Borgloher im Ebola-Gebiet: "Es geht an die Substanz"

Artikelinfo
Datum: 
02.12.2014
Autor: 
Anne Spielmeyer
Quelle: 
Osnabrücker Zeitung

Hilter/Freetown. Erste Tests mit Ebola-Impfstoffen in den USA geben Hoffnung. In Sierra aber steigt die Zahl der Toten weiter an. Ole Hengelbrock, Sozialarbeiter aus Borgloh, ist noch immer mit der Hilfsorganisation Cap Anamur vor Ort und hilft, ein neues Schutzhaus für Kinder aufzubauen. Eine Schippe Zement auf der Großbaustelle Leben.

Einheimische und deutsche Helfer wie Ole Hengelbrock (rechts) haben ein Schutzhaus für Kinder aufgebaut. Ebola-Waisen können hier zum Beispiel beobachtet werden. Foto: Cap AnamurSo ausgelassen der Straßen-Kick in den Slums der Hauptstadt Freetown auch sein kann, das Virus grätscht immer dazwischen. „Ebola ist noch lange nicht unter Kontrolle“, bringt der 26-jährige Ole Hengelbrock aus Borgloh das in Worte, was die Weltgesundheitsorganisation in Zahlen ausdrückt. Mehr als 16000 Ebola-Fälle zählt sie aktuell. 6928 davon endeten tödlich. In Liberia, Sierra Leone und Guinea hat sich die Zahl in einer Woche gerade um 600 erhöht. Eine Spirale, die sich immer schneller windet.

Während Beobachter von Außen Bilder von Kindern in Krankenhäusern und Medizinern in Schutzanzügen wegzappen können, stecken die Menschen im Krisengebiet täglich mittendrin. „Viele Einwohner sind emotional nicht mehr so aufgebracht wie am Anfang“, erzählt Ole Hengelbrock. Das Virus hat sich im Alltag festgesetzt und tut nun so, als gehöre es genauso zu Freetown wie der tropische Regenwald. „Das heißt aber nicht, dass die Lage weniger dramatisch ist“, betont er und wird von Baulärm unterbrochen. Ein kreischender Hinweis darauf, dass sich trotz aller Rückschläge etwas tut.

Vor Ort im Einsatz: Hengelbrock im „heute journal“

Die Mitarbeiter von Cap Anamur, die in Sierra Leone bereits ein Kinderkrankenhaus und das „Pikin Paddy“, ein Zuhause für Straßenkinder führen, stampfen gerade ein drittes Projekt aus dem roten Erdboden. „Ein Schutzhaus, in dem Kinder, die Kontakt zu Ebola-Infizierten hatten, Unterschlupf finden“, sagt Cap Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken. „Kontaktkinder“, nennen Mediziner und Sozialarbeiter diese Kinder, die für die Länge einer Inkubationszeit hier in kleinen Gruppen beobachtet werden können. 21 Tage bleiben sie unter den Augen von geschulten „Caredivern“ isoliert. Cap Anamur hat Menschen, die Ebola überlebt haben, gezielt zu Tagesmüttern und -vätern ausgebildet, weil sie nicht nur Antikörper, sondern auch jede Menge Empathie mitbringen.

Im chaotischen Anfangsstadium im Sommer mussten Kontaktkinder teilweise abgewiesen werden. „Viele von ihnen haben Angehörige verloren. Wer kümmert sich um diese Kids?“, stellt Ole Hengelbrock die Frage, die ihn von Beginn an drückte. Im neuen Haus können 26 dieser Kinder Platz finden und warten an der Schwelle zum Virus, zur Diagnose Ebola positiv oder negativ. Kinder, die gesund sind, können ins „Pikin Paddy“, kranke Kinder müssen ins Krankenhaus und auf Isolierstationen gebracht werden. In sieben Tagen und sieben Nächten haben deutsche und einheimische Helfer das Gebäude umgerüstet, mit Wasser und Strom versorgt und so für 40000 Euro eine neue Leitung fürs Leben gelegt. „Jedes Kind, das Schutz sucht, wird von uns unterstützt“, sagt Ole Hengelbrock.

