Die Retter sind gerettet

Artikelinfo
Datum: 
08.10.2009
Autor: 
Hanno Kabel
Quelle: 
Lübecker Nachrichten

"Wahnsinn! Wahnsinn!", sagte Kapitän Stefan Schmidt am frühen Nachmittag ins Telefon, und das bedeutete nichts anderes als grenzenlose Erleichterung. Das Urteil des Gerichtes von Agrigent löste eine Anspannung, unter der Stefan Schmidt und seine Mitangeklagten fünf Jahre lang gelitten hatten und die an diesem Tag noch einmal fast unerträglich geworden war. Schmidt: "Man wusste wirklich bis zum letzten Moment nicht, was daraus wird." Schlecht geschlafen habe er in den letzten Wochen, sich nicht mehr richtig konzentrieren können.

Um 9 Uhr waren die Angeklagten, die Anwälte und ihre Unterstützer im Gericht. Der Saal war voll - mit Sympathisanten aus Deutschland und Italien, mit Angehörigen, mit Kamerateams und Reportern. Um 9.40 Uhr kam endlich die Vorsitzende Richterin, stellte die Anwesenheit der Angeklagten fest, fragte Staatsanwalt und Verteidiger, ob sie noch etwas zu sagen hätten; das war nicht der Fall - und nach drei Minuten wurde die Verhandlung auf 13 Uhr vertagt. Um 13.15 Uhr dann endlich die Erlösung: Freispruch in allen Punkten für alle drei Angeklagten. "Es brach großer Jubel aus", berichtete der aus Lübeck mitgereiste Pastor Kai Gusek, "und auch Tränen bei einigen der Beteiligten".

Vor der Urteilsverkündung hatte sich in Lübeck, der Heimatstadt Schmidts, ein Unterstützerkreis gebildet, der sich für einen Freispruch der Angeklagten und für eine andere europäische Flüchtlingspolitik starkmachte. Literaturnobelpreisträger Günter Grass hatte in einer öffentlichen Veranstaltung die Unterstützung der Bundesregierung für Schmidt und Bierdel gefordert. Aber letztlich war diese Unterstützung nur symbolisch - denn die Entscheidung lag allein beim Gericht in Agrigent. "Jetzt können wir endlich tief aufatmen", sagte Stefan Schmidt, "und vor allem denken wir auch, dass es ein positives Signal für die Schifffahrt ist - für alle da draußen, die unsicher waren." So hätten die Jahre, die er und seine Mitstreiter vor Gericht gestanden hätten, doch noch etwas Gutes gebracht - trotz all der Verunsicherung. Sein Vertrauen in die italienische Justiz sei bestätigt worden. "Nicht die Justiz hat versucht, uns reinzulegen. Probleme haben uns vor allem die Ermittlungsbehörden gemacht."

Nach Angaben der Internationalen Liga für Menschenrechte steht, ebenfalls in Agrigent, in einem ähnlichen Fall ein tunesischer Fischer vor Gericht, der im August 2007 44 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet hatte. Ihm drohen dreieinhalb Jahre Haft und 440 000 Euro Geldstrafe.

Vielleicht deswegen reagierte Schmidts Mitangeklagter Elias Bierdel, damals Vorsitzender der Organisation "Komitee Cap Anamur", gestern noch erstaunlich verhalten. Er sagte: "Ich kann erst von Erfolg sprechen, wenn die Urteilsbegründung klarstellt, dass unser Handeln rechtens war und Kapitäne wieder Mut fassen können, Flüchtlinge in Seenot zu retten." Der Seerechtsexperte Vittorio Dorzio, einer der Anwälte der Angeklagten, sah diese Forderung schon weitgehend erfüllt: "Das Wichtigste ist: Was diese Männer getan haben, kann nicht als Verbrechen angesehen werden. Wenn man jemanden in Not sieht, muss man ihm helfen." Die Begründung wird spätestens 90 Tage nach dem Urteil veröffentlicht.

Stefan Schmidt war erst durch seinen Rettungseinsatz vor fünf Jahren zur öffentlichen Person geworden. Seine lange Laufbahn als Seemann war eigentlich schon vorbei, als er 2004 Kapitän der "Cap Anamur" wurde, die Hilfsgüter in arme Länder brachte. Doch als er kurz darauf 37 todgeweihte afrikanische Bootsflüchtlinge aus dem Meer rettete, nahm sein Leben eine dramatische Wende: Er stand im Mittelpunkt einer riesigen Medienöffentlichkeit.

Er hat mühsam lernen müssen, wie man mit so einer Öffentlichkeit umgeht und sie nutzt. Er hat nicht vor, sich jetzt wieder zurückzuziehen. Er wolle sich weiter für den Verein borderline-europe engagieren, der sich für Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen einsetzt, sagte er gestern nach dem Freispruch: "Die Flüchtlinge wird es weiter geben. Da werden wir weiterhin genug zu tun haben."

Wie recht er hatte, zeigte sich zur gleichen Zeit nur anderthalb Autostunden entfernt. Während in Agrigent das Urteil verkündet wurde, waren die Behörden in Gela, 80 Kilometer südöstlich, mit 35 neu angekommenen Flüchtlingen beschäftigt. 15 von ihnen hatten am Morgen lebend das Ufer erreicht. 20 waren schon vorgestern mit einem Schlauchboot angekommen. Zwei wurden gestern tot angeschwemmt.