„Eine Mutter hat an einem Tag drei Kinder verloren“

Artikelinfo
Datum: 
03.05.2015
Autor: 
Paulina Stumm
Quelle: 
Schwaebische.de

Steffi Kuhn arbeitet in Ravensburg als Kinderkrankenschwester. Zwei Monate lang arbeitete sie in Sierra Leone in einer Ebola-Is

Aulendorf / sz | Zwei Monate, von Anfang Januar bis Anfang März dieses Jahres, hat die Aulendorferin Steffi Kuhn in Sierra Leone gegen Ebola gekämpft. Die 36-jährige Kinderkrankenschwester war mit der Hilfsorganisation „Cap Anamur - Deutsche Not-Ärzte“ in Freetown, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes. Der Verein hat dort neben einer Frauen- und Kinderklinik eine Isolationsstation aufgebaut, in der Patienten mit Verdacht auf Ebolafieber untersucht wurden. Paulina Stumm hat mit ihr über ihre Erfahrungen gesprochen.

Frau Kuhn, wie kam es dazu, dass Sie als Helferin nach Sierra Leone gegangen sind?

Die Entscheidung, einmal in einem Entwicklungsland zu arbeiten, habe ich schon während meiner Ausbildung getroffen. Im vergangenen Jahr habe ich während einer Autofahrt immer wieder die Nachricht im Radio gehört, dass die Bundesregierung Leute sucht, die in von Ebola betroffenen Ländern helfen. Da war mir klar, das mache ich.

Wie hat ihr Umfeld auf diese Entscheidung reagiert?

Viele fanden es gut. Es gab aber auch vorwurfsvolle Stimmen nach dem Motto: Muss das sein, dass du dich dem Risiko aussetzt und bei der Rückkehr womöglich noch andere ansteckst?

Eine berechtigte Angst?

Nein, natürlich nicht. Trotzdem hatte ich bei meiner Rückkehr Probleme, einen Ort zu finden, an dem ich die 21 Tage Inkubationszeit verbringen konnte. Das war die Zeit, die es dauern kann, bis Krankheitssymptome auftreten. Erst dann ist Ebola auch übertragbar. In der Zeit habe ich mich selbst sehr stark beobachten müssen. Ich wusste, sobald ich mich unwohl fühle, muss ich mich isolieren. Aber es war nichts. Mein Vermieter wollte nicht, dass ich die Zeit in der Wohnung verbringe. Letztlich bin ich bei meinen Eltern untergekommen.

Ist es denn üblich, dass rückkehrende Helfer einfach nach Hause gehen?

Es gibt in Deutschland keine gesetzliche Regelung, wie mit uns Rückkehrern umgegangen wird. In anderen Ländern gibt es Camps, wo Rückkehrer die drei Wochen verbringen. Theoretisch hätte ich allerdings auch gleich wieder arbeiten dürfen.

Sie haben Patienten im Isolationsbereich betreut. Wie war dieser Bereich organisiert?

Es gab drei Patientenräume mit insgesamt 20 Betten. Zwischen den Räumen waren Fußbäder zur Desinfektion und der Bereich war als Einbahnlösung organisiert, sodass man nicht zurück in das vorige Zimmer konnte. Um den Bereich über eine Schleuse zu betreten, mussten wir einen Plastikoverall, drei Paar Handschuhe, einen Mundschutz, ein Gesichtsvisier, Gummistiefel und eine Plastikschürze anziehen.

Was waren Ihre Aufgaben?

Das Arbeitsfeld war breit gefächert. Natürlich habe ich auch am Patienten gearbeitet, Medikamente gegeben, Infusionen angehängt, aber auch Patienten aufgenommen und entlassen. Darüber hinaus gehörte es auch dazu, die verschiedenen Berufsgruppen zu organisieren, wie Labormitarbeiter, diejenigen, die sauber machten, und den Bestattungsdienst. Wichtig war auch, die Kollegen in der roten Zone (Isolationsbereich, Anm. d. Red.) zu beobachten: Ist einer müde, muss er abgelöst werden? Und natürlich viel Dokumentation, wie in Deutschland auch.

Hatten Sie keine Angst, sich anzustecken?

Nein, nie. Klar gab es immer ein Risiko. Vor allem, wenn die Kinder sich gewehrt haben, wenn man ihnen einen Zugang legen musste. Vor Stichverletzungen schützt der Anzug nicht. Die rote Zone über den Dekontaminationsbereich zu verlassen, dauert 15 bis 20 Minuten und ist eigentlich riskanter als die Arbeit am Patienten selbst, weil der Erreger an der Schutzkleidung haftet und man beim Ausziehen total aufpassen muss. Einmal war ich dabei so erschöpft, dass mir mein Gegenüber Schritt für Schritt vorsagen musste, was ich tun muss. Da hätte ich den Bereich früher verlassen sollen.

In Sierra Leone sind laut Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums bislang mehr als 3500 Menschen an Ebola gestorben. Auch an ihrer Station haben viele Kinder nicht überlebt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das Thema Sterbebegleitung war mir aus meiner Arbeit in Deutschland bekannt. Da dachte ich, das kann ich dort bestimmt einbringen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Menschen dort gute eigene Bewältigungsstrategien haben. Der Tod gehört dort viel selbstverständlicher zum Leben und wird akzeptiert. Ich habe eine Mutter erlebt, die hat an einem Tag drei Kinder an unserer Station verloren. Ich hatte das Gefühl, sie nicht so gut trösten zu können. Jemandem komplett im Schutzanzug die Hand auf die Schulter zu legen, ist irgendwie komisch.

Würden Sie so einen Einsatz nochmal machen?

Wenn es nur nach mit ginge, gleich morgen. Ich hätte meinen Einsatz dort auch gerne verlängert, wo ich doch gut eingearbeitet war und Hilfe noch nötig ist. Der Ebola-Ausbruch in Sierra Leone gilt erst als beendet, wenn 42 Tage lang kein neuer Fall auftritt. Die längste meldefreie Phase dauerte bislang drei Tage.

Über ihren Einsatz spricht Steffi Kuhn auch in einem Vortrag am Dienstag, 19. Mai, im Ravensburger Krankenhaus St. Elisabeth der Oberschwabenklinik. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Dabei sein wird auch Cap-Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken. Der Eintritt ist frei.

 

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