Schon leichtes Fieber ist tödlich

Artikelinfo
Datum: 
30.08.2011
Autor: 
Johannes Dieterich
Quelle: 
Berliner Zeitung

Im Banadir-Hospital in Mogadischu kämpfen Ärzte gegen die Folgen der Hungerkatastrophe. Für viele Patienten kommt Hilfe zu spät.

VON JOHANNES DIETERICH

MOGADISCHU. Morgen wäre es für Faduma vermutlich schon zu spät gewesen. Wie für die vier Kinder, denen gestern nicht mehr geholfen werden konnte. Tag für Tag werden drei oder vier, manchmal auch fünf oder sechs kleine Holzkisten aus dem Banadir-Hospital in der somalischen Hauptstadt Mogadischu getragen. „Die Kinder kommen viel zu spät zu uns“, klagt die Ärztin Lul Mohamud.

Faduma räumt sie noch eine Chance ein. Auch wenn das einjährige Mädchen nur noch vier Kilo wiegt, wie andernorts ein Neugeborenes, und am Kopf offene Schrunden hat – Zeichen akuter Mangelernährung, zu der in Fadumas Fall auch noch die Masern kamen. Meistens, sagt Doktor Mohamud, haben sie es gleich mit zwei oder drei Krankheiten gleichzeitig zu tun. „Dagegen sind wir dann machtlos.“

Durchfall und Cholera

Wenigstens hat Faduma keinen Durchfall. Der erweist sich derzeit in Somalia als der gnadenloseste Killer. In den  eisten Fällen handelt es sich vermutlich um Cholera, auch wenn Doktor Mohamud noch auf die Ergebnisse der ins Ausland gesandten Proben wartet. Allein am Vortag sind 115 Kinder mit dem Verdacht auf Cholera ins  Banadir-Hospital gebracht worden. Die weniger ernsten Fälle mussten wieder nach Hause geschickt werden, weil es kein freies Bett mehr gibt. Schon jetzt drängeln sich 290 ausgemergelte Körperchen in der Kinderstation, die eigentlich nur über 250 Betten verfügt. Die anderen Kinder schlafen auf dem Boden.

Auch an diesem Morgen hat sich die Aufnahme der Klinik schon wieder gefüllt. Der offene Raum, der einst als Wartesaal diente, hallt vom Geschrei und dem Stöhnen mehrerer Dutzend Kinder wider. Die spindeldürren Patienten liegen wie nach einer Naturkatastrophe auf Bänken, Tragen und dem Fußboden aufgereiht.

Mittendrin hockt Mohammed Deck, sechs Jahre alt und splitternackt. Seine letzte Hose habe der Durchfall  ruiniert, sagt sein Vater. Begonnen habe das, nachdem Mohammed gerade die Masern überwunden hatte. Die Familie lebt wie die Mehrheit der Patienten in einem der unzähligen Flüchtlingslager Mogadischus: sechs Personen in einer aus Zweigen und Decken zusammengebastelten Rundhütte, in der sich Krankheitserreger wie Feuer in einer Scheune ausbreiten.

Fast eine halbe Million Menschen hausen auf diese Weise in den Ruinen der von 20 Jahren Krieg und Chaos zerstörten Stadt. Mehr als Hunderttausend von ihnen sind erst in den  letzten Wochen dazu gestoßen – Flüchtlinge aus der von der Islamistenmiliz Al-Schabaab beherrschten Provinz, in der trotz Hungersnot keine westlichen Hilfsorganisationen zugelassen sind.

Auch die Familie Deck hatte sich vor drei Wochen aus dem Lower-Shabelle-Distrikt zu Fuß auf den 150 Kilometer langen Weg gemacht, um Zuflucht in der Hauptstadt zu suchen. Eine jüngere Schwester Mohammeds fand in Mogadischu statt Rettung den Tod. Sie ist bereits an starkem Durchfall gestorben.

So schlimm sei es nicht einmal vor zwanzig Jahren gewesen, sagt die 48-jährige Kinderärztin Lul Mohamud. Während der Dürrekatastrophe 1991/92, die seinerzeit die internationale Gemeinschaft zur humanitären Großaktion „Restore Hope“ veranlasste, sei die Sterberate vor allem unter Kindern bei Weitem nicht so hoch gewesen wie heute. „Damals gab es wenigstens noch staatliche Strukturen“, sagt die in der Berliner Charité ausgebildete Medizinerin. „Heute gibt es überhaupt nichts mehr.“

Auch das Banadir-Hospital ist vonden Jahres des Chaos nicht verschont geblieben. 600 Betten zählte das Krankenhaus einst. Doch ein Drittel des Gebäudes wird heute als Flüchtlingslager genutzt. Die Toilettenbecken sind zerbrochen, viele Wasserhähne funktionieren nicht mehr. „Wir kriegen zwar ab und zu Medikamente, aber bei Weitem nicht genügend“, klagt die Ärztin Mohamud. „Statt dass wir die Situation allmählich in den Griff bekommen, wird alles nur noch schlimmer.“

Angesichts der extremen Unsicherheit in Mogadischu treffen nur äußerst zögerlich Hilfslieferungen und Helfer aus dem Ausland ein. Die furchtlose südafrikanische Organisation Gift of the Givers liefert der Kinderärztin eine hoch nahrhafte Lebensmittelmischung; das deutsche Hilfswerk Cap Anamur hat eine Ärztin mit Unterstützungsteam ins Banadir-Hospital entsandt. Gerade sind auch vier Mediziner aus Saudi-Arabien eingetroffen. Siewerden auf Schritt und Tritt von somalischen Wächtern mit Schnellfeuergewehren beschattet – damit sie bloß niemandem in die Hände fallen, der glaubt, mit Geiseln aus dem Erdölstaat Lösegeld erpressen zu können.

Keine  Widerstandskraft mehr

„Next, please“, der Nächste bitte, ruft einer der saudischen Ärzte. Baschir Ahmed löst sich aus der fast 50-köpfigen Schlange, die sich vor dem Untersuchungsraum gebildet hat. Er trägt seinen  zehnjährigen Sohn auf den Armen. Das fällt dem grauhaarigen Vater nicht einmal schwer, denn Abdi wiegt gerade noch 20 Kilogramm. Der Junge atmet schnell und flach wie ein gestrandeter Fisch.

Obwohl Abdi nur 37,5 Grad Fieber hat, diagnostiziert der saudische Arzt eine Lungenentzündung. „Manche Körper sind einfach zu schwach, um sich überhaupt noch mit Fieber gegen den Erreger zu wehren“, sagt er. Abdi wird auf die Intensivstation gebracht, die das Cap-Anamur-Team vor zwei Tagen behelfsmäßig mit ein paar Geräten aus Deutschland eingerichtet hat. Zu spät, wie sich wenige Stunden später herausstellt. Bereits am Nachmittag ist Abdi tot.

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