Cap Anamur fordert internationale Verhandlungen zu Kaukasus-Konflikt

Artikelinfo
Datum: 
15.01.2004
Quelle: 
Deutschlandfunk
Heuer: Es ist schwierig für Ausländer, nach Tschetschenien zu kommen. Die Einreise in die von Russland abtrünnige Kaukasus-Republik wird nur wenigen genehmigt. Und das, obwohl die Regierung in Moskau auf dem Standpunkt steht, dass der Krieg in Tschetschenien beendet ist.
Wie sieht der verlautbarte Frieden in Tschetschenien konkret aus? Das schildert uns jetzt Elias Bierdel, Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur. Gestern ist er aus Tschetschenien nach Deutschland zurückgekommen. Heute Früh ist er bei mir im Studio. Guten Morgen erst einmal Elias Bierdel.

Bierdel: Guten Morgen.

Heuer: Die neueste Nachricht aus der Region ist, dass die tschetschenischen Flüchtlingslager in der Nachbarrepublik Inguschetien zum 1. März aufgelöst werden sollen. Wieso?

Bierdel: Das steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in Russland. Mitte März sind diese angesetzt. Es gibt ja seit Jahren schon die Politik, dass man versucht, diese Lager nun abzuräumen. Zum Teil ist das im letzten Jahr sehr aggressiv geschehen. Da wurde den Leuten buchstäblich das Zelt überm Kopf weggerissen, einfach um Druck auszuüben, sie sollen weg. Sie stören die Optik und sie stören natürlich vor allen Dingen das Bild, wenn man behaupten möchte, es sei nun alles in bester Ordnung, man könne nach Tschetschenien zurückkehren in Frieden. Im Augenblick leben noch offiziell 60000 Flüchtlinge in teilweise wirklich entwürdigenden Bedingungen: in Ställen alter Kolchosen, in irgendwelchen Ruinen in Inguschetien. Die sollen weg, sie haben die Nachricht bekommen, wie gesagt bis zum 1. März.

Heuer: Wo sollen, wo können diese Menschen denn hingehen?

Bierdel: Sie sollen nach Hause gehen. Das ist die offizielle Linie. Aber zu Hause - wo ist das? In einem Land, das seit jetzt bald zehn Jahren von zwei aufeinander folgenden Kriegen total zerstört ist, wo von vielen Dörfern in den Provinzen tatsächlich nichts mehr übrig ist. Das sind also Bilder, wie wir sie vielleicht kennen von den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges, wo die Erde umgepflügt ist und es ist nichts mehr zu sehen von menschlichen Behausungen. Wie sollen die Leute also nach Hause? Viele, wenn sie tatsächlich aus Inguschetien weg müssen, werden ausweichen in andere Republiken. Es gibt ja jetzt schon sozusagen weltweit wachsende Gruppen von Tschetschenen, die sich irgendwo hinflüchten: in die Türkei, in arabischen Ländern habe ich sie angetroffen, natürlich in den Schwarzmeer-Republiken. Sie versuchen irgendwie durchzukommen, denn ein zu Hause gibt es für viele nicht mehr.

Heuer: Nun hat ja die russische Regierung tschetschenischen Heimkehrern Geld angeboten, damit sie in Tschetschenien ihre Häuser wieder aufbauen können. Das klingt ja erst mal nach einem fairen Angebot?

Bierdel: Nun ja, eine Art der Entschädigung soll angeboten werden. Tatsächlich sind Summen im Gespräch von umgerechnet bis zu 10000 Dollar für ein Haus, was vollkommen zerstört ist, eine Existenz, die vollkommen vernichtet ist. Das klingt erst mal gut. Der Schönheitsfehler ist nur, dass so gut wie noch niemand diese Summe tatsächlich bisher gesehen hat. Das ist der eine Punkt und dann, was mir verschiedene Flüchtlinge berichtet haben, die sich da schon erkundigt haben: denen wurde angedeutet, dass man mindestens die Hälfte dieses Betrages, sollte das Geld denn jemals irgendwo ankommen, dann auf jeden Fall auch einbehalten wird seitens derer, die das auszuzahlen haben. Korruption ist das Schlüsselwort, was wahrscheinlich auch eine ganz große Rolle spielt überhaupt hinter diesem ganzen schrecklichen eskalierten Konflikt in Tschetschenien.

Heuer: Wie muss man sich denn die Arbeit von Cap Anamur in Tschetschenien vorstellen?

Bierdel: Wir haben über Jahre hinweg, auch Jahre des Krieges hinweg Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land aufgebaut, überall Kliniken unterstützt, auch in Grosny. Dort haben wir sogar ein großes Kinderkrankenhaus wieder aufgebaut. Das ist von Kämpfen immer wieder zerstört worden, in Mitleidenschaft gezogen worden, am Schluss dann im Frühjahr 2000 bei der großen Offensive der russischen Armee ganz bewusst in die Luft gesprengt worden, also nicht etwa aus Versehen beschädigt, sondern wirklich gesprengt worden, ein klares Signal. Dort liegt es nun, ein Schutthaufen am Rande der Stadt am Minudka-Platz in einem riesigen Trümmerfeld. Die Ärzte, die dort gearbeitet haben, versuchen, ihre Arbeit fortzusetzen. Bewundernswert kann ich das nur finden. Sie tun dies in einem ehemaligen Bankgebäude zum Beispiel, in den sie einen Teil der Apparate hinretten konnten, und wir versuchen sie zu unterstützen, wie es nur eben möglich ist. Aber viel ist unter diesen Gegebenheiten nicht möglich, denn Tschetschenien ist zum einen ein mörderisch gefährliches Land, es ist korrupt und es ist ein vergessenes Land. Niemand kümmert sich darum, was dort geschieht.

