Mädchen für alles in Afrika

Artikelinfo
Datum: 
10.03.2010
Autor: 
Robert Renner
Quelle: 
Weißenburger Tagblatt www.weissenburger-tagblatt.de

WEISSENBURG - Regine Hemmeter ist eine zierliche Person. Die 45-Jährige ist aber auch ein Energiebündel. Und das hat der gebürtigen Weißenburgerin sicher im vergangenen Jahr geholfen: Die gelernte Krankenschwester, die auch Pflegemanagement studiert hat, war Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfsorganisation »Komitee Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte» in Afrika. Vier Monate arbeitete sie in der Krankenstation eines Flüchtlingslagers im Osten der Republik Kongo. Hernach leitete sie zusammen mit einem Kollegen über ein halbes Jahr das einzige Krankenhaus für psychisch Kranke in Liberia.
Betrachtet man die Landschaftsfotos, die Regine Hemmeter zu zeigen hat, fällt einem spontan das Wort »Paradies» ein. Der Blick geht über sattes Grün und einen See hinweg zu einer Gebirgslandschaft. Auf dem Wasser gleitet ein Ruderboot dahin. Das Bild strahlt Frieden aus. Doch
die Idylle trügt.

Das Foto entstand aus einem Flüchtlingslager heraus, etwa 60 Kilometer von der kongolesischen Stadt Goma entfernt - einem Lager, in dem rund 9 000 Menschen Zuflucht fanden. Sie waren vor dem Bürgerkrieg im benachbarten Ruanda geflohen. »Hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen kamen zu uns», erinnert sich Hemmeter. Dass sie nach den tagelangen Fußmärschen am Ende ihrer Kräfte waren, versteht sich von selbst. Sie zu versorgen, war eine enorme Aufgabe für den kongolesischen Arzt und die Krankenschwester, die zusammen mit Regine Hemmeter auf der Krankenstation arbeiteten.
Doch die ausgemergelten Menschen und ihre Verletzungen brannten sich bei der Weißenburgerin nicht so ins Gedächtnis ein wie die »Flut schlimmstens vergewaltigter Frauen», die das Flüchtlingslager erreichte. In manchen Fällen sei jede medizinische Hilfe zu spät gekommen. Die körperliche Schäden seien aber nur das eine gewesen, noch schwerer habe für viele Frauen die »Angst vor Ächtung durch den eigenen Mann und die Familie» gewogen.

Ähnlich nahegegangen sind der 45-Jährigen kriegsverletzte Kindern. Viele mussten von der Krankenstation mit Unterstützung des Roten Kreuzes zum nächsten Krankenhaus gebracht werden. Erschwerend kamen die Sprachbarrieren hinzu. Regine Hemmeter hatte sich noch vor ihrer Abreise in die zentralafrikanische Republik Kongo Gedanken gemacht, weil sie die Amtssprache Französisch nicht beherrscht. »Ich musste aber schnell feststellen, dass es mir gar nichts genutzt hätte», blickt sie zurück. Denn die Flüchtlinge aus Ruanda sprachen ihre Landessprache Kinyarwanda und Dialekte.

16 Stammessprachen
Nicht viel besser war die Situation in Liberia. Dort ist Englisch zwar Amtssprache, aber nicht einmal drei Prozent der Bevölkerung sprechen es als Muttersprache - dafür eine der 16 Stammessprachen. In dem Land an der Atlantikküste sollten ehemalige Sklaven aus Amerika angesiedelt werden. Doch das ging gründlich schief. Konflikte zwischen deren Nachkommen und länger ansässigen Ethnien prägen das Land bis heute. Hemmeter: »Ich habe mir nie vorher Gedanken gemacht, welche Auswirkungen 14 Jahre grausamer Bürgerkrieg auf die Bevölkerung eines Landes haben.»

Es mangle an fast allem, dafür gebe es große Gewaltbereitschaft. Den
meisten Liberianern fehle es an Bildung und die Arbeitslosenquote liege bei 80 Prozent. Korruption sei an der Tagesordnung. Folgen dieser katastrophalen Situation lernte die 45-Jährige in der einzigen psychiatrischen Klinik des Landes in der Hauptstadt Monrovia kennen: »Es gibt sehr viele Menschen mit Stresspsychosen», schildert die Krankenschwester.

Drogenmissbrauch und Gewalttaten seien oft der akute Anlass, der diese Menschen in das »E.S. Grant Mental Health Hospital» treibt - allerdings nicht selten mit dem Umweg über einen Dorfheiler. Anhänger traditioneller Glaubensrichtungen gehen davon aus, dass ein psychisch Kranker in aller Regel von Geistern oder Dämonen besessen ist, die man mit Ritualen austreiben kann. Regine Hemmeter: »Wenn die Leute das überlebt haben, sind sie zu uns gekommen.»

In der von »Cap Anamur» betriebenen Klinik betreuen 30 Mitarbeiter
70 bis 80 Patienten stationär. Außerdem kommen rund 250 Kranke wöchentlich zur ambulanten Behandlung. Regine Hemmeter und ihr »Cap Anamur»-Kollege mussten sich als Leiter aber nicht nur um die Patienten und das Personal kümmern, sondern auch um die Versorgung mit Lebensmitteln, das Abdichten des Hauses in der Regenzeit, den Fuhrpark, die Sickergrube und vieles mehr. Die 45-Jährige: »Du bist dort Mädchen für alles.» Denn um Aufgaben delegieren zu können, müsse man erst vertrauenswürdige Menschen finden, bei denen kein Geld verschwinde und die
die Arbeiten tatsächlich auch erledigten.

Dass die Pflegemanagerin nicht länger in Monrovia blieb, liegt aber nicht an diesen Umständen. Vielmehr sei es wichtig als Helfer, regelmäßig Abstand von den Extremsituationen zu gewinnen. »Man muss erkennen, dass es gut ist, wenn man mal wieder länger zu Hause ist», weiß sie. Und auch während des Einsatzes müsse man Kontakt zu Freunden und zur Familie halten. Voll des Lobes ist sie an dieser Stelle für das »Komitee Cap Anamur», das »stark darauf achtet, dass seine Mitarbeiter sich nicht übernehmen.»

Denn ganz eindeutig verändere man sich selbst bei solchen Einsätzen. Viele Dinge sehe man hernach gelassener, materielle Dinge stünden nicht mehr so sehr im Vordergrund. Dennoch will die 45-Jährige, die derzeit auf der Suche nach einer Arbeitsstelle ist, nicht über das Leben im Wohlstand hierzulande moralisch richten: »Das sind schließlich zwei völlig andere Welten.»