Weniger Hungernde in Somalia

Artikelinfo
Datum: 
14.01.2012
Autor: 
Peter Seidel
Quelle: 
Kölner Stadt-Anzeiger

 

Hier finden Sie den Artikel als pdf.

HORN VON AFRIKA
Allein in Mogadischu bleiben viele Tausend Menschen von Nothilfe abhängig – Nur ein funktionierendes Krankenhaus


VON PETER SEIDEL
Köln. Die Vereinten Nationen sehen Erfolge im Kampf gegen den Hunger in Somalia. „Die Zahl der vom Hungertod bedrohten Menschen ist von 750 000 auf 150 000 zurückgegangen“, teilte Mark Bowden, UN-Nothilfekoordinator für Somalia, in New York mit. In seinem neuesten Wochenbericht spricht das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten jedoch auch von weiterhin vier Millionen Menschen mit unsicherer Ernährungslage in dem Land am Horn von Afrika. Bowden verwies auch auf etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge innerhalb des Landes. Sie verließen ihre Heimat wegen der Dürre, die ihre Ernte vernichtete und ihr Vieh verenden ließ. Oder sie flohen vor den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den islamistischen Al-Shabaab-Milizen und Truppen der Nachbarstaaten Kenia und Äthiopien, die zwischenzeitlich wieder in Teile Somalias einmarschiert sind. Viele Flüchtlinge suchten auch Schutz in der Hauptstadt Mogadischu und leben dort seitdem in Lagern. Wie viele dieser Lager es gibt, weiß der deutsche Logistiker Jürgen Maul nicht zu sagen. Maul ist seit knapp zwei Monaten in Mogadischu.

Für die Organisation Cap Anamur – Deutsche Notärzte organisiert er gemeinsam mit Einheimischen in Flüchtlingslagern Nothilfe. „Wir waren zum Beispiel vor einer Woche in einem Lager mit 1800 Familien, also etwa 10.000 Menschen, das eine sehr schlechte Trinkwasserversorgung hatte. Die bestand aus einem zwei mal drei Meter großen Loch von 20 Zentimeter Tiefe im Boden, in das eine Plane gelegt war und in das ein Trinkwasserwagen der Hilfsorganisation „Islamic Relief“ regelmäßig Wasser füllte. „Aber von dem Wasser tranken natürlich alle. Auch die Tiere“, berichtet Maul im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er orderte daraufhin einen Trinkwassertank mit einem Hektoliter Fassungsvermögen. „Der wird jetzt kommenden Montag freigegeben. Dann feiern wir ein kleines Wasser-Fest.“ Die in Köln ansässige Organisation kauft mit Spendengeldern bei örtlichen Händlern Reis, Bohnen, Mehl, Zucker und Öl und versorgt die Menschen im Camp auf diese Weise für einige Wochen mit Nahrung. „Der dritte Schritt sind dann Latrinen im Camp“, erläutert Maul.

Seit einem halben Jahr hat Cap Anamur auch ein Ärzte- und Krankenschwester-Team im Banadir-Krankenhaus in der Hauptstadt. Das Team arbeitet in der Kinderstation des Krankenhauses, der einzigen funktionsfähigen Klinik in der Stadt, in der schätzungsweise eine Million Menschen lebt. Die Kinder leiden oft an schweren Durchfallerkrankungen.

Nachts werden immer wieder Erwachsene mit Schussverletzungen in die Klinik gebracht, wie Edith Fischnaller, Vorstandsvorsitzende von Cap Anamur, berichtet, die gerade von einer einwöchigen Reise in die Stadt zurückgekehrt ist. „Mogadischu funktioniert eigentlich erstaunlich gut. Es gibt Internet-Cafés, man kann einkaufen. Aber nachts ist es richtig gefährlich.“ Trotz der Gefahren steht Cap Anamur zu seinem Engagement. „Ich hab’ noch kein Land erlebt, in dem ich unsere Arbeit als so wichtig empfunden habe wie in Somalia“, sagt Fischnaller. Die Organisation hat auch die Bezahlung des gesamten Ärzteteams der Kinderstation – insgesamt 73 einheimische Mediziner und Pfleger – bis April übernommen. Fischnaller hofft, dass sich für die Zeit danach eine internationale Organisation dazu bereiterklärt. „Diese Finanzierung können wir auf Dauer nicht leisten.“

Die Scharmützel zwischen äthiopischen und kenianischen Truppen und Al-Shabaab-Milizionären dauern unterdessen in Teilen des Landes weiter an. Erst wenn sich die Lage beruhigt, ist daran zu denken, dass die somalischen Flüchtlinge wieder in ihre Dörfer zurückkehren. Was die Aussichten auf eine solche Entwicklung betrifft, ist Martin Kessler, Leiter der Katastrophenhilfe bei der Diakonie, jedoch sehr skeptisch. „Es gibt weiterhin kein internationales Konzept, dieses Problem anzugehen. Wir bewegen uns in Somalia ganz stark auf das Afghanistan Ostafrikas zu.“

Piraterie hilft dem Land

Für Somalia ist die Piraterie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. „Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen der Piraterie sind weit verbreitet“, heißt es in der Studie der britischen „Denkfabrik“ Chatham House. Die Autorin Anja Shortland wertete auch Satellitenbilder aus mehreren Jahren aus. Auf diesen zeigt sich, dass in Städten neue Gebäude entstanden und alte renoviert wurden. Zudem gibt es mehr Autos. Die Piraten scheinen vor allem in den regionalen Zentren Garowe und Bosasso zu investieren und nicht an den Küsten, von denen aus sie tätig seien. (dpa)