"Ein schöner Tag ist, wenn nur ein Kind stirbt"

Artikelinfo
Datum: 
18.05.2012
Autor: 
Jana Haase
Quelle: 
Potsdamer Neuste Nachrichten

Claudia Georgi arbeitete sechs Monate lang für die Hilfsorganisation Cap Anamur in einem Kinderkrankenhaus in Sierra Leone

Nach sechs Monaten war die Freude auf die Rückkehr nach Deutschland dann doch groß. Endlich wieder nicht nur wegen der Hautfarbe auffallen, endlich wiedder eine unter vielen sein, aber auch: einfach mal wieder saubere Hände haben. „In Freetown war es irgendwie überall staubig und dreckig“, erzählt Claudia Georgi. Ein halbes Jahr lang arbeitete die Potsdamerin im westafrikanischen Sierra Leone. Dort engagierte sich die Kinderkrankenschwester, die im normalen Leben in Berlin auf einer Neugeborenenintensivstation arbeitet, für die Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V. in der Kinderklinik der Landeshauptstadt Freetown. Im April kehrte sie nach Deutschland zurück.

„Ich hatte schon immer den Wunsch, in die Entwicklungshilfe zu gehen“, erzählt die 38-Jährige den PNN. Nach fast zwanzig Jahren im Beruf kamen der richtige Zeitpunkt und die gute Gelegenheit für sie zusammen: Von einem Arzt in ihrer Klinik erfuhr sie von dem Cap-Anamur-Hilfsprojekt in Sierra Leone – und entschied sich für den Einsatz. Von ihrer Klinik bekam sie sechs Monate Sonderurlaub genehmigt. „Wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie“, habe sie sich gesagt.

Es sollte Claudia Georgis erste Reise nach Afrika überhaupt werden. Sorgen habe sie sich im Vorfeld aber nicht gemacht: Denn die Sicherheitslage in Sierra Leone, das nach einem blutigen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren immer noch zu den ärmsten Regionen der Welt zählt, werde mittlerweile als sehr stabil eingeschätzt. „Man muss flexibel sein, sich auf etwas Neues einlassen können“, beschreibt die Potsdamerin ihre Einstellung zu dem Auslandseinsatz.

Im Oktober 2011 ging der Flug nach Freetown: Die Zeit, einen Kulturschock zu bekommen oder gar Heimweh, blieb ihr nach der Ankunft in der Hauptstadt kaum. „Ich habe mich da ziemlich schnell zu Hause gefühlt“, erinnert sie sich. Untergebracht war sie gemeinsam mit den anderen deuschen Mitarbeitern von Cap Anamur – neben den Kinderkrankenpflegern auch zwei Kinderärzte – in einem Haus: „Das war wie eine Wohngemeinschaft, wir haben zusammen gekocht.“

Seit 2009 unterstützt die Hilfsorganisation die einzige Kinderklinik des 5,3-Millionen-Einwohner-Landes. 200 Betten hat das Krankenhaus, Kinder bis fünf Jahre werden kostenlos behandelt. Mit Unterstützung von Cap Anamur wurde bereits die Intensivstation renoviert und erweitert, die Hilfsorganisation sorgt zudem für Material wie Spritzen oder Kanülen und für ausreichend Medikamente. Auch Schulungen für Personal bieten die Cap-Anamur-Helfer an: Denn das Ziel ist, dass die Klinik irgendwann ohne Hilfe funktioniert, erklärt Claudia Georgi.

Ihre Arbeitstage sind lang – und anstrengend, besonders in den ersten Wochen, als wegen der Regenzeit besonders viele todkranke Kinder in die Klinik kommen: Die Kleinen leiden an hohem Fieber wegen einer Malaria-Infektion, haben Lungenentzündungen, Flüssigkeitsmangel oder sind unterernährt. Viele sind schon bewusstlos bei der Einlieferung, viele können von den Ärzten nicht mehr gerettet werden. „Eine Kollegin hat immer gesagt: Ein schöner Tag ist, wenn nur ein Kind stirbt“, sagt Claudia Georgi. Das laute Wehklagen der Mütter, die sich neben die Betten ihrer gestorbenen Kinder auf den Boden legen, wird sie nicht so schnell vergessen. „Der Tod ist viel präsenter als bei uns“, sagt die 38-Jährige.

Aber es gibt auch viele Erfolgsmomente. Am meisten beeindruckt ist Claudia Georgi von den Eltern, die ihrer Kinder in der Klinik rund um die Uhr betreuen: „Die Mütter halten am Bett Wache, wickeln, waschen und füttern ihre Kleinen, passen auf die Medikamente auf.“ Oft teilen sich sogar mehrere Mütter mit ihren Kindern eine Liege. Beschwerden von Eltern habe es nie gegeben: „Ich habe großen Respekt vor den Müttern, die das tagelang aushalten“, sagt Claudia Georgi.

In Sierra Leone erlebt die Krankenschwester von den Eltern der behandelten Kinder eine Dankbarkeit, wie sie in Deutschland selten geworden ist: „Diese Dankbarkeit war das Schönste, das macht die Arbeit auch leichter als in Deutschland“, sagt sie.

Auch im Krankenhausteam kann die Potsdamerin auf kleine Erfolge zurückblicken: wenn etwa eine Schulung zur Ernährung Wirkung gezeigt hat und die einheimischen Schwestern bei einem Kind in kritischem Zustand zum Beispiel von sich aus eine Magensonde legen. Nach sechs Monaten ist Claudia Georgi jedenfalls zufrieden mit ihrem Einsatz: „Ich würde es jederzeit wieder machen.“

Derzeit bereitet sie eine andere Schwester ihres Krankenhauses in Berlin auf die Reise vor. Einen Hilfseinsatz, meint Claudia Georgi heute, kann jeder machen: „Es ist nicht schwer.“

 

Link zum Artikel:

http://www.pnn.de/potsdam/648840/