Rettet Nordkorea!

Artikelinfo
Datum: 
06.09.2002
Autor: 
Norbert Vollertsen
Quelle: 
Die Welt

Als Arzt und Mitglied von Cap Anamur kam ich im Juli 1999 nach Nordkorea, um humanitäre Hilfe zu leisten. Am 30. 12. 2000 wurde ich ausgewiesen, nachdem ich das Regime öffentlich wegen seiner Verletzung elementarer Menschenrechte und seiner Weigerung, die massive Nahrungsmittelhilfe des Auslands an diejenigen zu verteilen, die am bedürftigsten sind, verurteilt hatte.

Kurz nach meiner Ankunft sollte ich einen Arbeiter behandeln, dessen Haut schwer verbrannt worden war. Mein damaliger Kollege und ich spendeten Haut als Zeichen der Verbundenheit mit den Bürgern Nordkoreas. Dafür wurden wir von den Medien gefeiert und erhielten - als einzige Westler bisher - die "Freundschaftsmedaille". Mit dieser hohen Auszeichnung bekam ich eine Art VIP-Pass und einen Führerschein, so dass ich viele Gebiete besuchen konnte, die für Westler und selbst für normale Bürger Nordkoreas unzugänglich sind. Als Notarzt hatte ich in einer Reihe von Krankenhäusern in der Provinz zu tun, nicht nur in den zehn Krankenhäusern und drei Waisenhäusern, die ich offiziell zu betreuen hatte. Weiterhin besuchte ich mit Kleidersendungen Dutzende von Kindergärten im ganzen Land.

In jedem Krankenhaus fand ich unglaubliche Zustände vor. Es gab weder Verbandsmaterial noch Skalpelle, weder Antibiotika noch Operationstische. Die Ärzte verwendeten leere Bierflaschen als Tropfbehälter und Rasierklingen als Skalpelle; ich war sogar Zeuge einer Blinddarmoperation ohne Anästhesie. In den regierungseigenen Lagern und den Diplomatenläden hingegen gab es große Vorräte an Verbandsmaterial und anderen medizinischen Gütern.

In Nordkorea gibt es zwei Welten: eine für hohe Militärs, Parteiführer und die Elite, die ein gutes Leben führen mit schicken Restaurants, Diplomatenläden, Nachtklubs und sogar einem Casino, und eine andere für das Volk. In dieser Welt sieht man hungernde Waisenkinder auf kaputten Holzpritschen, viel zu klein für ihr Alter, mit tiefen Augenhöhlen und hervorstehenden Wangenknochen, die auf den Tod warten und blau-weiß gestreifte Pyjamas tragen wie die Kinder in Auschwitz und Dachau. Fast alle erwachsenen Patienten leiden an psychosomatischen Krankheiten. Sie sind ausgelaugt, erschöpft von den endlosen Paraden und Versammlungen, von der dröhnenden Propaganda. Die klinische Depression und der Alkoholismus sind weit verbreitet. Angst und Hoffnungslosigkeit allgegenwärtig.

Niemand weiß, wo die internationalen Hilfslieferungen landen, weil sich die Vertreter humanitärer Organisationen nicht frei im Land bewegen können. Als Cap Anamur nach Nordkorea kam, hatten sich Hilfsorganisationen wie Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, Care und andere bereits zurückgezogen, weil ihnen nicht gestattet wurde, die Hilfsgüter direkt zu verteilen. Man kann sich nur ausmalen, wie es in den so genannten "Reform"-Einrichtungen aussieht, wo ganze Familien eingesperrt werden, wenn ein Mitglied irgendetwas sagt oder tut, das dem Regime missfällt. Diese Lager sind für Ausländer unzugänglich, auch für das Internationale Rote Kreuz. Im letzten stalinistischen Land der Erde sind sexuelle Gewalt gegen Frauen, Zwangsarbeit und Folter wichtige Mittel, um jede Opposition zu unterdrücken. Die Überwachung und Unterdrückung durch Sicherheitsorgane und Polizei ist offenkundig und fällt an jeder Straßenecke auf.

Mir wurde klar, dass es nur einen Weg gibt, den Menschen in Nordkorea zu helfen: der Welt die Wahrheit über dieses Land zu sagen. Also führte ich im Herbst 2000 eine Gruppe von Journalisten durch Pjöngjang, die im Gefolge der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright Nordkorea besuchten. Ich sprach außerdem mit Diplomaten und überreichte der Regierung Nordkoreas eine Erklärung humanitärer Prinzipien. Mein damaliger so genannter Koordinator und Aufpasser wurde für meine Aktivitäten verantwortlich gemacht und abgelöst. Ich habe weder ihn noch seine Familie je wieder gesehen. Schließlich wurde ich des Landes verwiesen.

In den folgenden Monaten habe ich in Seoul, an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea und anderswo mit einigen Hundert Flüchtlingen aus dem Norden gesprochen. Alle ehemaligen Insassen von KZ berichten von Massenhinrichtungen, Folter, Vergewaltigung, dem Töten von Babys und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Strafe für "kriminelle Handlungen gegen den Staat". Das Regime Kim Jong Ils begeht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, benutzt den Hunger als Waffe gegen das eigene Volk. Die Verantwortlichen müssen wegen Völkermordes und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt werden.

Als Deutscher, der nach dem Krieg geboren wurde, weiß ich um die Schuld der Großelterngeneration, die zu den Verbrechen der Nazis schwieg. Ich halte es für meine Pflicht als Mensch, als Deutscher zumal, die Verbrechen und die Tyrannei des nordkoreanischen Regimes anzuprangern. Als Deutscher weiß ich auch um die Wirkung von Flüchtlingen. Wie in der früheren DDR, wo einige Dutzend Flüchtlinge in der Prager Botschaft das Ende ankündigten, wird die Flucht aus Nordkorea zum Zusammenbruch des Regimes führen. Meine Aufgabe sehe ich darin, das tyrannische und kriminelle Wesen dieses Geheimstaats anzuprangern, in der Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft Druck ausübt, um diesen abartigen "Ort der Verrücktheit" zu reformieren.