"Heute ist der erste Tag, an dem kein Kind stirbt"

Artikelinfo
Datum: 
29.08.2011
Autor: 
Matthias Maus
Quelle: 
Abendzeitung

Cap Anamur baut eine Kinder-Intensivstation in Somalias Hauptstadt Mogadischu auf. Hier finden Sie den Original-Artikel als pdf.

Wir mussten bei Null anfangen“, sagt Volker Rath. Seit 14 Tagen ist er für das Notärzte-Komitee Cap Anamur in Mogadischu. Keine Medikamente, keine Sicherheit, höchstens fünf Stunden Strom – und täglich kommen bis zu 115 neue Kinder hinzu. Das ist die Lage im Benadir-Krankenhaus. Die AZ-Leser haben geholfen, sie zu verbessern.

„Masern, Cholera, Durchfälle“, Volker Rath zählt die Schreckensliste auf, die mindestens 30 000 Kindern seit Beginn der Katastrophe am Horn von Afrika das Leben gekostet hat. Die Krankheiten stehen auf den Blättern der Neuankömmlinge im Benadir: „Die meisten sind zu schwach, Nahrung bei sich zu behalten“, sagt Rath.

Vor zwei Wochen hat die Münchner Ärztin Luitgard Wiest für Cap Anamur einen Zehn-Tonnen-Transport von Nairobi in die größte Klinik der somalischen Hauptstadt begleitet. „Antibiotika, Babynahrung, Infusionen, alles, was man so braucht“, brachte Wiest ins Benadir.

600 Betten, Drahtgestelle eher, fand sie vor und „chaotische Zustände“. Zurück kam die Ärztin mit einer Liste und einem Entschluss: Cap Anamur wird eine Intensiv- und Überwachungsstation aufbauen in der Klinik. Sie wird Ärzte schicken. Auf der Liste stehen 15 Krankenhausbetten, ein gebrauchter Stromgenerator, ein Blutwerte-Messgerät, Sauerstoffkonzentratoren. Kostenpunkt: 19 582 Euro.

Das Geld wird aus Spenden der AZ-Leser aufgebracht. Sie kommen direkt den Kindern zugute. „Vier Ärzte sind jetzt da“, berichtet Volker Rath. „Vorhin sagte eine: Heute ist der erste Tag, an dem auf der Station kein Kind gestorben ist.“ Zusammen mit drei Kollegen kämpft die Medizinerin Jacqueline Hupfer um das Leben der Schwächsten: „Wir können nur die schwersten Fälle dabehalten“, sagt sie. „Die meisten Kinder haben mehrere Würmer. Durchfall ist da oft schon ein Todesurteil.“ Es gibt keine Therapiepläne, keine Impfpläne.

300 Kinder liegen auf der Station. Aber langsam, ganz langsam gibt es erste Erfolge. Der Generator, das Blutzucker- Messgerät, die Dinge, die von den AZ-Lesern finanziert werden, sie sind unterwegs: „Wir bekommen die Sachen aus Nairobi“, sagt Cap-Anamur-Logistiker Volker Rath. Gibt es keinen Ärger mit der Korruption, mit der Bürokratie? „Unsere letzten Hilfsgüter waren nach vier Stunden durch den Zoll. Die Not ist so groß, dass die Bürokraten schneller arbeiten“, sagt er und: „Unser Nachschub kommt gut durch.“

Rath und Jacqueline Hupfer arbeiten unter schwierigsten Bedingungen: „Es gibt jeden Tag Schüsse“, sagt er, „mal in der Nähe, mal weiter weg“. „Aber unser größter Trumpf ist, dass wir allen helfen.“ Wie lange will Cap Anamur unter diesen Umständen in Somalia blieben? „Das hängt von der Sicherheit ab“, sagt er – und vom Budget. „Mit Ihren Spenden können wir weitermachen.