Fleisch für Mogadischu

Artikelinfo
Datum: 
01.12.2011
Autor: 
Andrea Böhm
Quelle: 
DIE ZEIT

Eine Jahrhundertdürre und der Bürgerkrieg haben die somalische Hauptstadt zu einem riesigen Flüchtlingslager gemacht. Arabische Staaten und muslimische Organisationen wollen sich in Mogadischu jetzt als Helfer profilieren VON ANDREA BÖHM

MOGADISCHU Plötzlich stehen da Kühe. Unendlich viele, arglos glotzende Kühe. Es muss eine optische Täuschung sein, hier kann es keine Herden geben, nicht in Somalia, dem Schauplatz einer Jahrhundertdürre, nicht in Mogadischu, wo sich Ruine an Ruine reiht, wo Flüchtlinge ihre Hütten zwischen Mauerreste gequetscht haben, Behausungen aus Ästen, Decken, Pappe, Planen. Aber dann, am Eingang einer zerschossenen Fabrik, ist die Herde nicht mehr zu übersehen und zu überhören: Hunderte, vielleicht über tausend Tiere, muhend und kauend, bewacht von Männern mit Gewehren.

Die Kühe sind Stadtgespräch. Die Kühe und die Türken. Die Türken, so erzählt man sich, seien gekommen, um zu helfen, sie hätten die Tiere für die Ärmsten der Armen gekauft. In wenigen Tagen beginnt das islamische Opferfest. Die Kühe sollen geschlachtet, ihr Fleisch in Drei-Kilo-Portionen an die Flüchtlinge ausgegeben werden. Ein Akt der Nächstenliebe, eine gute Tat. Oder eine gut gemeinte Tat. Es gibt Hunderte Flüchtlingscamps in der Stadt, bei der Verteilung von Nahrungsmitteln kommt es immer wieder zu Panik und Gewalt. Fleisch an Tausende von Vertriebenen zu verschenken – das kann nicht gut gehen. »Es wird funktionieren«, sagt Mahdi, der Übersetzer. »Du wirst schon sehen.«

Mogadischu Anfang November 2011 sieht aus wie Hamburg 1945. In mehr als zwanzig Jahren Krieg haben Milizen, radikale Islamisten und ausländische Friedenstruppen die Stadt in Trümmer geschossen. Die einzige trümmerfreie Fläche in der Stadt ist der Strand. Vom Hafen aus kann man auf den Lido Beach und den Indischen Ozean schauen. Für ein paar Minuten nur, denn Ausländer sollten nirgendwo allzu lange herumstehen.

Mogadischu ist die Hauptstadt eines kollabierten Staates, dessen Territorium gleich von mehreren Katastrophen heimgesucht wird: Die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten am Horn von Afrika hat zu einer Hungersnot geführt. Sie fällt in Somalia besonders verheerend aus, weil eine radikalislamistische Miliz im Süden weite Teile des Landes kontrolliert.

Für eine grobe Einführung in die somalischen Verhältnisse reicht es zunächst, sich Afghanistan vorzustellen und die Namen der Akteure auszutauschen: Die Taliban heißen hier al-Shabaab, eine Miliz aus Dschihadisten, Al-Qaida-Sympathisanten, fanatisierten Flüchtlingen und opportunistischen Clans. Die Gegner von al-Shabaab sind keine amerikanischen oder deutschen Nato-Truppen, sondern ugandische und burundische Soldaten der Afrikanischen Union (AU), deren Einsatz die EU und die USA finanzieren. Anstelle einer korrupten, vom Westen gestützten, gewählten Regierung gibt es in Somalia eine korrupte, vom Westen gestützte Übergangsregierung, das Transitional Federal Government (TFG).

