Hunger in Nordkorea

Artikelinfo
Datum: 
03.08.2011
Autor: 
Sandra Tjong
Quelle: 
FOCUS Online

In Nordkorea essen Menschen Gras, um nicht zu verhungern. Cap-Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken ist gerade aus dem verarmten Land zurückgekehrt und berichtet im FOCUS-Online-Interview von finsteren Zuständen.

 

Fünf Millionen Nordkoreaner sind nach Einschätzung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen vom Hungertod bedroht. Angesichts der Not sah sich das Regime in Pjöngjang im Frühjahr zu einem ungewöhnlichen Schritt gezwungen: Es bat Hilfsorganisationen und Regierungen um Hilfe. Cap Anamur brachte zuerst im Mai und dann wieder vor wenigen Tagen Ladungen von Reis und Bohnen in die beiden nordkoreanischen Städte Anju und Haeju.


FOCUS Online: Sie sind gerade aus Nordkorea zurückgekommen. Wie geht es den Menschen dort?

Bernd Göken: Den Kindern in Waisenhäusern, die wir bereits Anfang Mai mit Reis beliefert haben, geht es inzwischen besser. In anderen Waisenhäusern und Krankenhäusern hat sich die Lage aber dramatisch verschlechtert. Es fehlt an Essen. Unterernährte Kinder, die eigentlich hochangereicherte Nahrung bräuchten, bekommen in Krankenhäusern nicht mal Reis oder Mais. Sie sind darauf angewiesen, dass die Angehörigen Essen bringen. Es gibt keine Medikamente, keine Verbandsmaterialien, die Labore funktionieren nicht. Die Ärzte und Schwestern versuchen zu improvisieren und Medikamente selbst herzustellen. Und sie warten darauf, dass die nächste Lieferung vom Staat kommt. In der Regel ist das alle drei Monate der Fall, nach einem Monat sind die Arzneien schon aufgebraucht.

 

FOCUS Online: Wie sieht die Lage außerhalb der Waisen- und Krankenhäuser aus? Das Welternährungsprogramm der UN berichtete, viele Menschen müssten sich von Gräsern, Kräutern und Eicheln ernähren.

Göken: Wir haben viele ausgemergelte Menschen gesehen. Jeder sucht nach Essbarem am Wegesrand – wenn er nicht gerade in einer Fabrik arbeiten muss. Kräuter suchen vor allem die alten Leute, die wissen, wo sie wachsen. An Flüssen und Seen fangen Menschen kleine Krebse. Der Mais wird sehr früh gegessen, noch bevor er reif ist. Das zeigt, wie groß die Not ist.

FOCUS Online: Was ist die Ursache für die Hungersnot?

Göken: Dieser Winter war sehr kalt. Es gab Temperaturen von bis zu minus 28 Grad. Danach war das Wintergetreide kaputt. Dazu kommt, dass Nordkorea generell nur über eine geringe Anbaufläche verfügt. Gerade mal ein Fünftel der Landesfläche kann landwirtschaftlich genutzt werden.

FOCUS Online: Welche Rolle spielt, dass Pjöngjang Devisen anderweitig investiert – etwa in die Rüstung steckt oder für Feierlichkeiten anlässlich des 100. Geburtstags von Kim Il Sung im nächsten Jahr ausgibt?

Göken: Es gibt viele Prunkbauten. Allerdings glaube ich nicht, dass Pjöngjang dafür oder für Massenveranstaltungen viele Devisen ausgibt. Vielmehr wird die Arbeitskraft und Motivation der Nordkoreaner genutzt. In die Rüstung floss in der Vergangenheit natürlich Geld, insbesondere in die Produktion der Atombombe. Ob das noch der Fall ist, da Nordkorea nach eigenen Angaben die Bombe besitzt, weiß ich nicht. Wenn Nordkorea Devisen hätte, würde es nach meiner Einschätzung Lebensmittel kaufen – aber das ist nicht der Fall.

