SUDAN | Mein Einsatz in den Nuba-Bergen

Artikelinfo
Datum: 
20.07.2016
Autor: 
Juliane Grothe

Als ich im Januar in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan eingetroffen bin, wurde ich mit offenen Armen empfangen und sofort als vollwertiges Mitglied des Krankenhaus-Teams akzeptiert. Ich war ergriffen von der Herzlichkeit der Nuba. Das hat mir, zumindest auf persönlicher Ebene, den Einstieg in diese völlig andere und unbekannte Welt deutlich erleichtert. Fachlich hingegen war es mir als gelernte Krankenschwester anfangs fremd, plötzlich mit mehr Verantwortung und sehr umfangreichen Tätigkeiten konfrontiert zu sein und dementsprechend zu handeln.

SUDAN | My mission in the Nuba Mountains

by Juliane Grothe

As I arrived in the Nuba Mountains in the South of Sudan, I was welcomed wholeheartedly and accepted instantly as a full member of the hospital team. I was taken by the warmth of the Nuba. This made it personally for me considerably easier to enter this totally different and unknown world. From a professional point of view as a nurse I felt strange to be confronted with much more responsibility and extensive activities and the need to act accordingly.

 

 

 

Unser circa 50 Betten großes Krankenhaus ist aufgeteilt ist in eine Notaufnahme, eine geburtshilfliche Station sowie mehrere Kinder- und Erwachsenenbettenhäuser. Ebenfalls zugehörig sind ein kleines Labor und eine Apotheke.

Klinikalltag in den Nuba-Bergen

Zu meinen Aufgaben gehört das tägliche Visitieren der Patienten, das Diagnostizieren und Behandeln von Erkrankungen, das Versorgen von Wunden, das Assistieren im OP, das Erstellen von Dienstplänen und Verfahrensanweisungen sowie die Schulung des meist ungelernten Pflegepersonals vor Ort in allen Bereichen. Dazu zählen beispielsweise Fachwissen über Erkrankungen sowie Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten, Umgang mit Medikamenten, Hygiene und Dokumentation.

Our hospital with about 50 beds is divided in an emergency, a ward for obstetrics as also accommodation facilities for children and adults. In addition to that a small laboratory and pharmacy is also placed in the complex.

My workday in the clinic in the Nuba mountains

My job was to visit the patients, to diagnose and treat diseases, to take care of wounds, to assist in the surgery room, to plan timetables for the staff and list procedures for treatments as also school often untrained staff on the job in all areas. For this I needed for example knowledge about diseases as also the knowledge of diagnostic and treatment possibilities, familiarity with medication, hygiene and documentation.

In den ersten Wochen waren die meisten Aufgaben für mich neu und die Unsicherheit groß. Die tägliche teilweise nur schwer zu ertragende Hitze und die Sprachbarriere haben ihr übriges getan. Und so saß – und sitze – ich in meiner Freizeit abwechselnd mit Fach- und Sprachbüchern und lerne so intensiv, wie zuletzt zu Ausbildungszeiten vor etlichen Jahren.

Visite auf Arabisch

Mittlerweile läuft alles viel flüssiger. Die Visite führe ich bereits teilweise auf Arabisch und hier typische Erkrankungen wie Malaria, Pneumonien und andere Infektionen, Diarrhoen, Verbrennungen, Abszesse sowie Mangel- und Unterernährung behandle ich aus dem Effeff. Mit jedem Tag wird es ein kleines bisschen einfacher und mit jedem gesund entlassenen Patienten wachsen auch die Selbstsicherheit und die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun.

In the first weeks most of my tasks were new and I felt quite insecure about it. In addition to that I did not bear the daily heat that easily as I also had difficulties related to of my limited language capabilities. In my free time you could see me then - as you can still see me now – to study books either to improve my subject or my language capabilities. I do study as hard as I have not studied since my time as a student quite a bit time ago.

Visitation in Arabic

In the meantime everything goes much more smoothly. I am able to do the visitations partly in Arabic. I can treat typical diseases like malaria, pneumonia and other infections, diarrhea, burns, abscesses as also malnutrition without any problems. Day by day things become easier and with each patient leaving the hospitaI healthy again I become more selfconfident as I feel the certainty to be in the right place and to do the right thing.