Aber ausgerechnet jetzt erlebt Mogadischu eine Atempause. Eine trotzige Aufbruchstimmung macht sich breit, seit al-Shabaab vor einigen Monaten aus der Hauptstadt vertrieben wurde – oder, wie die Islamisten sagen, sich »aus taktischen Gründen« zurückgezogen hat. Ladenbesitzer fegen die Trümmer zusammen und inspizieren die Granateneinschläge in den Mauern ihrer Geschäfte. Bewohner wagen sich zurück in ehemals von der al-Shabaab kontrollierte Gebiete. Auf dem Fischmarkt haben junge Burschen den Fang des Tages in die stinkende Halle gewuchtet, Thunfische, Schwertfische, Hammerhaie, es wird gehandelt und gefeilscht. Die Immobilienpreise sind in die Höhe geschnellt. Kriegsgewinnler bieten schnell renovierte Häuser zu horrenden Mieten an in Erwartung von reichen Heimkehrern aus der Diaspora und internationalen Hilfsorganisationen. Mietinteressenten aus dem Westen gibt es allerdings kaum. Nur die französischen Ärzte ohne Grenzen und die deutsche Hilfsorganisation Cap Anamur wagen es derzeit, ausländische Mitarbeiter in Mogadischu zu stationieren. Nein, die Somalier warten auf NGOs aus Saudi-Arabien, Iran, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei. Somalias Geschichte ist reich an Katastrophen aller Art, aber dies ist die erste, bei der sich muslimische Nationen als Helfer profilieren wollen.

In diesen Wochen also kann man sich erstaunlich gut in der Stadt bewegen, auch wenn das Transportmittel gewöhnungsbedürftig ist: ein Pick-up-Truck mit verdunkelten Fensterscheiben, sechs Männern samt Kalaschnikows auf der Ladefläche und Mahdi, dem Übersetzer. Die sechs Männer sorgen gegen gutes Geld dafür, dass andere Fahrzeuge gebührend Abstand halten. Mahdi sorgt dafür, dass man bei den Erkundungsfahrten nicht übermütig wird. Er weiß, in welche Viertel man fahren kann, welcher Clan in welcher Gegend Ärger macht, wo man aussteigen darf und wo nicht. Wenn jemand schießt – und hier schießt immer wieder jemand aus Langeweile, Frust, Versehen oder zur Einschüchterung –, dann zuckt Mahdi nicht mit der Wimper. Dieser Stoizismus eint die Bewohner der Stadt. Mahdi, der nie ein Gewehr, sondern immer ein Handy in der Hand hat, spricht Somali, Englisch und Deutsch. Er hat in Ilmenau, Thüringen, biomedizinische Kybernetik studiert – in den achtziger Jahren, als es die DDR noch gab und die Tarabuunke Straße Via Lenin hieß. Aus somalischer Sicht waren das die guten alten Zeiten.

Auf der Flucht machten sie nur Halt, wenn ein Kind zu begraben war

Kann man die Flüchtlingslager besuchen? »Kein Problem«, sagt Mahdi, »aber erst nach dem Morgengebet. « Der Teppich wird ausgerollt, Mahdi und die Bewacher knien nieder, die Kalaschnikows zu ihren Füßen. Wahrscheinlich gibt es in keiner anderen Stadt der Welt eine so hohe Dichte so frommer Schusswaffenbesitzer.

Dann rattert der Pick-up-Truck über die einstige Via Lenin, früher die Paradestraße für die Militäraufmärsche des Diktators Siad Barre. Heute hängen die Dachträger der Zuschauertribünen wie abgebrochene Äste über den durchsiebten Ehrenlogen. Direkt gegenüber dehnt sich ein Flüchtlingscamp über eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld aus. Die Hütten liegen kaum eine Handbreit auseinander, auf den Wegen stolpert man über Feuerstellen, verrußte Kochtöpfe und Holzschemel. Wer kann, kriecht jetzt aus dem dürftigen Schatten aufgespannter Plastikplanen hervor, drei alte Frauen kauern in der sengenden Sonne, kranke Kinder werden herbeigeschleppt. Jeder will erzählen. Nicht laut, nicht klagend, sondern mit leisen Stimmen und in knappen Worten breiten sie ihre Schicksale aus: Wie ihre letzten Ziegen, Schafe oder Kühe in der Dürre verendeten, wie sie mit ihren Familien auf der Flucht aus Gedo, aus Bakool oder Lower Shabelle tagelang, wochenlang marschierten und nur Halt machten, wenn wieder ein Kind zu begraben war.

Es gibt Hilfe in den Camps, aber sie kommt weder regelmäßig, noch ist sie koordiniert. Somalische NGOs impfen im Auftrag von UN, EU, Rotes Kreuz und Roter Halbmond hier und da Kinder, richten Suppenküchen ein. Doch Tausende Familien hausen ohne Latrinen, viele hungern. Überfluss gibt es nur an Gerüchten: Saudi-Arabien habe neunzig Millionen Dollar versprochen, aus dem Iran sei ein Hilfsschiff im Hafen eingelaufen, aus dem Sudan seien Notrationen unterwegs. Unter den Kindern grassieren Malaria und Durchfall, und im Banadir-Hospital, fünf Autominuten entfernt, ist nur Platz für die schlimmsten Fälle.