 

FOCUS Online:Cap Anamur hat sich 2002 aus Nordkorea zurückgezogen, weil Sie eine Zusammenarbeit nicht mehr für vertretbar hielten. Wie kommt es, dass Sie nun wieder aktiv sind?

Göken: Wir waren fünf Jahre im Land und hatten 2002 die Hoffnung, mehr Zugang zu den Patienten zu bekommen. Als uns dieser nicht gewährt wurde, sind wir gegangen. 2005 warf Nordkorea ausländische Helfer ohnehin raus. Im Februar hat sich allerdings die nordkoreanische Botschaft an die Hilfsorganisationen – darunter Cap Anamur – mit der Bitte um Hilfe gewandt. Nach einer Evaluierungsreise im April war uns klar, dass wir sofort Hilfe leisten müssen, weil die Menschen am Verhungern sind. Im Mai brachten wir 200 Tonnen Reis und jetzt nochmals 1000 Tonnen Reis und 100 Tonnen Bohnen.

FOCUS Online: Hat sich das Verhalten der Behörden gebessert?

Göken: Natürlich erschwert die Politik die Hilfe. Nicht vor Ort. Dort wurden wir von den Beamten sehr herzlich empfangen. Unsere jetzige Lieferung haben wir zu zweit gebracht und konnten sie ungehindert an Schwangere, Waisen- und Krankenhäuser verteilen. Aber die Politiker in der Hauptstadt tun sich schwer damit, Hilfe von außen anzunehmen. Wir würden gerne wieder langfristig in Nordkorea arbeiten und vor allem medizinische Hilfe leisten. Das geht aber nur, wenn wir fünf oder sechs Mal im Jahr einreisen und Mitarbeiter fortbilden dürfen. Ich habe große Zweifel, dass das möglich ist. Bei unserem Besuch im Mai hieß es in Pjöngjang sofort, kein Interesse. Immerhin gab es jetzt auch andere Signale. Aber es ist noch ein langer Weg.

FOCUS Online: Gibt es denn die Aussicht auf ein Ende der Hungersnot?

 

Göken:Im Oktober ist Erntezeit. Leider gab es jetzt nochmals heftige Regenfälle. Wir haben Reisfelder gesehen, die völlig zerstört waren. Hoffen wir mal, dass die neue Ernte dennoch ertragreich ist. Bis dahin gilt es, den akuten Brand zu löschen. Mit unseren Lieferungen können die Kinder in Anju und Haeju etwa 50 bis 60 Tage überleben. Aber das sind nur zwei Städte. Leider schaffen es auch nicht alle. Wir wollten Kinder, denen wir im Mai Nahrung gebracht hatten, gerne nochmals sehen. Nun hieß es, sie seien plötzlich umgezogen. Es liegt nahe, dass sie in Wirklichkeit gestorben sind.

 

FOCUS Online: In den islamischen Ländern hat Armut Revolutionen ausgelöst. Gibt es in Nordkorea Anzeichen, dass die Menschen angesichts der Hungersnot unzufrieden sind mit dem Regime?

Göken: Nicht mal im Ansatz. Die Menschen sagen schon offen: Wir haben nicht genügend zu essen. Wir hungern. Wir hätten gerne mehr Medizin und Spielsachen für die Kinder. Aber das ist keine Kritik am Regime. Alle lieben den Machthaber Kim Jong Il. Nordkoreaner, die mit dem geliebten Führer im Stadion in Pjöngjang sein dürfen, weinen angesichts der Ehre. Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagen, dass Kim Jong Il nicht so viel arbeiten dürfe – er war ja krank. Er solle sich ausruhen, damit er wieder zu Kräften kommt und seinem Volk dienen kann. Noch mehr lieben sie natürlich seinen Vater Kim Il Sung, den Staatsgründer. Vielleicht gibt es Menschen, die anders denken, aber die haben wir nicht getroffen.