Borgloher Ebola-Helfer ist zurück in der Heimat

Artikelinfo
Datum: 
23.04.2015
Autor: 
Anne Spielmeyer
Quelle: 
Osnabrücker Zeitung

 

Zurück in Borgloh: Ole Hengelbrock ist nach knapp zwei Jahren in Sierra Leone wieder in der Heimat bei Familie, Freunden und Hund Klabauter. Vorträge über seine Zeit in Westafrika folgen. Foto: Philipp Hülsmann

Hilter. Fast zwei Jahre war Ole Hengelbrock als Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur in Sierra Leone. Jetzt ist er zurück in Borgloh. Inzwischen gehen die Ebola-Fälle in Westafrika zurück. Kein Grund für Entwarnung, aber Zeit für Ole, durchzuatmen.

Die Eieruhr am Bildschirm verrät, dass jetzt etwas kommt, das Zeit braucht. Ole Hengelbrock blickt in den Laptop und lädt mit den ungezählten Fotos ein Stück Sierra Leone ins Wohnzimmer seiner Eltern. Vor wenigen Tagen war er noch in Freetown als Mitarbeiter des Vereins Cap Anamur im Einsatz. „Es war richtig, dass ich dort war“, sagt er – ohne zu zögern. „Und es ist gut, wieder hier zu sein.“

Alhaji und Jannet

Die Fotos sind noch unsortiert, Ole nicht. „Ich habe viel mehr bekommen, als ich gegeben habe“, zieht der 27-Jährige Bilanz. Die Bilder erklären das: Da ist Alhaji, ein junger Diabetiker, der von seiner Familie verstoßen wurde und mit Ole über die rote Buschpiste quer durchs Land radelte, um mehr über seine Familie zu erfahren. Oder Jannet, die im Schutzhaus von Cap Anamur positiv auf Ebola getestet wurde, in ein Krankenhaus kam, um ihr Leben fürchtete, gesund wurde und anschließend zum ersten Mal im Leben ins Meer springen konnte. „Das sind die tollen Geschichten“, sagt Ole Hengelbrock. Die, die neben all den Momenten von Ohnmacht, Korruption oder staatlichem Versagen Auftrieb gegeben haben.

jonathan taiama chicken Ole Hengelbrock

Fußball neben Kindersterblichkeit

Als der Borgloher im Juni 2013 nach Freetown kam, war die Welt noch in Ordnung – zumindest so in Ordnung, wie sie es in Sierra Leone sein kann. „Die Kindersterblichkeit der Unter-Fünfjährigen und die der schwangeren Frauen ist unfassbar hoch“, sagt Ole mit Blick auf Probleme, die vor Ebola interessierten. Dann kam das Virus. Im Mai kündigte es sich leise an, im Sommer schlug es voll durch. Direkt neben den Bildern vom Fußballspiel in der Straßenkinder-Einrichtung Pikin Paddy, die Ole leitete, gibt es Bilder von Kindern in Krankenbetten, notdürftig abgeriegelt mit einer Trennwand. Offenbar zwei Welten, die am Ende doch eine sind – „die Schönheit des Landes und die Nähe der Menschen“ direkt neben der Radikalität des Virus, das alles auf den Kopf stellte und völlig unterschätzt wurde.

WHO: „Lektion in Demut“

Zu „unentschlossen“ habe man auf die Seuche reagiert, räumen die Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jetzt ein. Seit Ausbruch der Epidemie sind nach Informationen der UN-Mission Ebola Emergency Response rund 25600 Menschen erkrankt, 10600 Menschen starben. „Wir haben eine Lektion in Demut gelernt“, erklärten die WHO-Chefs. Notwendige Reformen sollen vorangetrieben werden, eine globale Notfall-Arbeitsgruppe wird eingerichtet.

Denn spielend überholte Ebola die Menschen vor Ort – Einheimische wie Helfer. „Wir sind da geblieben“, sagt Ole über den Verein Cap Anamur. Und ist stolz darauf. In einer Phase, in der es mehr Fragen als Antworten gab und in der viele, teils auf Anraten des Auswärtigen Amtes, das Ebola-Gebiet verlassen haben, ist der Verein Cap Anamur geblieben. „Wir haben den Möglichkeitssinn wachgehalten.“

„Ein krasses 0:3“

„Wenn man 5:0 führt, dann kann man sich zurücknehmen“, sagt Ole als Fußballer . „Aber nicht, wenn man 0:1 hinten liegt.“ Und wie stand es im Kampf gegen Ebola? „Krasses 0:3, 70. Minute“, sagt er. Inzwischen ist das anders. Die Menschen aus Sierra Leone und die Helfer aus aller Welt konnten etwas bewegen. Ebola gibt es noch immer. Aber: „Das Virus ist eingeholt“, sagt Ole. Die WHO spricht von einem tendenziellen Rückgang. Aufklärung, medizinische Versorgung, Desinfektionsmaßnahmen und Isolierung sind deutlich besser.

Cap Anamur in Sierra Leone, Helfer im Ebola-GebietSchutzhaus von Cap Anamur

Ole hat in seiner Zeit vor Ort ein Schutzhaus für Ebola-Waisen mit aufgebaut. Bis zu 25 Kinder können hier unter hohen präventiven Sicherheitsstandards für die Dauer der Inkubationszeit von 21 Tagen aufgenommen, beobachtet und behütet werden. Von einem 5:0 kann man nicht reden, aber Ole sieht nun Gelegenheit, sich zurückzunehmen – unter anderem für eine Knie-Operation nach einer alten Fußballverletzung. „Die wollte ich eigentlich schon eher machen. Aber ich konnte ja nicht wissen, dass Ebola so lange dauert.“ Nur weil Ebola besser im Griff ist, sind die Probleme nicht weg. „Ich mache mir viele Gedanken über die Zeit post Ebola. Es ist auch eine soziale Epidemie.“ Familien seien auseinandergebrochen, viele Menschen arbeitslos geworden, Kinder seien nicht zur Schule gegangen, außerdem gebe es keine Psychologen. „Da bleibt viel zu tun.“Kröung zum Chief Ole Hengelbrock

Romantik und Realität

Ole selbst wird nach fast zwei Jahren Auslandseinsatz nicht nach Sierra Leone zurückgehen, will aber künftig auch im Bereich Entwicklungsarbeit oder internationale Zusammenarbeit arbeiten. „Ich bin Romantiker, ich bin Optimist, und ich bin gläubig“, formuliert er. „Aber ich habe auch die Realität gesehen.“ Kranke, die einfach auf dem Hof abgeladen wurden, oder Ebola-Waisen, die sterben mussten, weil niemand da war, der ihr Haus betreten konnte. Basale Probleme, die andere sind als die komplexen in der deutschen „Seifenblasen-Realität“, in der andere Kontinente auch schnell mal ausgeblendet würden. „Manchmal muss ich still werden, weil ich denke: Womit beschäftigen wir uns hier gerade?“, und manchmal müsse er erzählen von Sierra Leone – „von dem, was schlecht ist, und von dem, was wunderschön ist“. Nicht nur, weil er es den Menschen dort versprochen hat .Ole Hengelbrock, Sierra Leone, Borgloh, Hilter

 

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