Das Land, das niemand sehen darf

Artikelinfo
Datum: 
28.03.2013
Autor: 
Christopher Weckwerth
Quelle: 
Zeit Online

Propaganda und Überwachung bestimmen den Alltag in der Diktatur Nordkoreas. Doch die Hilfsorganisationen vor Ort kennen auch eine ganz andere Seite.

© Damir Sagolj/Reuters

Man stelle sich einmal vor, Nordkorea ließe seinen martialischen Drohungen Taten folgen. Erst würden US-Stützpunkte in Japan und Guam dem Boden gleichgemacht. Dann würde die Armee Südkorea überrennen und mit Fallschirmjägern in Seoul einfallen. Schließlich folgte der atomare Erstschlag auf Amerikas Westküste. Derartige Katastrophenszenarien suggeriert Nordkoreas zuletzt zunehmend aggressives Propagandageschrei – doch lenkt dies die Menschen innerhalb wie außerhalb dieser Militärdiktatur bloß von den wahren Zuständen im Land ab.

Die wenigen Deutschen, die Nordkorea regelmäßig besuchen, lernen eine ganz andere Seite kennen. Die meisten von ihnen arbeiten für Hilfsorganisationen und wollen in Nordkorea Armut und Mangelernährung bekämpfen. Sie erleben ein schwaches Land, das auf internationale Hilfe dringend angewiesen ist.

Die bekommt Nordkorea, auch aus Deutschland. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat zum Beispiel der Welthungerhilfe 850.000 Euro zur Verfügung gestellt, um für nachhaltigen Lebensmittelanbau zu sorgen. Zwei weitere auf Nordkorea zugeschnittene Projekte, die das BMZ als "ent­wick­lungs­för­dernde und struktur­bil­dende Über­gangs­hilfe" fördert, laufen im April 2013 aus.

Nordkorea hat neue Kriegsdrohungen gegen den Süden des Landes und die USA ausgesprochen. Ein Krieg könne jeden Moment ausbrechen, sagte ein Militärsprecher. Zuvor wurde die Standleitung in den Süden des Landes gekappt. Video kommentieren

"Im Westen wird die Situation oft dramatisiert"

Die Mangelernährung ist eines der größten Probleme in Nordkorea, berichten Hilfsorganisationen einhellig. 2011 stellten die Vereinten Nationen in einer Erkundungsmission nach einer schlechten Erntesaison fest, dass 3,5 Millionen Menschen an Hunger litten.

Die Helfer stellt das vor einen Konflikt. Zum einen wollen sie die bedürftigen Menschen unterstützen, denn auch die medizinische Versorgung im Land ist stark rückständig. Andererseits wollen sie durch ihre Hilfe nicht die kommunistische Diktatur stabilisieren. Um den Menschen überhaupt helfen zu können, muss daher pragmatisch gehandelt werden, sagen auch die Vertreter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) und der Caritas. Sie sind ebenfalls seit Jahren in Nordkorea tätig.

Gerhard Uhrmacher ist einer der Organisatoren, die die Lage in Nordkorea am besten einschätzen können. Er leitet seit 1997 das Nordkoreaprogramm der Welthungerhilfe, war mehrfach selbst dort und steht in täglichem Kontakt zu den Mitarbeitern vor Ort. Was er sagt, überrascht: Die internationale Hilfe sei zwar notwendig, allerdings werde die Situation im Westen oft übertrieben dramatisch dargestellt.

"Wir können uns freier bewegen als vor zehn Jahren"

Es sei richtig, dass die Lebensumstände sich für große Teile der Bevölkerung verschlechtern und viele Menschen unterernährt sind. Schuld daran sei die abnehmende Leistungsfähigkeit des Staates. "Aber das heißt nicht, dass dort Hunderttausende an Hunger sterben. Das große Problem ist die gute Ernährung", sagt Uhrmacher.

Auch die notorische Drohkulisse schreckt die Hilfsorganisationen nicht ab. Obwohl zurzeit alles nach Konfrontation aussieht, berichten sie, dass sich Nordkorea schon behutsam geöffnet habe. "Heute können wir uns definitiv freier im Land bewegen als noch vor zehn Jahren", sagt Reinhard Würkner, Referatsleiter Asien der Caritas. Das Hilfswerk hat einen Mitarbeiter in Südkorea, der alle vier Wochen in den kommunistischen Norden reist, um die Entwicklung der dortigen Projekte zu koordinieren.

