Fassbomben auf unschuldige Zivilisten

Artikelinfo
Datum: 
06.06.2016
Autor: 
Carl-Heinz Pierk
Quelle: 
Die Tagespost

Die Bewohner der sudanesischen Krisengebiete wie Darfur und Südkordofan sehen sich immer wieder durch Fassbomben bedroht...

Er ist die Stimme der Stimmlosen in diesen vergessenen Konflikten. Macram Max Gassis, der Bischof von El Obeid, klagt das Regime um Präsident Omar Hassan al-Baschir wegen gravierender Menschenrechtsverletzungen im Sudan an. Zu seiner Diözese gehören die Konfliktregion Darfur und die Nuba-Berge. „Ich bin Zeuge einer seit mehr als 20 Jahren andauernden religiösen Verfolgung und Versklavung, von Vergewaltigungen und Folter, Hunger und Tod“, berichtete er gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“. Kritik aber duldet das sudanesische Regime nicht. Gassis, inzwischen emeritiert, hält sich aus Sicherheitsgründen vorwiegend außerhalb der Diözese auf und informiert in vielen Ländern über die Situation im muslimisch geprägten Sudan.

Verzweifelt ist die Lage zehntausender Flüchtlinge in der westsudanesischen Krisenregion Darfur. Hier kämpfen seit 2003 Rebellengruppen gegen die sudanesische Armee und regierungstreue arabische Reitermilizen. In dem Konflikt wurden nach Schätzungen der Vereinten Nationen seitdem mindestens 300 000 Menschen getötet. Wegen des Konflikts in Darfur hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten al-Baschir erlassen. Ihm werden Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

Äußerst angespannt ist die Lage in den Nuba-Bergen. Grund dafür sind sudanesische Militäroffensiven am Boden und anhaltende Luftangriffe auf zivile Ziele. Einzelheiten schilderte gegenüber der „Tagespost“ Ulrich Delius, Afrika-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker: „Am Mittwoch letzter Woche wurden erneut Bomben auf eine Grundschule in Kauda abgeworfen. Die kirchliche Schule der Diözese El Obeid war auch im Mai letzten Jahres bereits schon einmal bombardiert worden. Diesmal wurden zwei besonders tückische Bomben an Fallschirmen abgeworfen. Sie hätten viele Menschenleben gekostet, wenn die Kinder in der Schule gewesen wären. Zufällig hielten sich an diesem Tag nur Lehrer in den Schulgebäuden auf, um Prüfungsunterlagen zu korrigieren.“ Seit Mitte März 2016 wurden mindestens 630 Bomben von sudanesischen Flugzeugen auf zivile Ziele in den Nuba-Bergen abgeworfen, berichtete Delius weiter. „Ein Großteil der Sprengkörper waren Fassbomben, die vom humanitären Völkerrecht geächtet sind. Diese billigen Waffen bestehen meist nur aus Metalltonnen, die mit Heizöl oder Düngemittel als Explosivstoff abgefüllt werden. Vor allem in den Nuba-Bergen und in den Djebel Marra-Bergregionen Darfurs werden diese Fassbomben von der sudanesischen Luftwaffe eingesetzt.“ Wo aber bleibe die Empörung und der Aufschrei der EU über diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Nuba-Bergen, fragt Delius: „Als Syrien im Jahr 2015 der Einsatz von Fassbomben vorgeworfen wurde, rief die EU den Weltsicherheitsrat an und Frankreich wollte den Internationalen Strafgerichtshof einschalten.“

Sowohl die afrikanisch geprägten Nuba-Völker in der von rund 1,2 Millionen Menschen bewohnten Provinz Südkordofan als auch arabisierte afrikanische Gemeinschaften in der von 800 000 Menschen besiedelten Provinz Blauer Nil klagen, dass sie im arabisch dominierten Sudan diskriminiert werden. Gemäß dem im Januar 2005 unterzeichneten „Umfassenden Friedensabkommen“ (CPA) sollten in beiden Regionen im Jahr 2011 Volksabstimmungen über ihre Zukunft stattfinden. Bislang zeichnet sich aber noch kein realistischer Zeitplan für diese Referenden ab, so dass in beiden Regionen die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung zunimmt.

