"Eine echte Hilfe wollte ich sein"

Artikelinfo
Datum: 
21.05.2012
Autor: 
Ulrich Wangemann
Quelle: 
Märkische Allgemeine

Interview mit der Potsdamer Krankenschwester Claudia Georgi über ihren Hilfseinsatz in Sierra Leone

 

Die Potsdamer Krankenschwester Claudia Georgi (38) arbeitete ein halbes Jahr für die Hilfsorganisation Cap Anamur auf einer Intensivstation für Neugeborene in Sierra Leone. Mit ihr sprach Ulrich Wangemann.
 

MAZ Sie waren ein halbes Jahr in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt. Die Kindersterblichkeit ist extrem hoch – wie haben Sie das erlebt?

Claudia Georgi: Jedes fünfte Kind, so sagt man, erlebt den fünften Geburtstag nicht. Es ist in der Klinik sehr dreckig. Überall rennen Kakerlaken herum, auch auf den Betten. So viele schwerkranke Kinder habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

Bricht einem als Kinderkrankenschwester nicht das Herz, wenn man so viele Kinder sterben sieht?

Georgi: Man hat nicht so viel Zeit zum Nachdenken. So viele andere Kinder brauchen Aufmerksamkeit, auch solche, die reellere Überlebenschancen haben.

Das ist eine harte Entscheidung.

Georgi: Das ist hart. Man versucht, dem todkranken Kind zu helfen. Aber wenn der Zustand sich nach einer halben Stunde nicht verbessert, muss man sich den anderen Kindern zuwenden, kann nicht den ganzen Dienst über an einem Bett stehen.

Welche Krankheiten haben die Kinder?

Georgi: In erster Linie Malaria und Lungenentzündung.

Wie hoch ist der Anteil der Malariakranken in der Bevölkerung?

Georgi: Man sagt, dass praktisch jeder Malaria hat, der Parasiten in sich trägt. Die Menschen haben zweimal im Jahr einen Malaria-Schub, auch die Schwestern.

Sind Sie verschont geblieben?

Georgi: Ja, ich habe Prophylaxe-Mittel genommen.

Welches waren Ihre Aufgaben in dem Krankenhaus in der Hauptstadt Freetown?

Georgi: Die Schwestern anleiten, Wissen weitergeben. Da geht es beispielsweise um Ernährung und Hygiene. Krankenhausinfektionen sind ein großes Problem.

Wie viele Kinder haben Sie gerettet?

Georgi: Ich habe es nicht gezählt, genauso wenig wie die Kinder, die gestorben sind. Es gab Wichtigeres zu tun.

Sierra Leone hat einen fürchterlichen Krieg hinter sich. Ex-Warlord Charles Taylor, der aus Liberia Sierra Leone angriff, steht gerade vor einem internationalen Tribunal wegen Kriegsverbrechen – er soll unter anderem Kinder als Soldaten zwangsrekrutiert haben. Was merkt man noch von dieser Vergangenheit?

Georgi: Man sieht auf den Straßen oft Amputierte. Viele Menschen gehen im Gespräch dem Thema aus dem Weg, sind traumatisiert, gerade wenn sie zu Zeiten des Krieges noch Kinder waren. Die Menschen schauen aber in die Zukunft. Sie möchten am Wohlstand teilhaben. Das Land hat zum Beispiel schöne Strände, wasserreiche Flüsse, ist sehr grün.

Kriegswunden, Armut, Krankheiten, Sierra Leone ist nicht gerade ein typisches Reiseland für junge Frauen. Würden Sie sagen, Sie sind ein mutiger Mensch?

Georgi: Als mutig sehe ich mich gar nicht an. Die Menschen in Sierra Leone gehören zu einem wahnsinnig friedlichen Volk. Angst habe ich nie gehabt. Die Leute haben mehr auf mich aufgepasst, als ich auf sie. Nie habe ich mich unsicher gefühlt. Am meisten Angst hatte ich davor, mir schräge Krankheiten einzufangen.

