Hunger nach Leben

Artikelinfo
Datum: 
16.06.2011
Autor: 
Alice Bota
Quelle: 
Die Zeit

Bilder aus einer abgeschotteten Diktatur: Dem Fotografen Jürgen Escher gelangen seltene Einblicke in den Alltag Nordkoreas

VON ALICE BOTA

Als im Februar nach Jahren der Anruf kam, ahnte Bernd Göken, dass eine Katastrophe bevorstand.

Göken ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation Cap Anamur. 2002 hat sie ihre Unterstützung für Nordkorea beendet, weil das Regime alle Zugeständnisse verweigerte: keine Journalisten, keine Bewegungsfreiheit im Land für die ausländischen Kräfte. Nur Abschottung. Drei Jahre später warf das Regime alle ausländischen Hilfsorganisationen aus dem Land. Es gab niemanden mehr, der half.

Nun der Anruf. Die nordkoreanische Botschaft. Der Winter habe große Teile der Ernte vernichtet, die Hungersnot sei gewaltig. Fünf Millionen Nordkoreaner, fast ein Fünftel der Bevölkerung, leiden derzeit an Hunger, sind unter- und mangelernährt, krank, sterben. Cap Anamur willigte ein, 200 Tonnen Reis zu schicken und im Juli mit einer zweiten, weitaus größeren Lieferung zu helfen – wenn ein Fotograf die Reise begleiten dürfe. Es ist eine bittere Gleichung: Je elender der Zustand der Bevölkerung, desto eher besteht die Möglichkeit, über das abgeschottete Land zu berichten. Nur dadurch konnte der Fotograf Jürgen Escher diese ungewöhnlichen Bilder in Nordkorea machen. In Pjöngjang, einer Hauptstadt mit monumentalen Häusern, Denkmälern, Straßen – und Menschen, denen es besser geht als in der Provinz. Und auf dem Land: Dort hungern Kinder in übervollen Waisenhäusern, auf gewaltigen Straßen fahren keine Autos, am Wegesrand suchen ältere Menschen nach Kräutern, weil es an Essen fehlt. In den Krankenhäusern gibt es genügend Ärzte und Krankenschwestern, aber es fehlen die Medikamente.

Da ist das Bild der 79 Jahre alten Ri Zum Mi (oben links), so schwach vom Hunger, dass sie auf dem Boden ihrer Ein-Zimmer-Wohnung liegt, neben sich die Enkelkinder. Da ist das Bild der vierjährigen Kim Nam Hui (unten links), unterernährt, hohes Fieber, kaum mehr ansprechbar. Da sind die Essensrationen für ein Waisenhaus, die auch diesmal nicht reichen werden. Da sind die schlafenden Kinder einer Krippe in der Stadt Anju (Mitte links); falls es etwas zu verstecken gibt, die Decke mit den roten Rosen legt sich einen Mittagsschlaf lang darüber.

Auch in einer unfreien, totalitären Gesellschaft gibt es den Jungen, der bei der täglichen Gymnastik in Pjöngjang stolz für die Kamera posiert, denn er trägt die umgearbeitete Uniform seines Vaters. Da ist das Paar, das sich am Tag seiner Hochzeit am beliebtesten Ort der Stadt, dem Mansuda-Platz, fotografieren lässt.

Es gibt sie, die sorgenlosen und stolzen Augenblicke, die jedes Leben bereithält, auch im Elend, in Unfreiheit und in zerstörerischer Armut.

Aber immer nur für eine kurze Weile.

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