Turbulente Quarantäne-Tage in Sierra Leone

Artikelinfo
Datum: 
30.09.2014
Autor: 
Anne Spielmeyer
Quelle: 
Osnabrücker Zeitung

Hilter. Ole Hengelbrock (26) aus Borgloh arbeitet seit gut einem Jahr für die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ in Sierra Leone – als Sozialarbeiter, Mediator, Organisator. Im Moment dreht sich sein Alltag vor allem um das gefährliche Virus Ebola. Auf noz.de gibt er Lebenszeichen aus Freetown.

Einsatz bei der Ausgangssperre in Sierra Leone: Ole Hengelbrock aus Borgloh ist als Sozialarbeiter von Cap Anamur vor Ort. Die Mitarbeiter kennen die Schlafplätze der Straßenkinder und haben dort Essen verteilt. Foto: Cap Anamur

Einsatz bei der Ausgangssperre in Sierra Leone: Ole Hengelbrock aus Borgloh ist als Sozialarbeiter von Cap Anamur vor Ort. Die Mitarbeiter kennen die Schlafplätze der Straßenkinder und haben dort Essen verteilt. Foto: Cap Anamur

 

Sierra Leone hat zu drastischen Maßnahmen im Kampf gegen Ebola gegriffen. Es wurde eine dreitägige Ausgangssperre verhängt, von der rund zwei Millionen Einwohner betroffen waren. Wie hast du die Quarantäne erlebt?

Zuerst hieß es, das Auffinden von Ebola-Infizierten sei die Zielsetzung. Zum Glück musste die Regierung nach harscher Kritik umschwenken und hat die Aktion zu einer „Aufklärungskampagne“ umfunktioniert. Eine radikale Suchaktion würde hier vor Ort große Probleme mit sich bringen. Es gibt kein Fachpersonal, das von Haus zu Haus gehen und einschätzen kann, wer ein Ebola-Verdachtsfall ist und wer nicht. Die Frage, wohin man Verdachtsfälle bringen kann, ist auch nicht geklärt. Der logistische Aufwand ist enorm. Bereits vor der Ausgangssperre konnten Verdachtsfälle nicht abgeholt werden. Menschen mussten mehrere Tage in ihren Häusern warten, bevor eine Ambulanz kam, um sie abzuholen. Gleiches gilt für Verstorbene. Tote Menschen liegen bis zu 24 Stunden auf der Straße. Die wenigen Ambulanzen in Freetown sind vollkommen ausgelastet, die vorhandenen Isolierstationen im Land sind voll. Neu- oder Umbauten sind noch nicht fertiggestellt. Die Regierung hat zwar auf die Schnelle eine alte Polizei-Krankenstation hergerichtet, aber dieser Aktionismus hält keinen präventiven Standards stand. Cap Anamur konstruiert momentan eine Isolationsstation im Ola During Children Hospital , dem einzigen Kinderkrankenhaus im Land. Wir arbeiten fast 24 Stunden, aber es bedarf noch Zeit und vor allem Weiterbildung des Personals um alle Sicherheitslücken zu hinterfragen.

Ein weiteres Problem bei solch einer Suchaktion, aber auch im Alltag in Sierra Leone ist die soziale Spannung. Viele Menschen können eine mehrtägige Ausgangssperre kaum stemmen, da sie von Tag zu Tag ihren Lebensunterhalt sichern müssen. Wie sollen sie sich mit Lebensmittel eindecken? Nicht gerade wenige Menschen haben keinen festen Platz zum Schlafen und leben gar auf den Straßen. Wer Hunger hat, muss raus und Essen suchen. Dort warten Polizei und Militär, die ohne Vorwarnung zuschlagen.

Freetown hat seine Brennpunkte, wie zum Beispiel die Susan Bay. Ein Welchblechhütten-Labyrinth. Hier hat Cap Anamur ein Projekt für Straßenkinder. Ich kenne die Gegend und die Menschen nun seit eineinhalb Jahren. Die Beziehung zu den lokalen Autoritäten ist gehemmt durch Repression und Willkür. Man stelle sich vor, ein Ebola-Verdachtsfall wird aufgespürt, doch die Familie und Freunde weigern sich, ihn zu übergeben. Geht man in dieser Umgebung gewaltvoll vor, schlägt mit Sicherheit Gewalt zurück. Was das für Auswirkungen haben kann, musste ich leider schon zweimal beobachten. Da gibt es keine Grenzen.

Wie gesagt, zum Glück hat die Regierung doch noch auf die Kritik reagiert und von der eigentliche Suchaktion abgelassen. Die drei Tage sind recht ruhig geblieben. Es gab kaum gewaltvolle Konfrontationen. Diese wurden vor allem in den Brennpunkten befürchtet, in denen viele bedürftige Menschen leben. Cap Anamur hatte daran einen großen Anteil. Die Mitarbeiter vom Straßenkinderprojekt Pikin Paddy haben eine mobile Küche eingerichtet und Straßenkinder sowie ältere, bedürftige Menschen mit Essen versorgt. Die üblichen Schlafplätze der Kids sind uns bekannt. Dort haben wir sie aufgesucht. So konnten sie an ihrem Platz bleiben und mussten keinen Polizisten oder Soldaten auf der Suche nach Essen in die Arme laufen. Die offizielle Genehmigung der Regierung hatten wir. Auch die lokalen Autoritäten waren über unsere Aktion informiert. Allerdings gab es auch die befürchteten unerfreulichen Zwischenfälle. Während der Essenausgabe in einer Markthalle, in der bis zu 40 Kinder und Jugendliche schliefen, überrannten auf einmal Polizisten die Gruppe. Der Aufruhr war groß und es prasselte Schläge und Fußtritte. Eine größere Ausschreitung konnte verhindert werden. Die meisten der Kinder waren aber verschwunden. Der Sozialarbeit wird oftmals die Greifbarkeit abgesprochen. An diesem Wochenende haben wir sichtbare Nothilfe geleistet. Akut – wie an jedem normalen Tag auch.