Das Krankenhaus ist eines der wenigen Gebäude in Mogadischu, das an bessere Zeiten erinnert. In den siebziger Jahren wurde es von den Chinesen erbaut, 600 Betten, Wasser, Strom, stabile Außenmauern. Im Dienstzimmer der Kinderstation türmen sich Medikamentenkisten, Krankenschwestern schneiden weißen Stoff von einer Rolle, sie brauchen ein Leichentuch für ein zweijähriges Kind. Die Stationsärztin hat den Stoff gespendet, manchmal geben sie und ihr Mann auch das Geld für das Begräbnis, »so was kann bis zu 50 Dollar kosten«, sagt Mahdi. Die Ärztin ist seine Frau.

Doktor Lul Mohamed Mohamud, klein und rundlich, zupft auch bei 32 Grad nicht ein einziges Mal an ihrem Hijab, dem knöchellangen Umhang, der nur Gesicht und Hände freilässt. Sie ist 49 Jahre alt und hat schon im Banadir-Hospital gearbeitet, als Somalia noch als solider Staat mit einer soliden Diktatur galt. Ihre Kinderstation ist die einzige funktionierende in einer Stadt mit geschätzt 1,3 Millionen Einwohnern und mindestens 200 000 Flüchtlingen. Mithilfe von Cap Anamur hat sie eine Intensivstation aufgebaut. Es gibt jetzt Sauerstoffapparate und Messgeräte zur Blutanalyse. Es fehlen immer noch funktionierende Toiletten, eigentlich, sagt Doktor Lul, bräuchte sie Platz, um die Tuberkulose-Kranken zu isolieren. In der Abteilung für Unterernährung liegen Mütter mit ihren Kindern auf Matratzen am Boden.

Man bleibt bei der Visite am besten nah bei Doktor Lul, hält sich fest an ihrer routinierten Geschäftigkeit, sonst verliert man schnell die Fassung beim Anblick von Einjährigen mit ausgemergelten Greisengesichtern. Doktor Lul weiß, wie der Hunger den Körper angreift, wie er ihn zwingt, sich selbst zu verzehren, erst das Fett, dann die Muskeln, wie das Wasser im Körper nicht mehr verteilt wird, sich im Bauch, im Gesicht, in den Füßen ablagert, wie sich die Haare entfärben, die Leber vergrößert, bis schließlich das Immunsystem zusammenbricht.

»Der macht sich aber gut«, sagt Lul und stoppt am Bett eines Jungen mit dem Körper eines Vogelskeletts. Der Kleine will erkennen, was um ihn herum vorgeht, doch die Pupillen rutschen ihm unter die halb geöffneten Lider. Doktor Lul hat ihn mit Bluttransfusionen und Spezialmilch hochgepäppelt, vielleicht kann er schaffen, was so viele Kinder in Somalia nicht schaffen: das fünfte Lebensjahr zu erreichen.

Es ist nicht die erste Hungersnot, die Doktor Lul als Ärztin miterlebt, »aber die schlimmste, weil so wenige große Hilfsorganisationen vor Ort sind. Anfang der neunziger Jahre gab es anständige Zelte für die Flüchtlinge und viel mehr Helfer.« Damals war die Stadt noch nicht völlig zerstört, Kamerateams aus dem Ausland fuhren durch die Straßen und berichteten über die Misere. Aber dann, sagt Doktor Lul, sei eben die Sache mit den Amerikanern passiert, »die ab geschossenen Helikopter«.

Black Hawk Down. Ein Hollywood-Blockbuster über den Heroismus amerikanischer Soldaten beim Häuserkampf in Mogadischu. Das ist die westliche Erinnerung an jene Episode, als Somalia zum Schauplatz der ersten humanitären Militärintervention wurde. Jedenfalls der ersten, die live auf CNN lief. Vom Hafen aus kann man das Strandstück sehen, an dem am 9. Dezember 1992 44 schwer bewaffnete US-Elitesoldaten landeten, empfangen von Fernsehteams, die dort schon seit Tagen warteten.