Nachdem die sudanesische Regierung einem Bekenntnis zur ethnischen Vielfalt des Sudan eine Absage erteilt und eine verstärkte Arabisierung des Landes angekündigt hatte, griff die Sudanesische Volksbefreiungsbewegung SPLM in den Nuba-Bergen zu den Waffen. Schon in den 1990er-Jahren leisteten Nuba bewaffneten Widerstand gegen sudanesische Soldaten, die Massaker an den Ureinwohnern verübten. Das sudanesische Regime setzt nach den Worten von Delius auf eine militärische Lösung und bedingungslose Unterwerfung dieser Region.

Es ist eine grausame Taktik, mit der das sudanesische Regime vorgeht. Leidtragende sind unschuldige Zivilisten, Menschen in Not. Journalisten haben keinen Zugang zu den Konfliktregionen, die schweren Menschenrechtsverletzungen sollen nicht bekannt werden. Schwierig ist es auch für humanitäre Organisationen. Nicht aufgeben will der gemeinnützige Verein „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte e.V.“ mit Sitz in Köln, dessen Gründer Rupert Neudeck jüngst verstorben ist. Die Hilfsorganisation unterhält im Ort Lwere inmitten der Nuba-Berge ein Krankenhaus, in dem monatlich über sechstausend Patienten versorgt werden, die mit akuten Malariainfektionen, Verbrennungen oder Verletzungen durch Bombensplitter in die Klinik kommen. Neben dem Hospital, erläutert Projektkoordinator Christian Glöckner gegenüber der „Tagespost“, betreut das Hilfswerk derzeit fünf Gesundheitsposten im Umkreis von hundert Kilometern um das Hospital, in denen bis zu 12 000 Patienten monatlich behandelt werden. Hinzu kommen regelmäßige Impfprogramme im gesamten Gebiet. Zudem ist eine Erweiterung um zwei zusätzliche Gesundheitsposten geplant.

Vor wenigen Tagen wurde das Krankenhaus wieder aus der Luft angegriffen. Bereits im Mai 2014 waren Bomben in nächster Nähe des Hospitals gefallen. „Wie schon 2014 haben wir auch jetzt entschieden, das Projekt für die vielen Menschen in Not weiterzuführen“, betont Glöckner. Aufgrund der massiven Offensive der sudanesischen Streitkräfte „schätzen wir jedoch jeden Tag neu ab, ob wir unsere Arbeit fortsetzen können oder unsere Mitarbeiter evakuieren müssen“.

Die Bedrohung ist massiv: Auf Zivilisten werden Fassbomben aus Antonov-Flugzeugen geworfen, in Bodenoffensiven werden ganze Dörfer abgebrannt, Tiere gestohlen oder getötet und zurückgebliebene Zivilisten, meist alte Menschen, die nicht mehr fliehen konnten, ermordet. Zudem werden bestehende Wasserpumpen zerstört, so dass die Menschen nach den Angriffen nicht mal mehr Trinkwasser zur Verfügung haben. Da Fassbomben geworfen werden, aus denen nicht jedes einzelne Sprengmittel explodiert, sind die Felder und Dörfer voll von kleinen Sprengsätzen, die bei Berührung explodieren können und vor allem spielende Kinder treffen. „Durch die Flucht in die Berghöhlen verschlechtert sich die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser automatisch. Sie verlassen ihre Felder und ihr Vieh und haben in den Höhlen schlichtweg nichts“, merkt Glöckner an.

Wie zweimal jährlich plant der gemeinnützige Verein „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte e.V.“ derzeit wieder einen großen Einkauf von Nahrungsmitteln, Medikamenten und weiteren medizinischen und technischen Gütern, um die Menschen weiterhin versorgen zu können. Alle Waren werden dann mit hohem logistischem Aufwand in die abgelegene Region der Nuba-Berge im sudanesischen Bundesstaat Südkordofan transportiert. Jetzt aber steht die Regenzeit bevor. Dann sind die Zufahrtswege verschlammt.

Link zum Artikel: http://www.die-tagespost.de/politik/Fassbomben-auf-unschuldige-Zivilisten;art315,169939