Deutsche Ärztinnen und Ärzte im Sudan: Medizinische Versorgung in einer anderen Welt

Artikelinfo
Datum: 
04.03.2008
Autor: 
Kortmann, Eiter
Quelle: 
Deutsches Ärzteblatt

Das Gesundheitswesen im Sudan wird seit Jahrzehnten den kriegerischen Auseinandersetzungen geopfert. Die Hilfsorganisation Cap Anamur betreibt dort ein Krankenhaus.

Nuba-Berge, Region Kordofan im Zentralsudan: Noch in den 60er-Jahren fotografierte hier Leni Riefenstahl die "Menschen wie von einem anderen Stern". Dass diese Menschen von unserem Stern sind, sieht man an einigen wenigen klapprigen Traktoren, die das einzig geeignete Verkehrsmittel auf Wegen sind, die den Namen Weg nicht verdienen. Man sieht es an einer zum Großteil in Camouflageuniformen der SPLA (Southern People Liberation Army) herumlaufenden Bevölkerung, männlich wie weiblich; selbst Kleinkinder sind uniformiert. Und man sieht es an den modernen Schnellfeuergewehren, die unvermeidlich erscheinen. Dies und die wenigen vorhandenen Handpumpen zur Wasserförderung scheinen indes die einzigen Indizien dafür zu sein, dass man der Steinzeit entwachsen ist. Keine Verkehrswege, kein Strom, kein fließendes Wasser, keinerlei Infrastruktur. Gesundheits- und Erziehungswesen wurden seit Jahrzehnten den kriegerischen Auseinandersetzungen geopfert.

Hier, in der Mitte des Landes, reibt sich Afrika an Arabien. Der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt Norden gegen Süden hat derzeit Pause, man bemüht sich, Friedfertigkeit zu demonstrieren.

In der Enklave der Nuba-Berge betreibt die Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. - German Emergency Doctors nunmehr seit fast zehn Jahren ein Krankenhaus unter einfachen und logistisch schwierigen Bedingungen. Es ist nicht einfach, sich einen Überblick über die zu versorgende Population zu verschaffen. Bei der durch die Kriegswirren versprengten Bevölkerung und fehlenden offiziellen Daten ist man auf Schätzungen angewiesen. Allein in der Provinz liegt die Wahrheit irgendwo zwischen 150 000 und 230 000 Einwohnern, verteilt auf ein Gebiet mit einem Radius von gut 100 Kilometern um das Krankenhaus Lwere. Für die gesamte Region der Nuba-Berge geht man von rund 400 000 Bewohnern aus.

Da die Organisation von der Regierung in Khartoum nicht erwünscht ist, müssen die Mitarbeiter über Kenia einreisen, die einzige Transportmöglichkeit sind die Flugzeuge des World-Food-Programms. Dringend notwendige Medikamente können nur mit eigens gecharterten Maschinen eingeflogen werden: ein kostspieliges Unterfangen.

Das Krankenhaus verfügt über eine Art Notfallaufnahme, bestehend aus mehreren Räumen, in denen die ambulanten Patienten untersucht werden. Es gibt ein Labor, einen Entbindungsraum und einen Operationssaal. Das "Bettenhaus" besteht aus zehn "Tukuls", das sind strohgedeckte Lehmhütten, in denen je nach Bedarf zwischen zwei und sechs Patienten untergebracht werden können. Im Durchschnitt werden circa 30 Patienten stationär betreut, rund 2 000 Menschen werden im Monat ambulant behandelt. Die Medikamente werden kostenfrei ausgegeben, wir merken allerdings, dass ein erheblicher Fortbildungsbedarf bei den verordnenden Mitarbeitern besteht. Neu hinzugekommen sind ein "maternity waiting home", eine Unterbringungsmöglichkeit für Schwangere vor der Geburt, und ein Health Center im 30 Kilometern entfernten Debby.

Derzeit sind wir ein kleines Team aus Hebamme, Chirurgin, Allgemeinarzt und Techniker, der eigentlich Mädchen für alles ist. Für tropenmedizinisch interessierte Kollegen gibt es hier eine betrübliche Fundgrube: Malaria, Hakenwurm, Schistosomiasis sind das tägliche Brot, Hydatidenzysten bei
Echinokokkose, Amöbenleberabszesse, Meningitiden, Cholera, Lepra - nichts, was es nicht gäbe. Dank eines durch solare Stromversorgung betriebenen Ultraschallgeräts sind wir in der Lage, auch Palpationsbefunde zu verifizieren, die einem sonst verschlossen geblieben wären. Dass derzeit das Ultraschallgel fehlt und mit Wasser angekoppelt wird, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler.

