"Die Kinder liegen einfach da" - Eine Münchener Ärztin berichtet aus einem Krankenhaus in Mogadischu

Artikelinfo
Datum: 
17.08.2011
Autor: 
Matthias Maus
Quelle: 
Abendzeitung

MÜNCHEN Montag ist sie aus Mogadischu zurückgekommen, Freitag ist sie in den USA – ihr neues Fachbuch vorstellen. Zwischendurch ist die Hautärztin Dr. Luitgard Wiest daheim in München. Unerschrocken wie seit Jahrzehnten war sie für die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ unterwegs – an den Brennpunkten der Katastrophe. Die AZ sprachmit ihr über eine abenteuerliche Reise und die Schrecken in Somalia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AZ: Nicht viele Ausländer fahren derzeit nach Mogadischu, wie sind Sie hingekommen?

LUITGARD WIEST: Ich habe einen Hilfstransport begleitet. Mit einer Propeller-Maschinen ging’s von Nairobi nach Norden. Dann hatte die Maschine einen Schaden. Wir mussten in der Wüste landen, in einer Karawanserei übernachten. Am nächsten Morgen ging’s weiter.

Was haben Sie nach Mogadischu gebracht?

An Bord waren fünf Tonnen Medikamente, Babynahrung, Infusionen, was man so braucht. Eine andere Maschine hat noch mal fünf Tonnen gebracht.

Hatten Sie Schwierigkeiten mit der Bürokratie?

Nein, die Behörden in Kenia und der Gesundheitsminister der somalischen Übergangsregierung waren hilfreich. Binnen Stunden hatten wir die Sachen durch den Zoll.

Was sahen Sie in Mogadischu?

Das ist eine zerschossene, eine geschundene Stadt. Alles ist kaputt, da ist nichts.

Wohin haben Sie die Hilfsgüter gebracht?

Ins Krankenhaus Benadir, das größte im Land. Das war von Cap Anamur schon organisiert. Dort gibt es 200 Betten in der Kinderstation, aber es fehlt an allem.

Wieviele Kinder haben Sie gesehen?

100 bis 200 Kinder Kinder am Tag kommen da an. Die meisten sind dehydriert, unterernährt und krank.

Was sind die häufigsten Krankheiten?

Ganz klar Durchfall, aber auch Masern, den Staat gibt es seit 20 Jahren nicht mehr mehr, also auch keine staatlichen Impfprogramme. Die Kinder haben nicht einen, sie haben mehrere Würmer. Die Kinder liegen einfach da.

Wieviele Menschen arbeiten im Krankenhaus?

Laut Personallisten sechs Ärzte und 81 Schwestern.

Wer bezahlt die?

Die meisten praktizieren nebenbei und rechnen privat ab.

Die kümmern sich nur um Kinder?

Nein, ich habe eine Mutter gesehen, die hat dort ihr fünftes Kind zur Welt gebracht hat. Im Krankenhaus war sie, weil sie kurz zuvor angeschossen wurde. Die Kugel steckt im Lendenwirbel. Jetzt ist sie querschnittsgelähmt. Was macht die Frau mit fünf Kindern? Es ist schrecklich!

Was konnten Sie tun?

Wir konnten die Aufnahme der Kinder beschleunigen, bei den Krankheiten auf der Kinderstation geht es um Stunden. Wir müssen dringend etwas mit dem OP-Saal unternehmen, die Zustände kann ich gar nicht beschreiben.

Wie ist es mit der Sicherheit?

Wir konnten uns nur im Konvoi bewegen, bewacht von bewaffneten Männern. Seit dem Abzug der Al Schabaab-Milizen ist es ruhiger geworden. Es gibt nur noch vereinzelt Schießereien.

 

Interview: Matthias Maus

 

AZ-Interview mit Luitgard Wiest

Die Münchner Hautärztin ist eine der Pionierinnen der plastischen Chirurgie – und sie geht seit Jahren dahin, wo es am schlimmsten ist. Tschetschenien, Afghanistan, und seit 1980 immer wieder Somalia. „Das ist mein Spagat“, sagt sie.