"Ein Tag länger, und wir wären gestorben"

Artikelinfo
Datum: 
14.08.2014
Autor: 
Jürgen Bröker
Quelle: 
Die Welt

Vincent Nguyen Van Ri floh 1981 aus Vietnam. Mit Frau, vier Kindern und weiteren 95 Menschen saß er sechs Tage auf einem kleinen Boot. Dann kam die Cap Anamur und rettete die Flüchtlinge vor dem Tod

In seinem Wohnzimmer in Mönchengladbach fühtl sich Nguyen Van Ri zu Hause. Deutschland ist zu seiner neuen Heimat geworden, nach dem er 1981 aus dem Vietnam fliehen musste

In seinem Wohnzimmer in Mönchengladbach fühtl sich Nguyen Van Ri zu Hause. Deutschland ist zu seiner neuen Heimat geworden, nach dem er 1981 aus Vietnam fliehen musste. Foto: Catrin Moritz

Sein bewegtes Leben hat Vincent Nguyen Van Ri im Esszimmer seines Hauses in Mönchengladbach ausgebreitet. Zwölf Stühle stehen hier bereit. Platz genug für seine Frau und die acht Kinder. Für die vielen Gäste, die er gerne empfängt. Doch für sein Leben ist der Tisch nicht groß genug. Etliche Aktenordner hat der freundliche Vietnamese für den Besucher herausgeholt. Fotos liegen verteilt auf dem Tisch. Sie zeigen Van Ri mit dem Papst, mit Politikern, bei Ehrungen, mit der Familie. Auf fast allen Bildern ist ein vor Glück strahlender kleinen Mann abgelichtet. Meist in Anzug und Krawatte.

Dass Van Ris Leben so viele Aktenordner füllt, hat er der Cap Anamur zu verdanken. Jener vom Fracht- zum Hospitalschiff umgebauten Rettungsinsel, die vom 13. August 1979 bis Mitte der 80er-Jahre mehr als 11.000 Vietnam-Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Chinesischen Meer bewahrte. 1981 stieg auch Van Ri mit seiner Frau und vier Kindern an Bord der Cap Anamur und damit in ein neues Leben.

Ein Jahr lang hatten Van Ri und die 100 weiteren Menschen damals ihre Flucht aus dem kommunistischen Vietnam vorbereitet. "Ein Jahr lang mussten wir still sein, damit die Kommunisten nichts mitbekamen", sagt Van Ri. Er erzählt mit lauter Stimme. Trotzdem muss man sich konzentrieren, wenn man ihn verstehen möchte.

Zuvor war einer seiner insgesamt drei Fluchtversuche gescheitert, weil jemand mit den falschen Leuten gesprochen hatte, der Plan musste abgebrochen werden. Ein anderes Mal war Van Ri schon 19 Stunden auf dem Meer. Doch die Menschen an Bord bekamen zu große Angst. Das Boot kehrte um.

Lieber Sterben als zurück nach Vietnam

Dann, an einem Tag im Juni 1981, der dritte Versuch. Van Ri war klar, es würde sein letzter sein. Lieber wollte er auf dem Meer sterben als wieder zurück nach Vietnam. Der heute 60-Jährige wollte weg aus seiner Heimat, um den Verfolgungen und Repressalien durch die kommunistische Regierung zu entkommen. "Ich war Soldat und habe im Vietnamkrieg an der Seite der westlichen Kräfte gekämpft", sagt er. Deshalb stand er unter Beobachtung, konnte sich nicht frei bewegen.

Also kratzte er mit Nachbarn, Freunden und Bekannten genügend Geld zusammen, um sich ein Boot kaufen zu können. Van Ri packte seine Frau und die vier Kinder ein und kletterte mit ihnen und 95 weiteren Menschen auf das Boot, das sie so viele Tage über Wasser halten sollte, bis ein Schiff sie aufnehmen würde.

Van Ri steht mitten in seiner Erzählung von der langen Tafel auf. "So haben wir gesessen", sagt er und geht in die Hocke. Die Knie zusammengepresst, die Arme an die Seite gelegt. Er erhebt sich, macht einen kleinen Schritt zur Seite, geht wieder in die Hocke, legt erneut die Arme an. "So", sagt er immer wieder. "So haben wir den ganzen Tag und die ganze Nacht da gesessen." Mensch an Mensch. Kinder, Frauen, Männer. Gefangen auf einem 12,50 Meter langen und nur 2,50 Meter breiten Boot, das in sein heutiges Wohnzimmer gepasst hätte. Gut 31 Quadratmeter für 101 Passagiere. Eine kleine Nussschale auf dem Meer. Von den Wellen hin und her geworfen. Sechs Tage und fünf Nächte. Mit gerade einmal zwei Litern Wasser pro Person.

