete, die nicht mehr von der sowjetischen Armee und den mit ihr verbündeten Regierungstruppen kontrolliert wurden. Rupert Neudeck, der Gründer des Komitees Cap Anamur, leitete die Aktion.

Ausgangspunkt war Peschawar, wo der paschtunische Kommandant Gulbuddin Hekmatyar - der brutale Kriegsherr ist noch heute im Geschäft - sein Hauptquartier hatte. Begleitet von 20 Mudschaheddin-Kämpfern zog der Cap-Anamur-Trupp auf Pferden quer durchs Land. Doch offenbar war das Vorhaben verraten worden, jedenfalls geriet die Gruppe in einen Hinterhalt. Dem Angriff russischer Panzer fiel die gesamte Vorhut zum Opfer. Höfner flüchtete allein in die Berge, über verschneite Hänge gelangte er zu einem Haus, dessen Bewohner ihm Zuflucht boten. Später stieß er wieder zu den Überlebenden, das Krankenhaus erreichten sie nie.

Werner Höfner, der heute zweiter Vorsitzender von Cap Anamur ist, erzählt solche Abenteuer nahezu beiläufig - so, als wäre nichts dabei, als sei es ganz normal, bei der Ausübung seines Jobs in Lebensgefahr zu geraten. Vielleicht hat er schlichtweg schon zu viel erlebt, um Aufhebens um derlei Einzelfälle zu machen. Er war in einem Bürgerkriegsgebiet im Tschad, er war im Irak, in Basra, als die ersten Bomben der Amerikaner fielen, er war in der indonesischen Kleinstadt Calang, wo die Opfer des verheerenden Tsunami vom 26. Dezember 2004 aufgedunsen und verwesend in den Ruinen lagen, er war im Kongo, wo Soldaten und Rebellen nicht nur übereinander herfielen, sondern auch die Zivilbevölkerung massakrierten. Und doch: Er wiegelt ab, wenn man sein Engagement für Cap Anamur als permanentes Spiel mit dem Leben betrachtet. "Es ist ja nicht so, dass in diesen Ländern ununterbrochen aufgespießt, vergewaltigt und gemordet wird."

Höfner ist 1949 in Saal an der Donau geboren, seine Jugend verlebte er im Chiemgau, dann, nach dem Abitur am Gymnasium Traunstein, zog er zum Studium nach München. Heute lebt er mit seiner Familie in einer famosen Altbauwohnung in Sendling, mit seiner Frau Annemarie hat er eine Gemeinschaftspraxis in Neuhausen. Ja, doch, er ist in München zu Hause - aber ist die Stadt auch seine Heimat? Oder ist er nicht vielmehr in aller Welt daheim? "Mich hat immer das Abenteuer gelockt, ich wollte immer neue Länder sehen." Und wenn er erzählt, von Afghanistan, von Indien oder vom Tschad, dann kann man darauf warten, bis der Satz fällt: "Das Land wurde meine große Liebe." Was die Leidenschaft für fremde Kulturen betrifft, ist Höfner alles andere als monogam. Indien beispielsweise hat ihn nie wieder losgelassen, seit er den Subkontinent auf seiner Kathmandu-Reise erstmals durchquert hat. "Die Leute dort sind ihrer Kultur immer treu geblieben - trotz aller Verwerfungen. Es ist ein tolles Land."

Während seiner Zeit als Medizinalassistent lernte Höfner am Schwabinger Krankenhaus seine spätere Frau kennen, die sich ebenfalls der Medizin verschrieben hatte. Das Paar unternahm eine Rucksackreise durch Afrika und Asien, es war bald klar, "dass wir für längere Zeit ins Ausland gehen werden". 1982 bewarben sich Höfner und seine Freundin "als zukünftiges Ehepaar" (so schrieben sie) für einen Auslandseinsatz bei Cap Anamur. Die Hilfsorganisation war drei Jahre zuvor von Christel und Rupert Neudeck sowie dem Schriftsteller Heinrich Böll gegründet worden, um vietnamesische Bootsflüchtlinge, die sogenannten Boat People, aus dem südchinesischen Meer zu retten.