Operation Restore Hope hieß das Unternehmen. Amerika hatte sich, was heute unvorstellbar wäre, an die Spitze einer UN-Mission gesetzt, um eine Hungerkatastrophe in Afrika zu stoppen, deren Bilder das westliche Fernsehpublikum entsetzten. Die Mauer war gefallen, die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, das Schlagwort von der »neuen Weltordnung« machte die Runde. Präsident George Bush senior suchte nach neuen »weichen« Missionen für das amerikanische Militär, UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali nach »robusten« Blauhelm-Missionen, bei denen UN-Soldaten Frieden notfalls mit Waffengewalt erzwingen sollten. Somalia schien als erster Einsatz strategisch perfekt geeignet und moralisch geboten: Eine Diktatur, plötzlich abgehängt vom Tropf Washingtons oder Moskaus, war kollabiert und in einen Bürgerkrieg mit Hungersnot abgerutscht. Milizen befrieden, Waffen einsammeln, Hilfslieferungen sichern, Menschen retten. Nichts einfacher als das. Operation Restore Hope mündete – nach anfänglichen Erfolgen – in ein Desaster. Die humanitäre Mission artete in eine Jagd auf somalische Milizenführer aus, die Helfer in Uniform verwandelten sich in eine Okkupationsmacht. Operation Restore Hope endete im Oktober 1993 in der Schlacht von Mogadischu mit dem Abschuss zweier Black-Hawk-Helikopter, dem Tod von 18 amerikanischen Soldaten und Hunderter Somalier, darunter vielen Zivilisten. Die USA zogen ihre Soldaten bald darauf ab, die anderen Nationen folgten. Somalia blieb sich selbst überlassen und den Milizen.

»Da«, sagt Mahdi und deutet auf ein rundes Loch von gut einem Meter Durchmesser, »da schlug die Rakete ein.« Wir stehen im verwilderten Garten eines zweistöckigen Gebäudes. Die Außenmauern sind weggebombt, das Betondach mit dem Loch neigt sich wie aufgeweichte Pappe Richtung Boden. Einige Wochen vor der Schlacht um Mogadischu hatten US-Einheiten hier nach eigenen Angaben einen »sauberen chirurgischen Schlag« gegen feindliche somalische Milizen durchgeführt. In Wahrheit lagen unter den Trümmern die Leichen mehrerer Dutzend Clanältester begraben, die sich zu Beratungen über einen allumfassenden Waffenstillstand eingefunden hatten. Ein Angriff, der in Black Hawk Down nicht vorkommt. Aber für die Somalier war es ein Fanal, das verfeindete Clans einte im Kampf gegen die ausländischen Truppen. Nach Mahdis Ansicht fehlt noch etwas in der westlichen Erinnerung der Ereignisse. »Wusstest du«, sagt er und senkt die Stimme, als würde er eine schier unerträgliche Anschuldigung erheben, »wusstest du, dass sich einige der Amerikaner während der Schlacht um Mogadischu in die Hose gemacht haben?«

Die USA sind längst wieder in Somalia präsent: Am Flughafen von Mogadischu betreibt die CIA ein Ausbildungslager für somalische Agenten. Und im Regierungsviertel, wo sich die Zentrale der National Security Agency befindet, des somalischen Geheimdienstes.

Das Wort Regierung klingt ein wenig hochtrabend, denn Somalia, das zu regierende Land, bleibt eine Illusion. Da ist im Nordwesten das de facto unabhängige, aber von niemandem anerkannte Somaliland, vormals britische Kolonie, das vom Bürgerkrieg verschont geblieben ist und eine halbwegs funktionierende staatliche Verwaltung aufgebaut hat. Da ist die halbautonome Region Puntland, Hochburg jener Clans, die das Geschäft mit der Piraterie kontrollieren. Und da ist »Restsomalia « mit der Hauptstadt Mogadischu, wo sich radikale Islamisten und die westlich unterstützte Übergangsregierung bekämpfen.

