Wie von der Welt abgeschnitten

Artikelinfo
Datum: 
08.08.2013
Autor: 
Alfred Verstl
Quelle: 
Schwarzwälder Bote

Man fühlt sich wie von der Welt abgeschnitten. Es gibt kein Internet und keine internationale Presse. So ist das in Nordkorea, wo die aus Calw stammende Internistin Annette Hildebrand zwei Monate für die Hilfsorganisation Cap Anamur tätig war.

"Dabei ging es meinen Kollegen und mir nicht hauptsächlich um den fehlenden Zugang zum tagespolitischen Geschehen und unsere Sozialkontakte, was natürlich auch ungewohnt war, sondern auch um fachliche Informationen", erzählt die Medizinerin im Gespräch mit unserer Zeitung. Einmal brauchten die Helfer aus Deutschland eine Bedienungsanleitung für ein medizinisches Gerät. Zu Hause hätte man das über Google schnell gefunden. In Nordkorea ist es fast unmöglich, an solche Informationen zu kommen.

Hildebrand nennt ein weiteres Beispiel. Dosierungen für Medikamente lassen sich auf dem Smartphone schnell auf einer App nachschauen. Aber das Handy musste man bei der Einreise am Flughafen abgeben. Was bleibt: eine gute Planung der Reise und alle wichtigen Informationen in Papierform mitnehmen.

Dass die 44-jährige Ärztin letztlich in Nordkorea gelandet ist, war mehr oder weniger Zufall. "In der Entwicklungshilfe wollte ich schon lange mal arbeiten und etwas anderes sehen als unsere hoch entwickeltes Gesundheitssystem", erzählt sie. Das hatte sich vor etwa einem Jahr ergeben, als sie ihre Tätigkeit an einer Schweizer Klinik beendete, um wieder nach Deutschland zurückzukehren. Sie hat sich bei mehreren Hilfsorganisationen erkundigt. Für Cap Anamur hat sie sich vor allem deshalb entschieden, weil dort, etwa im Gegensatz zu "Ärzte ohne Grenzen", auch eine kürzere Mitarbeit von wenigen Monaten möglich ist. Und dort wurde ihr Nordkorea angeboten.

Freundlich war die Aufnahme in den beiden Krankenhäusern, die von Cap Anamur unterstützt werden. Das Land verfügt nach Beobachtung Hildebrands über ein personell gut besetztes und gut organisiertes Gesundheitswesen. Was in den Kliniken massiv fehlt, sind medizinische Geräte, Verbrauchsmaterial wie Verbände und Spritzen. Bei den Medikamenten sind vor allem starke Schmerzmittel und Antibiotika Mangelware. Im Vergleich zu den hoch technisierten Kliniken in Mitteleuropa sind Krankenhäuser dort nahezu leer. Selbst einfache Dinge wie Rollstühle und Infusionsständer fehlen. Und für die Kleinsten gibt es einen großen Mangel an Babynahrung in guter Qualität.

Einmal hat sie beobachtet, wie Ärzte und andere Mitarbeiter eine riesige Menge Maiskolben im Hof sortieren. Daraus wurde medizinischer Alkohol für die Klinik destilliert. Stolz zeigen die Mitarbeiter in den beiden Kliniken der 170 000-Einwohner-Stadt Haeju im Süden des Landes medizinische Geräte, die Cap Anamur vor zehn Jahren geliefert hat. Sie sind gepflegt und noch immer im Einsatz, schreibt Hildebrand in einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt.

Nach einer Pause von mehreren Jahren kann Cap Anamur seit 2011 wieder medizinische Unterstützung in Nordkorea leisten. Die politischen Verhältnisse sind weiter sehr schwierig und schränken die humanitäre Hilfe ein. "Unsere Arbeitsmöglichkeiten in den Krankenhäusern waren aber eher besser als erwartet", berichtet Hildebrand. Allgegenwärtig sind allerdings die offiziellen Begleiter, die sie in nahezu perfektem Deutsch schon bei der Ankunft am Flughafen begrüßten und täglich überall hin begleiten. Ihr Eindruck von der Hauptstadt Pjöngjang: breite Straßen, monotone Wohnblocks und ein Autoverkehr, der lebhafter ist als erwartet. Die meisten Menschen sind allerdings mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs.

"Das Krankheitsspektrum ist unserem recht ähnlich", schreibt Hildebrand im Ärzteblatt. Bei Erwachsenen falle auf, dass sie häufiger unter Gastritis leiden. Auch die Zahl der Schlaganfälle ist auffallend hoch. Bei den Kindern sind es Typhus, Durchfall und Wurmerkrankungen. Die nordkoreanischen Ärzte berichten, dass zehn Prozent der kleinen Patienten in der Kinderklinik unterernährt seien.

Im September fährt Annette Hildebrand, die in Stuttgart lebt, ein zweites Mal mit dem Cap-Anamur-Team für knapp drei Monate nach Nordkorea. Derzeit ist sie am Krankenhaus in Donaueschingen als Vertretung tätig.