Das Angebot des zukünftigen Ehepaars wurde dankend angenommen, die beiden kamen in ein Krankenhaus in der tschadischen Region Wadai. Dort, in Abéché, übernahm Höfner, der zuvor in der Gynäkologie gearbeitet hatte, die Geburtshilfe, seine Frau praktizierte als Chirurgin. Harte Zeiten. In der Region tobte ein Bürgerkrieg. Ein kleines Team von fünf Leuten hielt das 100-Betten-Krankenhaus in Gang. Menschen mit Bauchschüssen oder Granatsplittern im Leib mussten operiert werden, und wenn einer starb, hallten die Totenklagen der Angehörigen die ganze Nacht hindurch. Als das Münchner Ärzte-Paar nach einem dreiviertel Jahr auf dem Landweg über Khartum ausreisten wollte, wurde es gebeten, einen wegen Meuterei zum Tode verurteilten kongolesischen Leutnant außer Landes zu schmuggeln. Sie haben ihn verkleidet ins Auto gesetzt und heimlich über die Grenze in den Sudan gebracht - ein gefährliches Husarenstück. In Khartum haben sie den Mann dem Flüchtlingskommissariat UNHCR überstellt. "Wir waren froh, dass wir ihn los waren." Der Gerettete wanderte in die USA aus, man blieb in Kontakt.

In diesem Stil ging es weiter: Afghanistan, dann wieder Tschad, schließlich zweieinhalb Jahre Nigeria. Inzwischen hatten die beiden geheiratet, die kleine Tochter tourte bereits mit, in Nigeria kam Sohn Matthias auf die Welt. Am liebsten hätte Höfner das Vagabundendasein im Dienste der Humanität fortgesetzt, aber Frau Annemarie, vernünftig, wie Mütter nun mal sind, war der Ansicht, dass die Kinder ein festes Zuhause bräuchten. So wurde die Familie wieder sesshaft in München, und man eröffnete eine gemeinsame Arztpraxis in der Arnulfstraße.

Aber ganz konnte es Höfner nicht lassen, es trieb ihn immer wieder zu den Brennpunkten der Welt, wenn auch für kürzere Zeit. Er war im Kosovo, in Somalia, wiederum in Afghanistan, und als die US-Armee mit ihren Verbündeten im Jahr 2003 in den Irak einmarschierte, war Höfner schon seit zwei Wochen im Land. Er hat mitbekommen, wie rasch die Amerikaner die anfänglichen Sympathien verspielten. "So, wie die US-Soldaten aufgetreten sind, arrogant und aggressiv, kann man keine Freunde gewinnen. Der Irakkrieg ist eine Tragödie, ein Kriegsverbrechen vielleicht."

Zuletzt war Werner Höfner erneut im Kongo. In der Stadt Kamituga an der Grenze zu Ruanda versucht Cap Anamur, ein marodes Krankenhaus wieder funktionstüchtig zu machen. "Es ist eine schöne Aufgabe", sagt Höfner. Würde dieses Krankenhaus gänzlich verfallen, hätten 250 000 Menschen keine ärztliche Versorgung mehr. Medizinische Geräte und Medikamente gibt es kaum, durch das löchrige Dach fällt der Regen in Behandlungs- und Patientenzimmer. Bis 1996 betrieben die Belgier eine Goldmine in Kamituga, das Gebiet ist durch Chemikalien verseucht. Marodierende Milizionäre machen die Feldarbeit lebensgefährlich.

Das Krankenhaus-Projekt ist ein Hoffnungsschimmer für die Menschen in dieser Region. Besonders wichtig ist Höfner die Ausbildung der einheimischen Ärzte. Schließlich wäre es das Beste, die Menschen könnten sich selbst helfen. Das allein wäre schon ein Fortschritt. Aber so weit ist es noch nicht - nicht in Kamituga und ebenso wenig in anderen Krisengebieten. Die Menschen hängen am Tropf der Hilfsorganisationen oder sie sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, vielleicht Richtung Europa - dorthin, wo sie meist unerwünscht sind. "Man muss versuchen", sagt Höfner, "in den Ländern selbst was zu verändern."

Am Dienstag, 24. März, 19.15 Uhr, feiert Cap Anamur den 30. Gründungstag im Museum für Völkerkunde, Maximilianstraße 42. Unter anderem berichtet Werner Höfner über das Krankenhaus-Projekt in Kamituga und das Flüchtlingslager Minova im Ost-Kongo.