Humanitärer Einsatz statt Ruhestand

Artikelinfo
Datum: 
24.05.2013
Autor: 
Anne-Christin Gröger
Quelle: 
ÄrzteZeitung

Nachdem Werner Strahl 2010 seine Kinderarztpraxis aufgegeben hat, widmet er sich der ehrenamtlichen Arbeit bei Cap Anamur. Seit einigen Monaten ist er dort Vorstandsvorsitzender.

Essener Kinderarzt Dr. Strahl

LN. Eine Kinderstation in Uganda einweihen, medizinische Hilfe für syrische Kriegsopfer organisieren und Personal für das kleine Krankenhaus in den Nube-Bergen im Sudan finden - der Ruhestand des Essener Kinderarztes Dr. Werner Strahl sieht alles andere als beschaulich aus.

Doch er wollte es so. "Ich möchte auch im Ruhestand etwas Sinnvolles machen", sagt er.

Im Oktober 2012 hat Strahl den Vorstandsvorsitz der Hilfsorganisation Cap Anamur übernommen, ein Amt, das ihm nach der Aufgabe seiner Kinderarztpraxis in Essen-Werden noch einmal viel abverlangen wird.

"Zunächst einmal werde ich in die Länder reisen und mir alle Hilfsprojekte einmal ansehen", sagt er. "Außerdem gehören jetzt die Öffentlichkeitsarbeit, das Finden von geeignetem Personal und viel Organisationsarbeit zu meinen Aufgaben."

Cap Anamur ist insgesamt in zehn Regionen engagiert, Hauptschwerpunkt ist Afrika. Dabei konzentriert sich der Verein auf eine langfristige Präsenz in Krisenregionen.

Seine Frau, seine zwei Töchter und die fünf Enkel unterstützen Strahl bei seiner neuen Aufgabe, auch wenn es für sie bedeutet, dass die Familie ihn wesentlich seltener sieht. "Sie finden es aber sinnvoll, was ich mache, deswegen halten sie mir den Rücken frei."

Schon seit 30 Jahren engagiert

Nach dem Medizinstudium in Freiburg und Bonn hat der 68-Jährige an der Uniklinik Essen die Facharztprüfung in Neurochirurgie und Kinderheilkunde gemacht. 1985 hat er sich in Essen-Werden mit einer eigenen Kinderarztpraxis niedergelassen, die er 2010 aufgegeben hat.

Die Kinderheilkunde passt gut zu seinem bereits 30-jährigen Engagement für die Hilfsorganisation, die vergangenen sechs Jahre saß er im Vorstand.

Bereits als junger Mediziner stieß Strahl auf die beiden Gründer Christel und Rupert Neudeck. Strahl war angetan von ihrem Engagement gegen das Flüchtlingselend auf dem Südchinesischen Meer und meldete sich als Freiwilliger. "Nur kurze Zeit später war ich in Somalia", erzählt er.

Dort half er Menschen, die vor dem Krieg zwischen Somalia und Äthiopien geflohen waren. "Damals waren die Auslandseinsätze mit sechs Wochen noch wesentlich kürzer als heute", sagt er.

Inzwischen unterschreiben die Freiwilligen Sechs-Monats-Verträge, viele bleiben aber auch länger. "Das ist sinnvoll, denn nach sechs Monaten ist man gerade richtig eingearbeitet."

Die neue Aufgabe als Vorstandsvorsitzender des Vereins ging Strahl mit viel Freude, aber auch einem Gefühl der Beklommenheit und der Belastung an, berichtet er. In Gedanken ist er oft bei den Mitarbeitern, die vor Ort unter äußerst abenteuerlichen Bedingungen arbeiten und oft in waghalsige Situationen geraten.

"Wir sind ein kleiner Verein, gerade einmal 20 Leute sind in den Regionen unterwegs", sagt er. Jeder kenne jeden bei Cap Anamur. "Dadurch fühle ich mich verantwortlich für alle."

Syrien das nächste Ziel

Vor Kurzem ist er aus dem Norden Ugandas zurückgekehrt. Dort hat Cap Anamur eine neue Geburtsstation gebaut. Es gab eine Einweihungsfeier. "Solche Situationen bereiten allen Mitarbeitern trotz der hohen körperlichen und seelischen Belastung immer wieder große Freude", sagt er.

Er schätzt an der Aufgabe zudem, dass er viel von den Menschen vor Ort über die Einstellung zum Leben lernt.

"Wir leben in Deutschland in einer Überflussgesellschaft", sagt er. "In Krisenregionen sehen wir, dass ein glückliches und frohes Leben auch mit wesentlich weniger materiellen Gütern möglich ist - solange die Menschen in Frieden leben können."

Seine nächste Reise wird Strahl wohl nach Syrien führen. Dort will der Verein in der Kleinstadt Asas nahe der syrisch-türkischen Grenze medizinische Einrichtungen mit Medikamententransporten unterstützen.

"In Syrien werden derzeit verstärkt Krankenhäuser bombardiert, die medizinische Versorgungslage ist katastrophal", sagt Strahl. Trotzdem blieben viele Ärzte, Schwestern und Pfleger im Land und arbeiteten unter sehr schwierigen Bedingungen.

Mit Hilfstransporten von Medikamenten und Verbandsmaterial wollen die Aktivisten die Spezialisten bewegen, weiter vor Ort zu helfen.