"Es geht einfach ums Überleben"

Artikelinfo
Datum: 
26.08.2010
Autor: 
Hans Kurz
Quelle: 
Fränkischer Tag:

Vorra - Heute fliegt er nach Pakistan. Vorgestern hat sich Andreas Herr noch die Zeit genommen für ein Gespräch in der FT-Redaktion. "Ich bin ja kein Neuling", sagt der 44 Jahre alte Schreiner aus Vorra. "Noch ein paar Impfungen beim Arzt und meine Sachen sind auch schon gepackt." Andreas Herr geht es auch nicht um seine Person, sondern um die Sache: Hilfe für Menschen in Not. Fast 15 Millionen Menschen, so die jüngsten Schätzungen der Vereinten Nationen, sind von der Flut in Pakistan betroffen. Und die internationale Hilfe läuft erst langsam an. Zu den Organisationen, die seit Jahrzehnten in Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebieten humanitäre Hilfe leisten, gehört auch Cap Anamur.

Was genau ihn in Pakistan erwartet, weiß Andreas Herr zwei Tage vor seinem Einsatz noch nicht. Aber er ist gut vorbereitet. Denn Herr ist nicht zum ersten Mal für Cap Anamur unterwegs: Kosovo, Somalia, Nordkorea, Serbien, Afghanistan, Irak, Indonesien - eine Liste der Krisenherde dieser Welt - waren seit 1999 seine Stationen. Kriege und Bürgerkriege hat Herr erlebt, Hungersnöte und die verheerenden Folgen des Tsunami auf Sumatra.

"Dieses Desaster ist schlimmer als der Tsunami", hat der Sprecher des UN-Büros für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten, Maurizio Guiliano, die Situation in Pakistan dieser Tage beschrieben. Wie kann Cap Anamur dort helfen? Um das herauszufinden, ist Herr in Pakistan. Zusammen mit dem Logistiker Volker Rath, mit dem er schon in Afghanistan und auf Sumatra zusammengearbeitet hat, bildet er sozusagen den Zwei-Mann-Spähtrupp der Hilfsorganisation. "So schnell wie möglich vor Ort die Lage klären. Mit der WHO (der Weltgesundheitsorganisation) und dem Roten Kreuz absprechen, wo dringend Hilfe gebraucht wird, wo noch eine Lücke ist", darauf kommt es jetzt zuerst an, weiß Herr. Schließlich sollen nicht die einen doppelt versorgt werden, während andere nichts abbekommen.

"Es geht ums Überleben"

Dieses Grundproblem humanitärer Hilfe kennt Andreas Herr nur zu gut aus seiner eigenen Erfahrung. "Eine gerechte Verteilung ist schwierig, fast unmöglich, man kann sich nur Feinde machen", sagt er. Denn: "Jeder kämpft für sich. Es ist halt so. Wenn ein Vater sich zum fünften Mal bei einer Verteilung nach vorne drängt, um seine Familie zu versorgen, dann kann ich das schon verstehen. Es geht einfach ums Überleben."

Der Helfervirus hat Andreas Herr wieder erfasst. Eigentlich wollte er nach vier Jahren in den Krisengebieten dieser Welt etwas langsamer treten. 2003 hat er gemerkt, dass er sich auch wieder mehr sein eigenes Leben kümmern muss. Er hatte festgestellt, dass die Freunde jedes mal fremder wurden, wenn er aus der Ferne zurückkam. Nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 ist er dann doch wieder aufgebrochen. Seither hat er sich aber mehr um sich, sein soziales Umfeld und seine kleine Schreinerei in Vorra gekümmert - bis vorletzte Woche. Er stand in seiner Werkstatt und hörte die Nachrichten aus Pakistan. Andreas Herr griff zum Telefonhörer und rief Werner Höfner, Vorstandsmitglied bei Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte an. "Macht ihr da irgendwas?" wollte er wissen. "Ja, es ist was in Planung", antwortete Höfner. "Und schon hat es mich gepackt", schildert Herr die Situation. Am nächsten Tag trafen sich die beiden im Cap-Anamur-Büro in Köln. Ein paar Wochen könne er sich schon frei nehmen, meinte Herr. Jetzt ist er für zwei Monate - "oder länger" - gebucht. Das Reisegepäck, ein Rucksack, war schnell gepackt.

Aus sechs Monaten wurden 15

Das erinnert beinahe an Herrs ersten Einsatz für die Hilfsorganisation. Auslöser war der Kosovo-Krieg 1999. "Bei mir lief alles in geregelten Bahnen, ich war unabhängig, ich wollte mehr und ich wollte helfen", erzählt Herr. Er bewarb sich beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und füllte Formulare über Formulare aus. Noch ehe er etwas vom DED hörte, sah er im Fernsehen ein Interview mit Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck. "Ich erinnerte mich, dass ich als Kind von diesem Schiff gehört hatte. Und ich war von Neudecks Ansichten beeindruckt." Also rief er im Büro von Cap Anamur an. Zwei Tage später fand in Köln ein Gespräch mit Rupert Neudeck statt. Unmittelbar danach erhielt er die Zusage: In zwei Wochen geht's los - für sechs Monate. "Da hab ich schon erst mal geschluckt", erinnert sich Herr. Aber dann fand er sogar noch auf die Schnelle einen Mieter für sein Haus und machte sich auf den Weg. Aus sechs Monaten wurden schließlich eineinviertel Jahre.

 

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