"Es war schrecklich. Die Kinder und Erwachsenen haben geweint. Einige haben sich wegen des hohen Wellengangs übergeben", sagt er und setzt sich wieder. Es ist fast so, als erlebte er die Flucht noch einmal. Van Ri erinnert sich, dass Frachtschiffe in der Ferne vorbeifuhren. Die Menschen auf der Nussschale zogen ihre Hemden aus und winkten damit. "Wir haben geschrien und gewinkt ", erzählt er. Sie haben ihre Hemden so hoch über dem Kopf in der Luft geschwenkt, wie es nur ging.

"Die haben getan, als würden sie uns nicht sehen"

Aber die Schiffe machten einen Bogen um die sogenannten Boatpeople. "Wir waren zu viele", vermutet Van Ri. Niemand wollte so viele Menschen zu sich an Bord nehmen. Wie sollten man diese auch verpflegen? "Die haben getan, als würden sie uns nicht sehen. Wir haben schon gedacht, wir müssen ertrinken", sagt Van Ri. Wie die mehr als 500.000 Flüchtlinge, die das Chinesische Meer in dieser Zeit einfach verschluckt hat. Auch diese Zahl nennt Van Ri immer wieder. "500.000 Vietnamesen tot!"

Es hat nicht viel gefehlt und die 101 Insassen des Bootes, mit dem Van Ri sich in eine freie, bessere Welt aufgemacht hat, wären zu dieser traurigen Statistik hinzugekommen. "Ein Tag länger auf See und wir wären alle tot gewesen", sagt Van Ri.

Dass seine Tochter die Strapazen überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Kim Ngan Nguyen war damals gerade zehn Tage alt. Nur wenige Stunden vor der Abreise hatte Van Ri sie noch taufen lassen. "Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie kurz vor dem Aufbruch zur Flucht noch einen Priester gefunden haben, der mich taufen konnte. Also haben sie das noch schnell gemacht", sagt Kim Ngan Nguyen heute.

Natürlich hat sie selbst keine Erinnerungen an die Flucht. Alles darüber weiß sie aus den Erzählungen ihrer Eltern. So hat sie erfahren, dass ihre Mutter wegen der ausgegangenen Lebensmittel und Wasservorräte keine Milch mehr für ihr Kind hatte. Gerade einmal 2100 Gramm wog Kim, als sie auf der Cap Anamur aufgenommen wurde. "Es hat nicht viel gefehlt, und ich wäre verhungert oder verdurstet", sagt sie.

Geschichte mit Happy End

Aber die Geschichte der Familie Nguyen ist gut ausgegangen. Mit der Cap Anamur ging es auf die Philippinen, von dort nach Deutschland. Die Nguyens landeten in Mönchengladbach. Die Stadt wurde zu ihrer Heimat. "Wenn ich heute Bilder von dem Boot sehe, mit dem wir damals geflohen sind, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass wir darauf waren – und dann mit so vielen Menschen", sagt Kim Ngan Nguyen. Und fügt hinzu: "Es ist wirklich ein Wunder, dass wir alle das überlebt haben."

Sie hat in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet nun in einem Essener Unternehmen. Auch ihre sieben Brüder haben studiert oder studieren noch. "Unsere Eltern haben uns immer wieder klargemacht, welche Chancen wir durch unsere Flucht aus dem Vietnam bekommen haben", sagt sie. Diese Chance haben alle Kinder genutzt. Die Flucht wird aber immer zu ihrer Familiengeschichte gehören.

Van Ri selbst wird nicht müde, sich zu bedanken. Bei den Menschen um Rupert Neudeck, die die Cap Anamur in die Krisenregion schickten, weil sie nicht mit ansehen wollten, wie die Flüchtlinge dort jämmerlich ertrinken müssen. Bei der deutschen Regierung, die ihm eine neue Heimat gegeben hat. Und nicht zuletzt bei Gott und der "Heiligen Mutter Gottes Maria".

Neue Heimat in Deutschland gefunden

Rückkehr in den Vietnam ist vorerst Van Ri ist gläubiger Katholik. Und als solcher hat er seine Dankbarkeit in den vergangenen Jahren immer wieder durch die Unterstützung verschiedenster Hilfsorganisationen und -projekte ausgedrückt. Er hat Spenden gesammelt, sich starkgemacht für die vietnamesischen Katholiken in Deutschland, war Anlaufstelle und Ratgeber für vietnamesische Exilanten. Alles ehrenamtlich.

Viel hat sich in seiner alten Heimat seit seiner Flucht verändert. Aber immer noch sind die Kommunisten an der Macht. Solange das der Fall ist, will er nicht zurück. Deutschland, Mönchengladbach, sei seine Heimat, sagt Van Ri ohnehin. Dabei blickt er aus dem großen Fenster seines Wohnzimmers hinaus in den Garten. "Das ist schön, oder", fragt er und zeigt auf den grünen Salat und das Gemüse, das dort prächtig gedeiht. An einem Überstand rankt eine zucchiniartige Pflanze. "Bao", nennt Familie Nguyen sie. Eine Pflanze, die auch in Vietnam angebaut wird.

 

Link zum Artikel: http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article131211319/Ein-Tag-laenger-und-wir-waeren-gestorben.html