Die vergessenen Waisenkinder

Artikelinfo
Datum: 
06.11.2011
Autor: 
Office Cap Anamur

Der ungewöhnliche Anruf erreichte uns zu Beginn des Jahres: Die nordkoreanische Botschaft bat Cap Anamur um Hilfe für die hungernde Bevölkerung und lud unseren Geschäftsführer Bernd Göken ein, sich die Situation in dem abgeschotteten Land selbst anzusehen. „Schon dieses Angebot zeigte, dass die aktuelle Hungersnot besonders groß sein musste“, erinnert sich Göken. Der harte Winter hatte große Teile der Ernte vernichtet, schon im Mai waren fast fünf Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Auf seiner Reise wurde Bernd Göken klar, es war schlimmer als befürchtet: Die Menschen auf dem Land hatten keinerlei Vorräte mehr, sie suchten am Wegesrand nach essbaren Kräutern. „Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben“, betont er.

Besonders hart hat es die vielen Waisen getroffen. In den übervollen  Waisenschulen sind die Kinder so geschwächt, dass sie dem Unterricht kaum folgen können. „Die ausgemergelten Körper, hohlwangigen Gesichter und leeren Blicke sind erschütternd. In Anju habe ich die vierjährige Kim Nam Hui kennengelernt. Das stark unterernährte Mädchen war nicht mehr ansprechbar und musste wegen hohen Fiebers ins Krankenhaus gebracht werden“, erinnert sich Bernd Göken.

Im Mai schickte Cap Anamur zunächst 200 Tonnen Reis, dann im August weitere 1.100 Tonnen. Der Fotograf Jürgen Escher dokumentierte die Verteilung der Lebensmittel. „Besonders krass ist der Kontrast zwischen dem sorglosen Leben in der Stadt mit seiner Massengymnastik und den Huldigungen an den Machthaber auf der einen Seite und der bitteren Armut der Landbevölkerung und Waisenkinder auf der anderen Seite“, erzählt Escher. Ihm gelang ein ungewöhnlich tiefer Einblick in das Land. Auch die kleine Kim Nam Hui traf er wieder, sie hatte sich inzwischen erholt. An diesem Tag wurden dank der Hilfslieferung alle Kinder satt. Doch die Hungernot ist noch lange nicht überstanden.

Aktuell planen wir, die Menschen in Nordkorea dauerhaft medizinisch zu unterstützen. Die meisten Krankenhäuser verfügen weder über das nötige technische Equipment noch über ausreichend Medikamente. So bleiben etliche Patienten unversorgt – insbesondere in Zeiten des Hungers ist das fatal. Cap Anamur möchte zwei Krankenhäusern in Häju unterstützen. Die Realisierung dieses Projekts hängt nicht zuletzt davon ab, ob wir innerhalb der politischen Strukturen die Hilfe nach unseren Bedingungen gestalten können.