Gemessen an der Häufigkeit, mit der somalische Minister Attentätern zum Opfer fallen, müsste das Regierungsviertel aussehen wie eine Festung. Doch der Schlagbaum am Eingang wird ohne weitere Kontrolle unseres Autos geöffnet. Eine zaghafte Durchsuchung am Eingang zum Hauptquartier des Geheimdienstes, und wenige Minuten später sitzt man im eisig klimatisierten Empfangszimmer auf einer monumentalen Ledercouch Ahmed Hassan Fiqi gegenüber. Mit seiner Baseballmütze und dem etwas zu groß geratenen Jackett mangelt es dem Mann an der Aura bedrohlicher Allmacht, die Geheimdienstler in diesen Breitengraden gewöhnlich ausstrahlen wollen. Fiqi wirkt eher wie ein Besucher als wie der Chef einer Behörde, in deren Keller sich ein inoffizielles Gefängnis befindet.

»Die Sicherheitslage hat sich enorm verbessert «, sagt der Geheimdienstchef von Restsomalia. »Vor ein paar Monaten wurde 200 Meter von hier noch täglich geschossen.« Und die Anschläge? »Nun ja, die kommen vor«, räumt er ein.

Zum Beispiel am 4. Oktober, als ein Attentäter von al-Shabaab einen Lkw vor dem Erziehungsministerium in die Luft jagte und über achtzig Zivilisten tötete. Seither gab es immer wieder Anschläge mit Autobomben, Handgranaten oder durch Al-Shabaab-Mitglieder, die sich in der Uniform von Regierungssoldaten vor den Stützpunkten der AU-Soldaten in die Luft sprengten.

Aber wahrscheinlich hat Fiqi recht: Nach Jahren des Krieges ist eine brüchige, hin und wieder von Explosionen zerrissene Ruhe für die Menschen in Mogadischu ein Fortschritt.

Das Gefängnis im Keller gehört zu dem von der CIA finanzierten Antiterrorismus-Programm in Somalia, nach amerikanischen Presseberichten nehmen CIA-Beamte an den Verhören teil. Unter den Häftlingen befinden sich offenbar auch somalische Emigranten aus Nachbarländern, vor allem Kenia, die dort nach ihrer Festnahme verschwunden sind. Extraordinary rendition heißt das im Jargon des war on terror. Das bedeutet nichts anderes als behördliches Verschleppen von Verdächtigen. Was in Europa und den USA inzwischen als Skandal gilt, ist am Horn von Afrika gängige Praxis.

Seit Tayyip Erdogan Mogadischu besucht hat, ist er im Volk ein Held

»Natürlich sind die Amerikaner hier«, sagt Ahmed Fiqi. Die Fr anzosen auch, aber die seien damit beschäftigt, von Piraten oder Clanmilizen entführte Landsleute aufzuspüren. Und noch ein paar westliche Geheimdienste. »Bloß die Deutschen sehe ich hier nicht«, sagt er mit Bedauern.

Ein wenig zusätzliche Hilfe, sagt Ahmed Hassan Fiqi, könne man in Mogadischu schon gebrauchen. Zaghaft deutet er an, dass ihm nicht nur Attentäter von al-Shabaab zu schaffen machen, sondern auch humanitäre Helfer aus der arabischen Welt, deren Finanzquellen er offenbar misstraut – und deren knallharter Wettbewerb ihm Probleme bereitet. Im Kampf um Projekte in Krankenhäusern oder Flüchtlingslagern wird auch schon mal eine Entführungsdrohung gegen die Konkurrenz ausgesprochen. »Und dann«, sagt Fiqi, »sind da noch die türkischen Helfer.«Eifrig, durchaus effizient. Aber manchmal haarsträubend naiv. Seit der türkische Premierminister Tayyip Erdogan als einziger ausländischer Regierungschef Mogadischu zum Höhepunkt der Hungerkatastrophe besuchte, ist er bei den Bewohnern der Stadt ein Held. Immer mehr türkische Helfer kommen nach Mogadischu. »Manche«, sagt Fiqi und macht ein Gesicht, als habe er es mit Irren zu tun, »fahren hier mit dem Fahrrad herum.«

Kann man die Türken treffen? »Na klar«, sagt Mahdi. Am nächsten Morgen kommen sechs Männer auf das Gelände einer Hilfsorganisation. Verschwitzt, erschöpft, aber auch aufgekratzt stellen sie sich vor – auf Deutsch: »Hallo, Nihad Turan, Installateur, Berlin-Kreuzberg.« – »Tangir Yalcin, Frankfurt, Frührentner«. – »Enes, Bauarbeiter aus Braunschweig.« Dazu zwei Kollegen aus Frankreich und Schweden. Allesamt Migranten der ersten oder zweiten Generation, Familienväter mit Malocher- Händen. Sie sind zum ersten Mal in Afrika.