Heuer: Es heißt ja, Elias Bierdel, dass die Rebellen, die tschetschenischen Rebellen von islamistischen Terroristen unterwandert sein sollen. Wie viel Wahres ist da nach Ihrer Beobachtung dran?

Bierdel: Ich kann dazu wirklich nicht viel beitragen. Das ist eine nahe liegende Vermutung. Es gibt tatsächlich natürlich - man weiß es ja - auch deutsche Kämpfer, die dort schon aufgegriffen worden sind oder zu Tode gekommen sind in diesem vermeintlichen Glaubenskrieg. Ob das eine entscheidende Rolle spielt, das kann ich nicht ermessen. Klar ist, dass dieser Konflikt nun so weit eskaliert ist, dass man in dieser Gemengelage überhaupt nicht mehr weiß, wer schießt da auf wen. Es sind russische Sicherheitskräfte, es sind inguschetische, es sind die neuen Privatarmeen des Präsidenten Kadirow dort in Tschetschenien und es sind natürlich Banditen aller Art, die dort auch ihren Vorteil suchen. Es ist ein großes Geschäft, was dort in Tschetschenien im Gange ist, und die Menschen werden dazwischen aufgerieben.

Heuer: Mit Auswirkungen ja auch auf Russland. Es gibt dort immer mehr und immer grausamere Anschläge von Tschetschenen. Wie kann man dem denn Einhalt gebieten? Kann man es überhaupt?

Bierdel: Weil Sie das so leicht sagen, Anschläge von Tschetschenen. Ich will nur mal darauf hinweisen: die beiden gestern verurteilten Täter, die dort Wohnhäuser in die Luft gesprengt haben sollen, diese Sprengung damals das war der Ausgangspunkt, das war der Grund für den zweiten Tschetschenien-Krieg. Es gab ja schon einen ausverhandelten Frieden. Nun stellt sich heraus: das sind gar keine Tschetschenen und es gibt auch keine nachweisbaren Verbindungen nach Tschetschenien. Das ist natürlich ein Muster, was uns sehr beunruhigen muss. Hier wird ein Kriegsgrund einfach mal so weil er gerade passt aus der Tüte gezogen und dann geht die Sache eben ihren Gang. Der Gang der Dinge ist furchtbar schrecklich.

Heuer: Und Sie glauben nicht, dass Tschetschenen auch hinter Anschlägen in Russland stecken?

Bierdel: Das wird sicherlich so sein und das wird zunehmend so sein, wenn diese Art der Politik, der russischen Politik so andauert.

Heuer: Das heißt im Umkehrschluss aus Ihrer Sicht, die russische Politik müsste geändert werden?

Bierdel: Ja selbstverständlich! Man muss rauskommen aus diesem entsetzlichen und völlig hoffnungslosen Konflikt, dieser Eskalation der Gewalt auf beiden Seiten. Es gibt sicherlich keine andere Möglichkeit, als dass dies auf internationaler Ebene geschieht. Es muss eine Konferenz her und wenn die Politik, auch die Politik im Westen, auch in dieser Bundesrepublik so weiter heißt, wir mischen uns da nicht ein, wir sprechen nicht einmal mehr das Thema an, dann ist das eine ganz verfehlte Politik aus meiner Sicht, denn es muss geholfen werden, auch den Russen geholfen werden aus diesem furchtbaren Konflikt, der ja auch junge russische Soldaten dort zu Hunderten, zu Tausenden in den Tot jagt. Man muss ihnen heraushelfen aus diesem Konflikt, und das wäre ein richtig verstandener Freundschaftsdienst meiner Ansicht nach. Europa kann sich diesen Konflikt so auf Dauer bestimmt nicht leisten.

Heuer: Was konkret kann in dieser Situation die Bundesregierung tun?

Bierdel: Wir müssen doch verlangen, dass zumindest dieses Thema auf der Agenda gehalten wird. Das ist aber nicht abzusehen. Wladimir Putin ist der große Freund. Wir brauchen ihn in vieler Hinsicht. Das zeigt sich eben auch bei dieser Bundesregierung wieder. Und ich wiederhole das hier: Die Freundschaft, wenn man sie so versteht, dass man ein Thema, was so furchtbar drängend ist wie das Tschetschenien-Thema, gar nicht mehr anspricht, das ist sicherlich eine falsch verstandene Freundschaft. Man muss international ein Konzept entwickeln, wie man aus diesem Konflikt heraus kommt. Die OSZE ist vor einem Jahr herausgeflogen aus Tschetschenien. Sie ist bis heute nicht zurückgekehrt. Da muss Druck ausgeübt werden auf allen möglichen Arten und es muss vor allen Dingen Überzeugungsarbeit geleistet werden. Dieser Tschetschenien-Konflikt ist einer, der unbedingt beendet werden muss. Es ist die Schande Europas.

Heuer: Elias Bierdel, der Vorsitzende von Cap Anamur, war das. - Danke für das Gespräch Herr Bierdel!