Hygieneanforderungen in Krisensituationen

Artikelinfo
Datum: 
26.03.2014
Autor: 
Dr. Edith Fischnaller
Quelle: 
Management & Krankenhaus | kompakt

Fokussierte Planung und interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen das Einhalten von Hygieneregeln und tragen zur Senkung der Sterblichkeit in Krisenregionen bei.

Dr. Edith Fischnaller, Leitende Krankenhaushygienikerin, Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO)

:: Auch in Deutschland und anderen „reichen“ und weit entwickelten Ländern ist es schwer, in Krisensituationen die Regeln einer guten Hygiene einzuhalten und gerade auch im Bereich der Krankenhaushygiene die notwendigen Maßnahmen und Vorgaben nicht außer Acht zu lassen. Umso schwieriger ist es, in Krisen- und Kriegssituationen, bei Naturkatastrophen und anderen mehr oder weniger ungewöhnlichen Ereignissen einen gewissen Hygienestandard einzuhalten. Eine Herausforderung sind nicht nur die fehlenden oder die mangelhaften Ressourcen, sondern auch die Besonderheiten der Krisen und der Partner, um gerade in diesen Situationen die Hygiene mit in die Arbeit fest zu integrieren.

Zerstörte Gesundheitssysteme

Bei den Überflutungen in Pakistan 2010 waren rund 20 Mio. Menschen betroffen, 2011 ergriffen Überflutungen und Überschwemmungen Thailand, Laos und andere asiatische Länder. Im vergangenen Jahr hat die Katastrophe auf den Philippinen gezeigt, dass gerade in Ländern mit schwachen Gesundheitsstrukturen adäquate und konsequente Hygienemaßnahmen und -anforderungen beim Wiederaufbau von zerstörten Gesundheitssystemen erforderlich sind, um Seuchen und Infektionen
zu verhindern, an die wir uns in Deutschland kaum oder gar nicht mehr erinnern.


Nicht nur der Aufbau von zerstörter oder brachliegender Gesundheitsversorgung,
sondern die Wiederherstellung von sauberer Trinkwasserversorgung,  Ernährungssicherung und Nahrungsmittelorganisation sowie deren Verteilung stellen alle Beteiligten vor schwere Entscheidungen und bringt sie oft an Grenzen des Möglichen. Hinzu kommt der Wiederaufbau von Wohn- und Infrastruktur,
die Wiederherstellung von zerstörten Schulgebäuden sowie der Kommunikationsinfrastruktur in Kombination mit einer Verbesserung der vorherigen
Situationen. Dabei an die Grundprinzipien der Hygiene zu denken, ist oft schwierig und erfordert strukturiertes Vorgehen und pragmatische Ansätze.

 

Situationsgerechte Stufenpläne

Die Katastrophe auf den Philippinen hat besonders deutlich gezeigt, wie durch eine zusammengebrochene Infrastruktur ohne Stufenplan eine solche Krisensituation nicht schnell genug in geordnete Bahnen gelenkt werden kann. Der Taifun „Haiyan“
hat im November 2013 große Teile der Philippinen schwer verwüstet. Tausende Menschen wurden getötet oder verletzt, Hunderttausende sind ohne Obdach und standen oder stehen noch heute vor dem Nichts. Es herrschte ein unvorstellbares Chaos, die Infrastruktur war in weiten Teilen zusammengebrochen, Straßen sind nicht mehr passierbar, Landwege wurden weggespült, das Strom- und Telekommunikationsnetz war lahmgelegt. Nichtregierungsorganisationen wie die deutsche Organisation Cap Anamur, die für die dringend notwendige Hilfe sofort ein Team entsandt haben, oder die kirchliche Organisation der Franziskanerinnen zu Olpe, die bereits schon lange mit einer Schwesternorganisation vor Ort sind
und dort kontinuierlich Hilfe leisten, müssen sich bei einer solcher Katastrophe
einen Stufenplan überlegen und versuchen, ihn Schritt für Schritt umzusetzen, einzuhalten, ständig neu zu überdenken und zu evaluieren und ggf. schnell Korrekturmaßnahmen einleiten.

Identifikation von Risikogruppen

Zuerst muss überlegt werden, welche Situation einen im Krisengebiet erwartet.
Informationen von Personen vor Ort sind daher sehr wichtig. Oder auch die Frage, was zu tun ist, wenn die Kommunikation nicht funktioniert und kein Durchkommen zum Einsatzgebiet möglich ist.