Ihr europaweiter Verein hat in den vergangenen Monaten mehrere Tonnen Hilfsgüter verschickt, sie selbst haben die Sammlung von einer halben Million Dollar für den Ankauf der 1450 Kühe in Mogadischu mitorganisiert. Bis in die Nacht haben sie gestern das Schlachten überwacht, gleich geht es weiter in die Flüchtlingslager, um Fleisch zu verteilen, »hygienisch ab gepackt in Plastiktüten«, sagt Turan, der Kreuzberger. Ihre Kollegen daheim – »auch die Deutschen« – hätten gespendet, ihre Kinder das Taschengeld geopfert. »Wer sich gesättigt zu Bett legt, während die Nachbarn hungern«, sprach der Prophet Mohammed, »der gehört nicht zu uns.«

Wie sie da so sitzen, übermüdet und doch atemlos, beschämen sie einen fast mit ihrem ungetrübten Drang, etwas zu tun gegen eine Welt, in der Dreijährige nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Also vergisst man einen Moment lang alle Einwände: dass Krisengebiete Laienhelfer nicht gebrauchen können. Dass lebende Kühe zum Wiederaufbau der Viehzucht nachhaltiger helfen würden als drei Kilo Fleischspende. Und dass durch den plötzlichen Zufluss von Euro und Dollarspenden aus muslimischen Ländern vor dem Feiertag jetzt der Wechselkurs für den somalischen Schilling verrücktspielt, was die Arbeit einheimischer NGOs erschwert. »Schreiben Sie bitte nichts Schlechtes über uns«, sagt Turan, »wir haben schon öfter negative Erfahrung mit der Presse gemacht.« Er meint das Kürzel ihres Vereins, das auf ihre Westen gedruckt ist: IGMG. Das steht für Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, die wegen islamistischer Tendenzen immer wieder ins Blickfeld deutscher Verfassungsschutzbehörden geraten ist. Nicht, dass dies in Mogadischu eine Rolle spielen würde. In den Augen von al-Shabaab handelt es sich bei Milli Görüs um Handlanger der Übergangsregierung – und damit um Feinde.

Als am folgenden Sonntag Eid al-Adha, das Opferfest, beginnt, scheint der Stadt die Munition ausgegangen. Kein Schuss stört den dissonanten Chor der Muezzine. Die Ausgabe von Fleisch in den Camps verläuft ruhig, die Flüchtlingsfrauen tragen die Plastiktüten vor sich her wie eine Auszeichnung.

Gegen Mittag wagen sich die ersten Einwohner an den Strand, seit Jahren hat sich kein Somalier mehr dorthin getraut. Sie laufen barfuß, ein paar beginnen, Fußball zu spielen. Eisverkäufer schleppen Kühlboxen durch den Sand. Frauen im Hijab gehen in gehörigem Abstand zu Männern spazieren. Manche bleiben stehen, kehren dem Skelett ihrer Stadt den Rücken zu und schauen gen Osten. Ein strahlend blauer Himmel und ein leuchtend blaues Meer. Das ist alles, was sie sehen.


Neuer Krieg

Immer noch sind 250 000 Menschen am Horn von Afrika von Hunger bedroht. Sie geraten zwischen die Fronten eines neuen Krieges: Nach Überfällen auf kenianische Touristenorte durch Somalier ist im Oktober Kenias Armee in Somalia einmarschiert, um al-Shabab, die somalischen Islamisten, zu bekämpfen. Zu Hilfe kommen nun äthiopische Einheiten. Hilfsorganisationen befürchten, dass der Krieg die Verteilung von Hilfsgütern und Saatgut behindert. Das heißt: Auch die nächste Ernte ist in Gefahr. Al-Shabab hat alle westlichen Hilfsorganisationen aus ihren Gebieten verbannt, Zehntausende Men schen sind auf der Flucht. Die EU-Kommission hat vor Wochen die Konfliktparteien zum Schutz der Zivilbevölkerung aufgefordert. Viel mehr gab es an offiziellen internationalen Reaktionen nicht zu vermelden. Der neue Krieg in Somalia spielt sich im toten Winkel der Weltöffentlichkeit ab. ANB


Hier finden Sie Teil 1 und Teil 2 des Artikel als PDF oder online unter:

http://www.zeit.de/2011/49/Mogadischu