Kämpfen und Helfen im Schatten des Weltgeschehens

Artikelinfo
Datum: 
09.12.2011
Autor: 
Johannes Dieterich
Quelle: 
Stuttgarter Zeitung

Mogadischu - Donnerstags, wenn die Sonne scheint, wird der Lido lebendig. Zum ersten Mal seit Jahren wagen sich Bewohner der verheertesten Stadt der Welt zum Auftakt des muslimischen Wochenendes wieder an Mogadischus blütenweißen Strand. Sie spielen Fußball, was unter der Herrschaft der Fundamentalisten streng verboten war, lassen etwas Haut sehen, was mit Peitschenschlägen geahndet worden wäre, und suchen das, was in dem Chaosstaat seit zwei Jahrzehnten praktisch ausgeschlossen war: Entspannung.

Dabei wird der eine oder andere auch für einen Augenblick vergessen, dass in seiner Heimat die gegenwärtig schlimmste Hungersnot der Erde herrscht - was ihn mit dem Rest der Welt verbindet, die der Katastrophe längst wieder den Rücken zugewandt hat. Bestätigt fühlen sich die Wegschauer von jüngsten Meldungen, die angesichts des einsetzenden Regens und der kontinuierlichen Hilfslieferungen eine deutliche Entspannung der Lage verkündetenen. Statt 750.000 Menschen sollen inzwischen "nur" noch 250.000 vom Hungertod bedroht sein, verkünden die UN.

Die Situation habe sich tatsächlich verbessert, bestätigt der Koordinator für humanitäre Angelegenheiten der somalischen Übergangsregierung, Abdullahi Shirwa. Die ersten der 200.000 aus dem ausgetrockneten Umland in die Hauptstadt Geflohenen würden schon wieder nach Hause zurückkehren. Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) verläuft die Verteilung der mit dem Schiff und auf dem Landweg nach Mogadischu verfrachteten Hilfsgütern in der Stadt weitgehend reibungslos - von gelegentlich vorkommenden Plünderungen seitens disziplinloser Soldaten einmal abgesehen.

Keine Entwarnung an der Ernährungsfront

Die Zahl unterernährter Kinder, die in die von Cap Anamur eingerichtete Krankenstation gebracht würden, halte sich inzwischen in Grenzen, sagt der Koordinator der Hilfsorganisation, Jürgen Maul: Auch die im August wütende Choleraepidemie sei wieder abgeebbt. "Was sich nicht beruhigt hat, ist die Sicherheitslage", fügt der Cap-Anamur-Mann hinzu: Alle paar Tage geht in Mogadischu eine von einem Selbstmordattentäter der fundamentalistischen Al-Schabab-Miliz gezündete Bombe hoch.

Trotzdem kann auch an der Ernährungsfront keine Entwarnung gegeben werden. Die Hungersnot werde in Somalia noch mindestens bis zum Frühjahr, möglicherweise sogar bis in den Sommer hinein anhalten, sagt die EU-Kommissarin für humanitäre Angelegenheiten, Kristalina Georgieva: An der hohen Sterberate vor allem unter Kindern werde sich auch in den kommenden Monaten kaum etwas ändern.

Seit April sind nach UN-Angaben bereits "Zigtausende von Menschen" gestorben. Genaue Zahlen gibt es - auch wegen der Unzugänglichkeit der von Al-Schabab kontrollierten Landesteile - nicht. Die Fundamentalisten hatten Hilfsorganisationen den Zugang zu ihren Territorien erleichtert. Allein das Internationale Komitee des Roten Kreuzes will dort mehr als eine Million Menschen versorgt haben.

Politische Lösung statt weiterer Invasion

Allerdings hat sich die Laune der Milizionäre inzwischen wieder verschlechtert. In der vergangenen Woche wurden die Repräsentanten von 16 UN-Organisationen und privaten Hilfswerken aus Al-Schabab-Gebiet verjagt, darunter Vertreter des UNHCR, der WHO und Unicef. Als Grund für den Stimmungsumschwung wird der militärische Druck gesehen, unter den die Fundamentalisten gekommen sind. Seit kenianische Truppen Ende Oktober zur Bekämpfung der Miliz auf somalisches Gebiet vorstießen, ist es eng um die bereits im August von den afrikanischen Soldaten der "Amisom"-Mission aus Mogadischu vertriebenen Gotteskämpfer geworden. Jüngst sollen auch äthiopische Truppen auf somalisches Gebiet vorgedrungen sein.

Ob dieser Feldzug erfolgreich sein wird, steht allerdings noch in den Sternen. Nicht nur, dass die kenianischen Truppen in den vom Regen aufgeweichten Wegen stecken blieben. Selbst wenn die Soldaten tatsächlich einmal militärische Erfolge erzielten, wäre damit längst nicht das Ende der Fundamentalisten besiegelt.

Schon einmal hielt die äthiopische Armee über ein Jahr lang halb Somalia besetzt - aus dieser Intervention ging Al-Schabab aber eher gestärkt hervor, denn wenn die Somalier etwas in die Arme der Fundamentalisten treibt, dann ist es die Einmischung ausländischer Militärs in die Belange ihres aufgewühlten Landes. "Was wir brauchen, ist eine politische Lösung", sagt Hilfskoordinator Shirwa, "und keine weitere Invasion."

Besuch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ist am Freitag zu einem Überraschungsbesuch in Somalia eingetroffen. Es ist Bans erste Reise in das krisengeschüttelte Bürgerkriegsland am Horn von Afrika. Er reiste aus Kenia in die somalische Hauptstadt Mogadischu.

Friedensmission Zuvor hatte Ban bei Treffen in Nairobi Pläne des Landes unterstützt, kenianische Truppen zur Verstärkung der Friedensmission der Afrikanischen Union in Somalia ("Amison") in das Nachbarland zu entsenden. Die "Amison" hat 9000 Soldaten in dem Krisenstaat stationiert, in dem es seit 20 Jahren keine funktionierende Zentralregierung gibt.


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