"Dem Teufel vor die Hütte ziehen"

Artikelinfo
Datum: 
07.01.2003
Quelle: 
Die Welt

Berlin - Heute fahren der CDU-Politiker Norbert Blüm, "Cap Anamur"-Gründer Rupert Neudeck und der linke Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff nach Tschetschenien, ohne offiziellen Auftrag und Begleitung, nur mit einem Visum für Russland ausgestattet. Die Reise in die umstrittene Kaukasusrepublik ist der Auftakt der drei Akteure zu einer weltweiten Tour für Menschenrechte. Mit Norbert Blüm sprach Lars-Broder Keil.

DIE WELT: Herr Blüm, Sie gehen morgen mit Rupert Neudeck und Günter Wallraff für Menschenrechte auf Tour. Ein ungewöhnliches Trio.

Norbert Blüm: So ungewöhnlich ist das gar nicht. Mit Neudeck war ich früher schon im Südsudan, im Kosovo und in Afghanistan. Was ich an Neudeck schätze, ist, dass er die Armut nicht nur literarisch beklagt, sondern etwas macht und zwar dort, wo das Elend ist. Günter Wallraff kenne ich auch schon lange. Er saß vor Jahrzehnten in Athen im Gefängnis und wurde dort gefoltert. Da bin ich hingefahren, um Rabatz zu machen. Es gibt keinen Grund, einen wie auch immer religiös oder politisch denkenden Menschen zu foltern.

DIE WELT: Wie soll Ihr Kampf für Menschenrechte aussehen?

Blüm: Wir gehen dahin, wo die Sauereien sind.

DIE WELT: Oft scheint es hier zweierlei Sichtweisen zu geben. Kuba wird verurteilt, das Verhalten der russischen Armee in Tschetschenien gerne übersehen.

Blüm: Der Kampf für Menschenrechte ist nur glaubwürdig, wenn er auf niemanden Rücksicht nimmt. Da gibt es keinen Bonus für Freunde. Ob das Russlands Präsident Wladimir Putin passt oder nicht.

DIE WELT: Was erhoffen Sie sich von der Reise nach Tschetschenien? Präsident Putin hat kürzlich die Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa einfach für beendet erklärt, weil die OSZE neben der Koordinierung der humanitären Hilfe auch die Wahrung der Menschenrechte überwachen wollte.

Blüm: Wir wollen uns die Lage in Tschetschenien ansehen. Mehr werde ich vor der Reise nicht dazu sagen.

DIE WELT: Bei einem anderen Krisenherd - dem Nahostkonflikt - haben Sie sich deutlich geäußert. Sie haben das Vorgehen der Israelis in den Palästinenser-Gebieten als "Vernichtungskrieg" bezeichnet und sind dafür stark kritisiert worden. Bleiben Sie bei dieser Beschreibung?

Blüm: Ich bin keiner, der die Selbstmordattentate der Palästinenser rechtfertigt. Aber ich habe für das Vorgehen der israelischen Armee nicht den Funken eines Verständnisses. Kinder werden von Panzern niedergewalzt, Mütter, die schwer kranke Kinder ins Krankenhaus bringen, werden von israelischen Soldaten an der Weiterfahrt gehindert. Mit Kampf gegen Terrorismus hat das für mich nichts zu tun. Das ist die Eskalation von Brutalität.

DIE WELT: Die Israelis reagieren darauf, dass ihre Kinder in der Diskothek, im Bus und in der Pizzeria in die Luft gejagt werden.

Blüm: Mit dieser Buchhalterei kommen wir nicht weiter. Ich war und bin immer ein Freund Israels. Der Jesus, an den ich glaube, war ja auch Jude. Aber ich bin kein Freund einer israelischen Armee, die hemmungslos vorgeht. Ebenso große Verachtung empfinde ich für die palästinensischen Selbstmordattentäter und ihre Hintermänner. Was ist das für eine Religion, die den Selbstmord befiehlt? Eine menschenfreundliche kann das nicht sein. Ich denke, der Konflikt ist nur noch von außen zu lösen.

DIE WELT: Was können Sie als deutscher Politiker ohne Mandat tun?

Blüm: Soll ich etwa nichts tun, nur weil ich kein Mandat habe? Wir müssen darauf pochen, dass sich die Mächtigen dieser Welt an die Spielregeln der Menschlichkeit halten.