Unterstützung weltweit

Auch weltweit wird einiges unternommen, um das tödliche Virus einzudämmen. Nicht ohne Hoffnungsschimmer: 20 Freiwillige, an denen in den USA ein Ebola-Impfstoff getestet wurde, haben Antikörper gebildet. „Die neuen Tests machten Mut, eine Epidemie künftig verhindern zu können“, bewertete Entwicklungsminister Gerd Müller (CDU) den Vorstoß vorsichtig. „Hier kommen solche Nachrichten bei den Menschen nicht an. Hier zählt das, was greifbar ist“, sagt Ole Hengelbrock. Die Bundesregierung hat ihre Gelder für den Kampf gegen Ebola noch einmal aufgestockt. Aus dem Etat des Entwicklungsministeriums fließen zusätzlich 44 Millionen Euro nach Westafrika.

Die Regierung vor Ort hatte Ende September ein Drittel der Bevölkerung abgeschottet, um über die Seuche aufzuklären und Infizierte aus den Familien zu holen. „Die Menschen saßen mehrere Tage in ihren Hütten eng zusammen. Es gab nur ein bisschen Reis und ein paar Zwiebeln“, beschreibt Ole Hengelbrock die Tage, in denen er an bekannten Stellen Lebensmittel für Straßenkinder verteilte. „Ich finde solche Quarantäne-Aktionen nicht sinnvoll“, bewertet Bernd Göken, Geschäftsführer von Cap Anamur den Ausnahmezustand. „Die Ansteckungsgefahr steigt. Die Menschen in Sierra Leone verzichten auf wichtige Tageseinnahmen, mit denen sie ihre Familien ernähren müssen.“ An die humanitäre Spirale dockt unweigerlich die wirtschaftliche an.

Ein sensibler Punkt, der auch bei lokalen Autoritäten für Unstimmigkeiten sorgt: Die Anordnung des Bürgermeisters von Freetown, alle Läden und Märkte noch einmal für drei Tage zu schließen, um den Erreger einzudämmen, wurde kürzlich von Sierra Leones Präsident Ernest Bai Koroma wieder aufgehoben, um wirtschaftliche Schäden abzuwenden.Nach Schätzungen der Weltbank wird die Ebola-Epidemie das arme Land bis Ende 2015 rund 32 Milliarden Dollar kosten. Schon jetzt gebe es für die Jugend kaum Perspektiven, warnte Walter Lindner, Ebola-Beauftragter der Bundesregierung.

Die Projekt-Arbeit von Cap Anamur bei youtube

Eine Zahl, die ahnen lässt, wie viel Krise der akute Notstand noch nach sich ziehen wird. „Wenn Post-Ebola Medien und Organisationen wieder gehen, bleiben wir“, sagt Ole Hengelbrock. Seit eineinhalb Jahren ist er nun schon als Sozialarbeiter in Sierra Leone , hat das Land noch ohne Desinfektions-Distanz kennengelernt und weiß, wofür er vor Ort kämpft. Für liebenswerte Menschen, bessere Strukturen. „Ich bin immer noch glücklich, hier zu sein“, sagt er. Auch wenn dem Fußballer langsam die Kräfte schwinden. „Kopf und Herz sind sehr, sehr wach, aber der Körper ist müde. Es geht an die Substanz“, sagt Hengelbrock. „Ich kann hier aber Pause machen, wenn ich das brauche.“ Die eigenen Vorsätze sind gut, die klaren Regeln des Arbeitgebers besser: „Niemand bleibt länger als acht Monate am Stück in einer Krisenregion“, sagt Cap Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken. Zwei Kollegen aus dem medizinischen Bereich seien bereits nach Deutschland zurückgekommen. Im Dezember fliegt Ole Hengelbrock zurück, kann Weihnachten in Borgloh feiern, ein paar Wochen pausieren, bevor es zurück nach Freetown geht. Er wird hier nicht isoliert, muss aber drei Wochen Abstand zu anderen Menschen halten und mehrmals täglich Temperatur messen. Übertragen werden kann das Virus nach Angaben von Medizinern nur dann, wenn ein Infizierter auch Krankheitssymptome entwickelt. Also ist es ein Leichtes in den Flieger zu steigen und zurückzukehren in die gepuderte Welt? „Als Ole ist das gar kein Problem. Da kann ich gut umschalten“, sagt der Borgloher, der sich auf das Weizen mit Freunden genauso freut wie auf ein „Ih, Ole, pack mich nicht an“ seiner Kumpels. Als Sozialarbeiter würde ihm der Wechsel in die Welt westlicher Industriestaaten schwerer fallen. „In Sierra Leone sind die Probleme grundlegend, es geht ums Überleben“, sagt er. In Deutschland seien die Probleme andere. „Es ist alles gut so, wie es ist.“