Wo Masern tödlich sein können

Artikelinfo
Datum: 
06.10.2011
Autor: 
Clemens Schminke
Quelle: 
Kölner Stadt Anzeiger

Im Auftrag von Cap Anamur hat Krankenschwester Yasmin Hiller im Banadir-Krankenhaus in Mogadischu mitgearbeitet. „Unvorstellbar“ für europäische Maßstäbe seien die Zustände im somalischen Klinikalltag. Am Donnerstagabend berichtet sie im Rautenstrauch-Joest-Museum über ihre Arbeit.

Köln - „Ich habe so viele tote Kinder gesehen, das reicht für mehrere Leben“, sagt Yasmin Hiller. Seit kurzem ist die Kölner Krankenschwester zurück aus Mogadischu, wo sie drei Wochen lang im Banadir-Krankenhaus mitgearbeitet hat, dem einzigen funktionierenden Hospital in der somalischen Hauptstadt. „Unvorstellbar“ für jemanden, der den deutschen Klinikalltag als Maßstab nimmt, seien die Zustände dort. Wenn sie ihre Erfahrungen unter Ausnahmebedingungen schlicht zusammenfassen will, sagt sie: „Es war sehr anstrengend.“

Somalia wird von einer Hungersnot heimgesucht und ist vom Bürgerkrieg zerrissen. Seitdem sich die Islamisten aus der Hauptstadt zurückgezogen haben, suchen vermehrt Hungerflüchtlinge dort Zuflucht, vor allem aus den Provinzen Süd- und Zentral-Shabelle, die stark von der Dürre betroffen sind. Viele Menschen sind so geschwächt und krank, dass sie medizinisch behandelt werden müssen.

Das Banadir-Krankenhaus hat 250 Betten und ist mit rund 400 Patienten chronisch überbelegt. Zu den Organisationen, die die Klink unterstützen, zählt seit August Cap Anamur. Auf der Suche nach geeigneten Helfern wandte sich der Kölner Verein an Yasmin Hiller, denn die 34-Jährige hat Erfahrungen mit Einsätzen in Afrika. 2005 war sie ein halbes Jahr in Liberia, 2007 ebenso lange in Angola.

Jahresurlaub und unbezahlte Urlaubstage

Weil sie wegen der akuten Krise dringend gebraucht wurde, nahm sie ihren Jahresurlaub und zusätzlich ein paar unbezahlte Urlaubstage. Cap Anamur ist in der Klinik mit einem fünfköpfigen Team vertreten.

Zu den Aufgaben der zwei Logistiker, die eine Intensiv- und Überwachungsstation für Kinder aufgebaut haben, gehört beispielsweise, medizinische Geräte und Medikamente zu beschaffen und Wasser- und Stromleitungen zu reparieren. Das medizinische Team, zu dem zwei Pfleger und eine Ärztin gehören, arbeitet in allen vier Bereichen der Kinderstation. „Als wir ankamen, gab es überhaupt keine Struktur“, erzählt Yasmin Hiller, „wir mussten erst mal für einen geordneten Stationsablauf sorgen.“

In den ersten Tagen war sie in einem Hotel untergebracht und musste, von Sicherheitsleuten beschützt, zum Klinikgelände und zurück geleitet werden. „Auf den Straßen liefen sehr viele Leute mit Maschinengewehren herum“, berichtet die Krankenschwester, „abends waren oft Schusswechsel zu hören.“ Später wohnte sie auf dem Klinikgelände. „Wir haben da gelebt wie im Gefängnis.“ Es wäre zu gefährlich gewesen, in Mogadischu herumzulaufen. Und Zeit dazu gab es ohnehin kaum: „Man arbeitet den ganzen Tag.“ Immer neue Patienten trafen ein – wenn sie es bis ins Krankenhaus schafften.

Yasmin Hiller erwähnt das Beispiel einer Mutter, die sich mit fünf Kindern aus ihrem Heimatdorf auf den Weg machte und nur mit zweien von ihnen in Mogadischu ankam; die anderen waren inzwischen gestorben. Viele Patienten müssen wegen des Platzmangels im Krankenhaus auf der Erde schlafen. Malaria, Durchfall und Wurmerkrankungen gilt es zu bekämpfen. Wegen der Unterernährung ist die Immunabwehr der Kinder so geschwächt, dass Krankheiten wie etwa Masern zur lebensbedrohenden Gefahr werden. Pro Woche sterben rund 40 Kinder. Bei der Patientenaufnahme und den Visiten steht den Helfern ein lokaler Mitarbeiter zur Seite, der zwischen Englisch und Somali übersetzt.

„Es ist eine gute Sache, in so einem Land auszuhelfen“, sagt Yasmin Hiller, die sich trotz der Belastung einen weiteren Einsatz vorstellen. Zunächst muss sie sich um ihr Fortkommen in Köln kümmern.

Kaum aus Afrika zurückgekehrt, legte sie im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Intensivfachschwester eine Prüfung ab, und inzwischen versieht sie wieder ihren Dienst am Krankenhaus in Merheim. Ihren Platz im Team in Mogadischu hat eine andere Fachkraft eingenommen. Cap Anamur, das seinen Helfern ein Aufwandsentschädigung zahlt, sucht zur Verstärkung erfahrene Kinderärzte.

Yasmin Hiller berichtet am Donnerstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, im Rautenstrauch-Joest-Museum, unter welchen Bedingungen die Helfer arbeiten – bei einem Info-Abend von Cap Anamur mit Berichten über Nordkorea, Sierra Leone und Somalia.

Hier finden Sie den Original-Artikel:

http://www.ksta.de/html/artikel/1317623401207.shtml