Was ist mit Bilharziose, einer Krankheit, bei der sich Würmer in Blutgefäßen und Harnblase einnisten?

Georgi: Die kann man sich einfangen, wenn man im Süßwasser badet.

Haben Sie im Süßwasser gebadet?

Georgi: Ja einmal. Es war ein fließendes Gewässer, da ist die Gefahr nicht so groß. Man kann nicht immer zu viel nachdenken.

Was hat Sie bewegt, nach Afrika zu gehen?

Georgi: Ich will das schon lange, habe den Beruf deswegen eigentlich ergriffen. Eine echte Hilfe wollte ich sein und Dankbarkeit erfahren. In Deutschland erfährt der Beruf ja oft nicht die Wertschätzung, die er verdient. Es ist ein gutes Gefühl, Leuten mit relativ einfachen Methoden zu zeigen, wie sie wirklich helfen können.

Woran denken Sie genau?

Georgi: Nehmen Sie die Magensonden-Ernährung. Dafür fehlt oft das Verständnis. Viele Eltern denken: Wenn die Frühchen nicht schreien, haben sie keinen Hunger. Ein fataler Irrtum. Eine Sonde – also ein Schlauch, der durch die Speiseröhre den Magen erreicht – kann viel erreichen.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis?

Georgi: Ein fünf Wochen altes Baby, das halbtot, mit Schnappatmung und total unterkühlt eingeliefert wurde, haben wir ein, zwei Stunden beatmet. In zwei Handschuhe habe ich warmes Wasser gefüllt und das Körperchen aufgewärmt. Nach zwei Stunden fing das Kind richtig an zu atmen, irgendwann schrie es wieder.

Wer mit der Organisation Cap Anamur ins Ausland geht, kann der davon leben, oder muss der draufzahlen?

Georgi: Bei mir ging es, meine Wohnung im Zentrum Ost ist kostengünstig. Cap Anamur zahlte 1400 Euro brutto, aber man muss sich vor Ort um nichts kümmern, Wohnung, Verpflegung, Transport. Man soll nach einem solchen Einsatz in sein normales Leben zurückkehren können.

Wie war die Rückkehr in Ihr altes Leben, nach Potsdam?

Georgi: Es war ein umgedrehter Kulturschock. Es ist alles so ruhig in Deutschland. Keiner hupt. Ich habe vieles als etwas anonym bis spießig empfunden, alles ist sauber, perfekt, steril. Die Leute gucken so ernst, ich vermisse das Lachen. Ich traf Freunde, die sich darüber aufregten, dass es seit einem halben Jahr Scharlach in ihrer Kita gibt. Ich dachte: Dann gibt es eben so lange Scharlach im Kindergarten. Das stärkt nur die Immunabwehr! Die Probleme sind andere.

Welches war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Georgi: Wenn der Strom manchmal für eine halbe Stunde weg war und die Kinder, die vom Sauerstoff abhängig sind, starben. Das passierte, weil der Generator nicht ansprang wegen einer nicht geladenen Batterie. Ich habe mich hilflos gefühlt.

Entwicklungshilfe wird oft kritisch gesehen, weil sie die Menschen davon abhalte, selbständig zu handeln.

Georgi: Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Cap Anamur nicht ewig da ist, dass die Klinik die Ausrüstung pflegen, Medikamente vorhalten muss. Eine gewisse Erwartungshaltung bei manchen Einheimischen war schon zu bemerken. Deswegen: Gute Entwicklungshilfe muss immer betonen, dass sie nur vorübergehend ist.

Gibt es irgendetwas besonders Genussvolles, das Sie nach Ihrer Rückkehr getan haben?

Georgi: Auf dem Brüsseler Flughafen habe ich mir als erstes einen Latte Macchiato geholt. Das hatte ich vermisst. Und in Potsdam habe ich mir in der Eismanufaktur in der Brandenburger Straße Eis gekauft.

 

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