Hungersnot in Nordkorea: Zwischen Achterbahn und Elend

Artikelinfo
Datum: 
02.08.2011
Autor: 
Nils Kinkel
Quelle: 
tagesschau.de

Die Kulisse von Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang erinnert an das Leben in einer gewöhnlichen asiatischen Metropole: Eistüten, Fast Food, Handys. Selbst ein Freizeitpark bietet Abwechslung. Doch nur eine Stunde entfernt von der Metropole zeigt sich das völlige Kontrastprogramm: Armut und Hunger.

von Nils Kinkel, ARD-Studio Ostasien

Die Angst geht um in Pjöngjang. Schuld sind die Italiener. Sie haben im vergangenen Jahr einen Freizeitpark nach Nordkorea geliefert. Wer den bizarren Anblick einer Großstadt aus der Vogelperspektive genießen will, kann sich 100 Meter in den Abendhimmel katapultieren lassen. Beleuchtet sind in der Metropole nur die Denkmäler und Prachtbauten.

Für die Sicherheit in der Achterbahn mit Looping haben Kim Jong Il und sein Sohn Kim Jong Un persönlich gesorgt. Sie sollen vor der Eröffnung für das Volk alle Fahrgeschäfte drei Mal getestet haben. "Ich komme hier zwei bis drei Mal die Woche vorbei. Wenn ich bei der Arbeit so viel Stress hatte, dann möchte ich in eine andere Welt abtauchen. Immer wenn ich hier bin, fühle ich mich so frei und erfrischt", sagt eine Besucherin.

Seit über 60 Jahren leben die Nordkoreaner in einer Diktatur, inzwischen in der dritten Generation. Doch die Kulisse von Pjöngjang erinnert an das Leben in einer gewöhnlichen asiatischen Metropole. Eistüten, Fast Food und Pizza. Viele Nordkoreaner lächeln uns an. Einige tragen Designerhandtaschen oder telefonieren. Eine halbe Million Handys sind inzwischen im Einsatz, das Netz funktioniert aber nur im Inland.

Kein Bett, keine Möbel - nur der Fußboden

Eine Stunde nördlich der Hauptstadt dagegen bekommen wir Armut und Elend zu sehen. Die Stadt Anju bietet das völlige Kontrastprogramm: Gruselkabinett statt Achterbahn. Immerhin hat jeder in Nordkorea ein Dach über dem Kopf, auch wenn die Ein- bis Zwei Zimmer-Wohnungen sehr spartanisch eingerichtet sind. Ri Zun Hui empfängt uns mit ihren drei Enkelkindern auf einem Linoleumboden. Betten und andere Möbel sind nicht vorgesehen.

Die fünfjährige Enkeltochter liegt geschwächt auf einer Decke. "Ich hab das Mädchen grade angefasst, man hat überall die Knochen gespürt, da ist kaum Muskelmasse vorhanden. Wir haben die Hautdefekte gesehen, das sind alles Zeichen von starker Unterernährung", sagt Bernd Göken von Cap Anamur.

Verzicht auf eine Portion Reis

Göken hat die Familie bereits im Frühjahr besucht. Die Hilfsorganisation ist eine von wenigen NGOs, die Lebensmittel nach Nordkorea liefern. Immerhin geht es der Großmutter jetzt besser, auch wenn sie für die Familie manchmal auf eine Portion Reis verzichtet."Meine Enkeltochter hat ja keine Krankheit und auch kein Fieber. Aber die Kinder sind wegen der Unterernährung sehr verletzlich. Und dann werden sie ständig krank, weil sie nicht genügend Reis bekommen. Sobald sie aber wieder essen, werden sie ganz schnell wieder gesund", sagte die 79-jährige Großmutter.

250 Gramm Reis pro Tag und Familie

Die Lebensmittelvorräte sind nach dem harten Winter bereits aufgebraucht. Eine Familie teilt sich 250 Gramm Reis am Tag. In der Küche sehen wir neben der gemauerten Feuerstelle ein paar Kartoffeln liegen, das Glas Nutella im Regal ist leer.  

Zurück in Pjöngjang treffen wir die 17-jährige Kochschülerin Hwang Gum Ok. Die großen Sorgen der Landbevölkerung sind ihr unbekannt: "Ich will ein Meisterkoch werden. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal unseren geliebten Führer bekochen darf. Es wäre mir eine Ehre", sagt sie.  

Audio: Von der Achterbahn ins Gruselkabinett
Nils Kinkel, ARD-Hörfunkstudio Tokio, 02.08.2011 11:54 | 3'18
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http://www.tagesschau.de/ausland/hungersnotnordkorea102.html