Besonders betroffen sind grundsätzlich Kinder, insbesondere solche ohne Familie, ältere Menschen, Kranke und Schwangere – ein Personenkreis, der bereits vor der Katastrophe zu den Benachteiligten gehörte und dem Familien und Freunde nicht helfen können. Diese Risikogruppe, als „vulnerable“ Gemeinschaft, ist stets in allen Überlegungen besonders zu berücksichtigen, ebenso die Versorgung von Schwerverletzen und der Umgang mit Leichen.

Naturkatastrophen treffen grundsätzlich alle, jedoch ist die Bausubstanz der Häuser ungleich und die finanziellen Möglichkeiten, das Katastrophengebiet schnell zu verlassen oder gegen Bezahlung eine deutlich bessere Behandlung von Krankheiten zu bekommen, unterschiedlich gut ausgeprägt.

 

Medizinische Notversorgung

Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass am Anfang
mehrgleisig gearbeitet werden muss. Während Materialien wie Trinkwasserdesinfektion oder -aufbereitung, Nahrungsmittel, Medikamente und Ausrüstung sowie Produkte für die Krankenversorgung, technisches Equipment und Baumaterial besorgt werden müssen, wird zeitgleich recherchiert, wie schnell zu der betroffenen Bevölkerung vorgedrungen werden kann, wie und wo im Land oder Nachbarland schnell eingekauft werden kann, welches Flugzeug wie viel Material möglichst schnell in die Nähe der Katastrophe bringen kann und welches Krankenhaus in welcher Entfernung noch leistungsfähig ist.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Personalplanung: Welche Helfer sind
für die erste Phase sinnvoll, wer hat Erfahrung, wer das berufliche Wissen,
und vor allem, wer kann schnell ausreisen, wer ist bereits vor Ort,
wer kennt das Land und wie ist eine schnelle Zusammenarbeit mit den Behörden,
der Polizei und dem Militär möglich?

Vor Ort ist es dann wichtig, sich um die Sicherheit und Unterkunft der Mitarbeiter zu kümmern, damit diese umgehend mit der Arbeit beginnen können. Zeitgleich wird die Trinkwasserversorgung hergestellt und das  provisorische Krankenhaus aufgestellt. Es beginnt die sofortige Versorgung der Schwerverletzten sowie der Schwererkrankten mit Medikamenten und anderer Hilfe. Die ersten Nahrungsmittel für Kinder, für Unterernährte und für Kranke werden verteilt. Sinnvoll und hilfreich ist es, vor Ort immer mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten, sich gegenseitig zu ergänzen und nicht zu konkurrieren. Die Koordination der Hilfe ist sehr wichtig, damit es keine unversorgten Menschen gibt.

Hygiene senkt Sterblichkeitsrate

Nirgends dürfen die Hygieneaspekte fehlen und müssen immer bedacht
werden. Um die Seuchengefahr und Durchfallerkrankungen einzudämmen,
helfen sauberes Trinkwasser durch Desinfektion oder in anderer Form von Aufbereitung (Brunnen säubern oder neu bohren), eine saubere Umgebung mit geregelter Abfall- und Abwasserentsorgung, der Latrinenbau und schnellstmögliche Leichenbestattung sowie sofortige Impfprogramme. Desinfektion und Reinigung, Sterilisation von Materialien und Instrumenten, Sterilgut und Einmalartikel sind in solchen Situationen unerlässlich.

Obwohl am Anfang oft noch in einem Zelt oder anderen Improvisationen operiert, untersucht, behandelt, entbunden und beraten werden muss, sind dabei die aseptischen Bedingungen so weit wie möglich sicherzustellen. Zu berücksichtigen ist die oft sehr hohe Durchseuchung von HIV und Hepatitis, deren Übertragung es zu vermeiden gilt. Ebenso sind die postoperativen Wundinfektionen zu reduzieren und Antibiotika klug und sachgerecht einzusetzen. Von Beginn an strikte Isolierungsmaßnahmen bei ansteckenden Erkrankungen können Ausbrüche in Lagern, Krankenhäusern oder ganzen Gebieten verhindern, wenn sie in Kombination mit notwendigen Impfungen und entsprechender Aufklärung erfolgen.

Ein strukturierter Stufenplan und gute Planung in den wichtigen Hygienefragen
sind in den ersten Tagen und Wochen auch in Krisen- und Katastrophensituationen
eine Voraussetzung zur Vermeidung von Infektionen und Epidemien und somit wichtig, um die Sterblichkeitsrate deutlich zu senken. ::


| www.cap-anamur.org |
| www.gfo-online.de |

Spendenkonto für Hilfe im Katastrophengebiet
Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte
e. V., Sparkasse KölnBonn
Kontonummer: 2 222 222
Bankleitzahl: 370 50 198
IBAN: DE85 3705 0198 0002 2222 22
SWIFT-BIC: COLSDE33