Notärzte-Komitee "Cap Anamur" feiert 30-jähriges Bestehen

Artikelinfo
Datum: 
28.06.2009
Autor: 
Yuriko Wahl
Quelle: 
Aachener Zeitung

Köln. Tausende haben Cap Anamur ihr Leben zu verdanken. Drei Jahrzehnte lang sind die Teams des Notärzte-Komitees nun bereits in aller Welt im Einsatz.

Seit 1979 retteten sie vietnamesische Flüchtlinge vor dem Ertrinken aus dem chinesischen Meer. Heute unterhalten sie eine 200-Betten-Klinik im Kongo, versorgen junge Menschen im einzigen Kinderkrankenhaus Sierra Leones und verarzten Flüchtlinge aus Birma. Demnächst eröffnen Helfer eine Ausbildungswerkstatt für Nomadenkinder in Angola und errichten weitere Schulen in Afghanistan.

Seit seiner Gründung ist Cap Anamur zum Inbegriff für wirksame und oft unkonventionelle Hilfe für Flüchtlinge und Notleidende in aller Welt geworden. Am Sonntag feierte die Organisation ihr 30jähriges Bestehen.

"Wir haben es 30 Jahre lang wirklich geschafft, schnell und unabhängig immer dort zu arbeiten, wo es besonders schlimm ist und wo andere Organisationen mit einem größeren Apparat nicht hingehen", sagt Cap-Anamur-Lenkerin Edith Fischnaller. "Das ist wirklich ein Grund zu feiern", meint die Bonner Medizinerin, die seit Ende 2004 den ehrenamtlichen Vorsitz hat.

Mehr als tausend Mitarbeiter - Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Techniker oder Handwerker - rückten bisher in über 50 Länder aus. Aktuell sind die Aktivisten auch in Uganda, Bangladesch, Kenia, Indonesien, Tschetschenien, Elfenbeinküste, Liberia oder im Sudan im Einsatz. Die Helfer sind Idealisten, die sich in Kriegs- und Katastrophengebiete aufmachen, dort unter einfachsten Bedingungen leben und Gefahren und Strapazen auf sich nehmen.

Die Cap-Anamur-Leute arbeiten mindestens ein halbes Jahr im Einsatzland und immer Hand in Hand mit der einheimischen Bevölkerung. Büros gibt es aus Gründen der Sparsamkeit nicht. Die Zentrale in Köln fällt bescheiden aus.

Der Schriftsteller Günther Wallraff lobt, dass Cap Anamur - anders als viele andere Hilfsorganisationen - ohne bürokratischen Aufwand und ohne aufgeblähten Apparat arbeite. Damit könnten die Spendengelder zu über 90 Prozent in die Projekte fließen, betont Wallraff als Laudator bei einem Festakt mit 400 Gästen am Sonntag in der Kölner Trinitatiskirche.

Doch trotz aller Feierstimmung schwebt der bedrückende Fall Elias Bierdel über dem Jubiläum. Der frühere Cap-Anamur-Chef wartet noch immer auf das Urteil eines sizilianischen Gerichts gegen ihn, das für den 21. Juli erwartet wird. Die italienischen Behörden werfen dem 48-Jährigen Beihilfe zur illegalen Einwanderung vor.

Hintergrund ist eine glücklose Aktion im Sommer 2004, als die Besatzung der "Cap Anamur II" 37 afrikanische Flüchtlinge aus einem Schlauchboot rettete. Erst nach einer längeren Irrfahrt wurde ein Anlegen am sizilianischen Hafen Empedocle erlaubt. Bierdel kam fünf Tage in U- Haft, fast alle Flüchtlinge wurden abgeschoben, das Schiff des Notärzte-Komitees verrottete.

Gegründet hat die Organisation der heute 70-jährige Rupert Neudeck, der mit seinen Aktivisten mehr als 11 400 vietnamesische Flüchtlinge aus dem Meer fischte. "Die Identifikation mit Cap Anamur, mit dem Schiff und der Rettung der boat people ist so total. Selbst der Versuch, mich zu distanzieren, würde scheitern", hatte Neudeck der dpa jüngst gesagt und von einer "heimlichen Elternschaft" gesprochen. Den Vorsitz legte er 2002 aus Altersgründen nieder.