Sterben unter tropischer Sonne

Artikelinfo
Datum: 
20.08.2011
Autor: 
Thomas Hagen
Quelle: 
Neue Westfälische

Der Herforder Fotograf Jürgen Escher dokumentierte die Aufbau-Arbeit Cap Anamurs in Sierra Leone. Hier finden Sie den Original-Artikel als pdf.

VON THOMAS HAGEN

Das tägliche Grauen | FOTO: JÜRGEN ESCHER

Herford/Freetown. Die Notaufnahme des Kinderkrankenhauses in Sierra Leones Hauptstadt Freetown erinnert an kriegsähnliche Verhältnisse, Trauer ist ein beständiger Gast. Viele der noch blutjungen Mütter erreichen den Außenposten der Hilfsorganisation Cap Anamur Deutsche Not-Ärzte erst nach beschwerlichen Wanderungen aus dem Umland. Ihre Säuglinge haben sie ohne medizinische Hilfe in einfachen Lehmhütten zur Welt gebracht. Nicht nur in Somalia herrscht Hunger, bittere Not gibt es auch in Westafrika.

Ein Großteil dieser Kinder hat keine Chance, stirbt kurz nach der Ankunft im Hospital - ausgezehrt und dehydriert, fern medizinischer Hilfe. "Ein vermeidbarer Tod", wie es der pensionierte Essener Kinderarzt Werner Strahl beschreibt. Auch Jürgen Escher steht der Schmerz dieser Erfahrung noch ins Gesicht geschrieben, als er die vor kurzem entstandenen Fotos aus dem krisengeschüttelten westafrikanischen Staat betrachtet.

Escher hat Strahl und die Cap Anamur-Vorsitzende Edith Fischnaller in das an Bodenschätzen reiche Land begleitet. Sierra Leone ist seit langem ein Krisenherd, die Begehrlichkeiten der Nachbarn hatten die so genannten "Blut-Diamanten" geweckt.

Der Herforder Fotograf Jürgen Escher ist seit 26 Jahren Chronist der Hilfsorganisation. Was ihm vor die Linse kommt sind Armut, Not und das Bemühen um Aufbauhilfe - selten sind es Momente des Glücks. "Es ist ein mühsamer Aufbauprozess. Sierra Leone zählt nach dem letzten elf Jahre andauernden blutigen Bürgerkrieg trotz seines Diamantenreichtums zu den zehn am wenigsten entwickelten Ländern der Welt", beschreibt er die Situation.

Seit kurzer Zeit engagiert sich China an der westafrikanischen Atlantikküste - baut Straßen. Nicht ohne wirtschaftliche Hintergedanken, wie Escher vermutet. Cap Anamur ist seit zwei Jahren die einzige westliche Organisation, die medizinische Hilfe für Kinder leistet. Sie betreibt und saniert die von Slums umzingelte Ola-During-Kinderklinik in Freetown.

"Man kann es sich nicht vorstellen, wie die Kinder aus diesen Elendsvierteln leben müssen: Müll, Brackwasser, wilde Schweine, keine Schulen, kaum Nahrung." Escher hat es hautnah erlebt: "Wer nicht stark genug ist und das nötige Quentchen Glück hat, überlebt nicht."

Die 200 Betten umfassende Kinderklinik ist ein Lichtblick im ansonsten trüben tropischen Alltag. Mit der Hilfe des landeskundigen Logistikers Hassan und zweier deutscher Krankenschwestern haben die pädiatrischen Assistenzärzte Philin Wedde und Rafael Reichelt die Arbeit auf feste Füße gestellt. So soll es bald eine Intensivstation geben.

Bitter nötig, denn immer wieder brechen Mütter und Väter in bittere Tränen aus, wenn den Ärzten trotz aller Bemühungen die Kinder unter den Händen weggleiten. Jedes vierte Kind stirbt auf der Station.

Zu den häufigsten Todesursachen gehören Malaria, Pneunomie, Exsikkose und Sepsis. Um diesem Sterben etwas entgegenzusetzen, wird erst einmal die große Neu- und Frühgeborenenabteilung umgebaut. Zusätzlich unterstützt Cap Anamur ein Ernährungs-Hilfeprogramm für die oftmals gerade erst dem Kindesalter entwachsenen Mütter.

Bei allem Elend gibt es doch auch Lichtbli, sagt Strahl. Wenn man auch das ganze System nicht ändern könne, so könne man doch sehr vielen Kindern und Familien eine Zukunft bieten.

Wie langlebig die Hilfe Cap Anamurs ist, bezeugen Projekte auf dem Land. Dort funktionieren die Brunnen, Schulen und Gesundheitsstationen nach zehn Jahren immer noch. So weit soll die Kinderklinik in Freetown auch kommen: "Wir wollen das Haus bald in die Hände unserer Mithelfer übergeben", sagt Kinderarzt Strahl. Doch dazu bedarf es finanzieller Unterstützung.

Angesichts der gewaltigen Hungerkatastrophe in Ostafrika tröpfeln die Spenden derzeit nicht einmal für Sierra Leone.