SIERRA LEONE | Reise durch die Nacht

Artikelinfo
Datum: 
18.08.2016
Autor: 
Dennis Wellmann

Am Tag herrscht hier in Freetown eine Geräuschs- und Verkehrskulisse, die vermutlich den Stresspegel eines jeden Westeuropäers in die Höhe schnellen lässt. Doch wenn die Nacht über die Armenviertel von Sierra Leones Hauptstadt hereinbricht, herrschen Stille und Leere. Nur an vereinzelten Punkten im Zentrum der Stadt werden Partys gefeiert. Es ist Mitternacht und wir sitzen gemeinsam mit den Sozialarbeitern im Büro des Pikin Paddy und überlegen uns eine Route, auf der wir am besten Straßenkinder ausfindig machen können.

Als das Projekt im Jahr 2012 gestartet wurde, gehörte das sogenannte Night Tracking zu einer bewährten und regelmäßig durchgeführten Methode. Doch während der Ebola-Epidemie mussten wir es aus Sicherheitsgründen einstellen. Nach dem offiziellen Ende der Epidemie, haben wir wieder mit den nächtlichen Rundgängen begonnen. In dieser Nacht fahren wir in den Osten der Stadt, wo erfahrungsgemäß zahlreiche obdachlose Kinder unterwegs sind. Dort, wo die Rebellen während des Bürgerkrieges am heftigsten gewütet haben.

Auf dem Weg in die Slums

Wir fahren an brennenden Müllhalden vorbei, vereinzelt sehen wir erwachsene Bettler an den Straßenrändern liegen. Die Militärpolizei hat an einigen Punkten Straßensperren errichtet. Als diese unser Kennzeichen und das Cap-Anamur-Logo erblicken, winken sie uns sofort durch. Einige schreien uns noch „Pikin Paddy“ hinterher. Sie kennen uns bereits.

Rasch werden wir fündig: Ein etwa zehnjähriger Junge hat sich hinter einem Verschlag versteckt und wurde durch unsere Taschenlampen aufgeschreckt. Behutsam versuchen wir, mit ihm zu sprechen, ein wenig Vertrauen aufzubauen und herauszufinden, warum er hier draußen übernachtet und ob er bereit ist, das Leben auf der Straße hinter sich zu lassen, zu seiner Familie zurückzukehren und wieder die Schule zu besuchen. Als er sich einverstanden zeigt, erzählen wir ihm von unserem Projekt und laden ihn ein. Es kommt durchaus vor, dass Kinder es vorziehen, auf der Straße zu leben. Doch dieser Junge möchte uns begleiten.

Jetzt beginnt die Arbeit

Unser nächstes Ziel ist ein großer Lastwagenparkplatz. Er ist ein bekannter Ort für Mädchenprostitution. Wir treffen auf ein junges Mädchen, etwa 13 Jahre alt. Sie ist von zu Hause weggelaufen, da sie von ihrer Tante zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen wurde. Die Eltern des Mädchens leben weit entfernt im Osten des Landes. Dennoch: Am Ende lehnt es das Mädchen ab, mit uns zu gehen, da es auf das hier zu verdienende Geld nicht verzichten will. Diese bittere Erfahrung machen wir immer wieder mit jungen Mädchen. Jungs sind eher bereit, sich uns anzuschließen. In dieser Nacht finden wir elf Jungen, zwischen 8 und 15 Jahren, die bereit sind, ihr Leben zu ändern und zu ihren Familien zurückzukehren.

Als wir am Pikin Paddy ankommen, beginnt die Dunkelheit dem Tageslicht zu weichen. Die Ratten fliehen vor dem Treiben der Marktverkäufer und die Stille verliert sich im Lärm. Ich blicke in müde aber neugierige und auch hoffnungsfrohe Gesichter. Jetzt geht unsere Arbeit erst richtig los.

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