Kim Jong-Un wird als Hoffnungsträger gesehen

Bernd Göken, der für Cap Anamur, einem Verein deutscher Ärzte, nach Nordkorea fliegt, bestätigt die Beobachtung. Auch er sagt, die Arbeit seiner Organisation sei heute wesentlich leichter als vor zehn Jahren. Die Krankenhäuser seien zwar nach wie vor dringend auf Lieferungen von Medikamenten und Geräten aus dem Ausland angewiesen. Doch der direkte Kontakt zu den Koreanern sei einfacher geworden. Ausländische Besucher könnten mittlerweile sogar ihre Smartphones mit nach Nordkorea nehmen und so ihre eigenen Fotos verbreiten. Früher hätten die deutschen Ärzte nicht einmal die Patienten sehen dürfen, sagt Göken.

Trotzdem spricht Würkner von einer "zwiespältigen" Entwicklung, denn von der Öffnung profitieren nicht alle. Er sagt, der Stadt-Land-Gegensatz zwischen wirtschaftlich aufstrebenden Großstädten und armen ruralen Gegenden sei nach wie vor groß. Die Hilfe der Caritas soll die Folgen dessen lindern. Würkner bezweifelt aber, dass die Unterstützung immer als internationale Hilfe wahrgenommen wird, denn ausführende Hand sind stets die Koreaner.

"Eine Öffnung nach chinesischem Vorbild schien möglich"

Mit politischen Äußerungen sind die Helfer vorsichtig, um ihre Arbeit nicht zu gefährden. Göken sagt immerhin, dass er Nordkoreas Provokationen in einer ernsthaften Angst begründet sieht. "Es herrscht tatsächlich die Überzeugung, dass die USA sie angreifen wollen." Dennoch hatte er bis zum Raketentest im Dezember 2012 den Eindruck, es gehe vorwärts. "Eine schleichende Öffnung nach chinesischem Vorbild schien möglich."

Die kommunistische Führung weiß dabei Großteile der Bevölkerung immer noch hinter sich. "Ich war überrascht, wie deutlich die Ärzte uns gesagt haben, dass das Elend nicht am Regime liege", sagt Göken. Der neue Machthaber Kim Jong-Un, der Ende 2011 seinen Vater beerbte, werde als echter Hoffnungsträger gesehen: "Die Menschen schätzen sehr, dass der neue Führer mehr zum Volk spricht."

Das überrascht umso mehr, als dass die allgegenwärtige Kontrolle und Überwachung im Polizeistaat nicht nachgelassen hat. Davon sind auch die deutschen Organisationen nicht ausgenommen, jeder Feldbesuch muss behördlich genehmigt werden. Wer regelmäßig präsent ist, kann sich aber zumindest in der Hauptstadt Pjöngjang weitestgehend frei bewegen. Das ist bei den Helfern aus Südkorea und den USA, die nicht dauerhaft dort sind, anders. Europäer hätten in Nordkorea ein besseres Image, berichtet Uhrmacher.

Keine Organisation plant, ihre Mitarbeiter abzuziehen

Von den neuen Provokationen Nordkoreas ist keine der Organisationen so sehr beunruhigt, dass sie überlegen würde, ihre Mitarbeiter abzuziehen. Im Gegenteil: Die Welthungerhilfe wird ihre Delegation an Ostern sogar auf vier Leute aufstocken. Und Cap Anamur hat gerade die Zusage für den nächsten Einsatz bekommen. Im Juni 2013, so hat es der nordkoreanische Botschaft jüngst mitgeteilt, können Göken und seine Mitarbeiter wieder einreisen. Göken sagt, dass diesem Plan wohl nicht zugestimmt worden wäre, wenn ein Krieg bevorstünde.

Auch Ehrmann sieht in den Drohungen keinen Grund für eine Ausreise der Welthungerhilfe. Er sagt: "Wenn einem in Nordkorea die Militär-LKW mit Holzvergasern entgegenkommen, dann kann man sich vorstellen, was das für die Einsatzbereitschaft bedeutet."