 Die Chirurgie beschränken wir auf einige wenige vorgemerkte Fälle wie Leistenhernien oder Hydrozelen von zum Teil exorbitanten Ausmaßen. Ansonsten bleibt der OP mit den beschränkten Kapazitäten den Notfällen vorbehalten: uralt-Osteomyelitiden, die meist der Amputation bedürfen, Schussverletzungen (auch in Friedenszeiten bleibt ein Gewehr ein Gewehr), strangulierte Hernien, Kaiserschnitte, Uterusrupturen, zum Teil mit Blasenrupturen, Überrolltraumen (Traktoren in gebirgigem Gelände) mit Leberrupturen; und all dies bei einer Bevölkerung, der man - warum auch immer - mit Engelsgeduld eine Blutkonserve für den nächsten Verwandten abtrotzen muss.

Der tägliche Kampf der Hebamme und die Ursache für erhebliche geburtshilfliche Komplikationen ist die häufig vorhandene pharaonische Beschneidung. Ein Introitus, der gerade mal einer Fingerkuppe Einlass gewährt, lässt die Frage aufkommen, wie Schwangerschaften eigentlich zustande gekommen sein mögen. Frauen mit verschleppten Querlagen, bereits für den Kaiserschnitt vorbereitet, werden gelegentlich von aufgebrachten Großmüttern aus dem Krankenhaus getrieben, die Schnittentbindung erscheint manchen offenbar als moderner Schnickschnack. Der unvermeidliche tödliche Ausgang wird als Schicksal hingenommen. Die Anästhesie wird im Wesentlichen mit Ketanest durchgeführt; Spinalanästhesie ist im Übrigen Standard. Seit Kurzem verfügt der OP über ein Pulsoxymeter als einzige Monitormöglichkeit neben Stethoskop und Blutdruckmessgerät. Für Laparotomien kann jetzt dank eines Verdampfers mit Halothan und auch mit Äther nach einer Intubation beatmet werden.

Wichtigstes Thema ist die permanente Aus- und Weiterbildung der einheimischen Mitarbeiter, die mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen hier ihre Tätigkeit aufnehmen. Auch wenn nur rudimentäre Kenntnisse der Anatomie vorhanden sind, kann man Mitarbeiter ausbilden, Kaiserschnitte durchzuführen, ebenso wie Spinalanästhesien. Ultraschalluntersuchungen werden eingehend verfolgt und diskutiert.

Krankenpflege ist ein schwieriges Thema im afrikanischen Kontext, wo doch die Familienangehörigen im Wesentlichen die Pflege übernehmen. Infusionstherapie von restlos dehydrierten Säuglingen und Kleinkindern, Vakuumextraktionen in der Geburtshilfe, all dies sind Themen, denen wir uns stellen müssen.

Bislang wurde das Wasser für das Krankenhaus in Eimern auf dem Kopf transportiert, demnächst wird dies ein Ende haben. Ein Brunnen wird direkt am Krankenhaus gebohrt, Pumpe und Wassertanks werden installiert. Damit wird endlich die Möglichkeit geschaffen, ein wenig mehr Hygiene in den OP zu bringen. Dann können auch die nicht enden wollenden septischen Wunden ausgiebig gespült werden.

Wir, die internationalen Mitarbeiter, sind auf einem kleinen, eingezäunten Gelände untergebracht, in Lehmhütten mit Strohdächern. Die Dusche besteht aus einem, unter einem Baum hochgezogenem Wasserkanister. Alles ist sehr einfach und etwas gewöhnungsbedürftig. Die Ernährung produziert kein Übergewicht. Die Anwesenheit für das Krankenhaus rund um die Uhr über einige Monate wird im Laufe der Zeit anstrengend, andererseits gibt es keine Möglichkeit "mal eben" wegzufahren. Der nächste Ort ist Kauda, eine etwas größere Ansiedlung mit einem Markt. Die seltenen Fahrten dahin müssen als Abwechslung reichen. Nach Monaten bei 35 °C im Schatten freut man sich dann doch auf ein kühles Deutschland. Irgendwann.
Gabriele Kortmann, Chirurgin
Dr. Karl Eiter, Allgemeinarzt