Dennoch sind unsere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten limitiert, und so sterben leider viele Patienten, darunter auch Kinder, die in Deutschland jede Chance auf eine allumfassende Versorgung und Genesung hätten. Das zu akzeptieren fällt mir nicht immer leicht. Aber mit der Gewissheit, bei jedem einzelnen alle hiesigen Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, wird es ein wenig erträglicher.

Viele der Patienten haben nur die meist durchlöcherte Kleidung, die sie am Leib tragen. Sind sie 7 Tage hier, tragen sie eben 7 Tage dasselbe. Die Kinder haben keine Windeln, und so bin ich schon das ein oder andere Mal in Pfützen auf dem Boden getreten oder mit nassem Kittel aus der Visite gekommen. Aber die strahlenden Kinderaugen – manchmal auch ängstlich oder unglaubwürdig dreinblickenden, da ihnen weiße Menschen nicht vertraut sind – entschädigen auf vielfache Weise.

Geschichten vom Krieg

Manchmal höre ich Geschichten über den Krieg – für mich nur schwer vorstellbar. Erschütternde Schicksale über persönliche Verluste, Flucht und Leid in diesem seit Jahren kriegsgebeutelten, von Medien und Öffentlichkeit vernachlässigten Teil der Erde. Trotzdem haben die Menschen meist ein Lächeln im Gesicht, ein freundliches Wort auf den Lippen und strahlen eine fast stoische Gelassenheit aus. Was sie seit so vielen Jahren regelmäßig erleben und ertragen müssen kann ich mir nur im Ansatz ausmalen.

Und so ertappe ich mich nach wie vor, wie ich den Himmel absuche, wenn ich die Antonovs kreisen höre oder die Vibrationen der Bombendetonationen in der Ferne spüre. Für die Leute hier ist das Alltag, das Leben geht dennoch weiter.

As the possibilities of diagnosis and therapy are limited, many patients unfortunately die, among them a lot of children, who in Germany would receive a complete treatment and best healing chances. It is not easy for me to accept these circumstances. But with the certainty to do my best to everyone in need with the possibilities given here things have become a bit more bearable for me.

Many patients wear clothes with wholes on their bodies. As they are here for seven days they wear those same clothes for seven days. There are no diapers for children and this is the reason that time by time I step into a puddle or return from my visitation with a wet smock. But to see the glowing eyes of children – sometimes fearful or not believing because of white human beings treating them -  is very much rewarding for me.

Stories of the war

Sometimes I hear stories about the war – which are for me very hard to imagine. Devastating fates about personal losses, flight and suffering in this region of war since many years, neglected by the media and the world public of our planet earth. Inspite of this the people often still have a smile on their face, a friendly word on their lips and are still beaming to you an almost stoic serenity. What they have go through and suffer since so many years regularly it is hard for me to imagine even faintly.

So I surprise myself looking in the sky, when I hear the Antonovs circling around or when I hear the vibrations of detonations of bombs in the distance. For the people here this is a normal day and inspite of that life goes on.

Nach 6 Monaten habe ich das Gefühl, schon ewig hier zu sein, angekommen zu sein. Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen noch auf mich wartet und hoffe, dass am Ende die kleinen Wunder die großen Tragödien überstrahlen, unter diesen unwirklichen Umständen, in dieser wunderschönen, kargen Landschaft irgendwo im Süden des Sudan.

After 6 months I have the feeling, I am here already for a long time and I have arrived. I am curious, what will be next for me and I hope, that the small wonders will outshine the big tragedies, under these unreal circumstances, in this wonderful, barren landscape somewhere in the South of Sudan.

Über Juliane Grothe

Die 31jährige Hamburgerin arbeitete seit Beginn des Jahres als Krankenschwester in dem Cap-Anamur-Krankenhaus in Lwere, inmitten der sudanesischen Nuba-Bergen.

About Juliane Grothe

Juliane, 31, coming from Hamburg is working since the beginning of this year as a nurse in the Cap-Anamur-Hospital in Lwere, in the midst of the Nuba mountains.