Versorgungslage der tschetschenischen Bevölkerung bedenklich

Artikelinfo
Datum: 
14.09.2004
Autor: 
Friedbert Meurer
Quelle: 
Deutschlandfunk
Friedbert Meurer: Der russische Präsident Vladimir Putin hat gestern Konsequenzen angekündigt, die er aus der Geiseltragödie von Beslan ziehen will. Die Macht des Kreml soll gestärkt, die Eigenständigkeit der Region beschnitten werden und selbst das Wahlrecht soll geändert werden. Liberale Kritiker werfen Putin vor, dass seine Befugnisse, wenn er sie denn bekommt, fast einer Diktatur nahekämen. Nichts aber zu hören ist davon, dass Putin seine Kaukasuspolitik überdenken will, um den Terrorismus an der Wurzel zu bekämpfen. Aus Tschetschenien gerade zurückgekehrt ist Boris Dieckow, er ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur und jetzt bei mir im Studio. Guten Morgen.

Boris Dieckow:

Schönen guten Morgen.

Meurer: Sonntag sind Sie aus Tschetschenien zurückgekommen, was sagen die Menschen dort zum Blutbad, das sich in Beslan ereignet hat?

Dieckow: Sie finden dort niemanden, der das in irgendeiner Form begrüßt, aber das, was die Menschen eigentlich gleich im zweiten Satz immer dazusagen ist, dass sie es schon gut gefunden hätten, wenn man eben nicht nur Schweigeminuten und Geldsammlungen für die Kinder von Beslan gemacht hätte, sondern einfach für die vielen Opfer, die es auch in Tschetschenien gegeben hat. Also dieses Massaker von Beslan ist ja nicht das erste im Kaukasus, da gibt es genügend, auch wirklich gut untersuchte in Tschetschenien, die keine Rolle mehr in der Wahrnehmung spielen und wo niemand nach Verantwortung schreit und wo kein Bundeskanzler sich hinstellt und etwas verurteilt.

Meurer: Billigen die Tschetschenen, mit denen Sie gesprochen haben, die Motive der Terroristen?

Dieckow: Die Motive spielen da keine Rolle mehr, weil es eigentlich so einen Grundsatz gibt, dass Kinder rausgehalten werden müssen aus diesen Dingen. Über die Motive wird eigentlich kaum diskutiert, weil schon allen klar ist, dass da sicherlich eine ganz entscheidende Grenze überschritten wurde und dass natürlich das, was an berechtigten Forderungen in irgendeiner Form existieren mag, ad absurdum geführt wurde.

Meurer: Wie berechtigt ist der Vorwurf, dass die Kinder in Tschetschenien auch leiden?

Dieckow: Das ist natürlich ein berechtigter Vorwurf. Wenn man sich das ansieht, kann einem schon das Erbarmen kommen. Wir sitzen hier in einem relativ warmen Studio, und Tschetschenien wird es irgendwann im Winter kalt werden und es ist ja nicht so, dass da alle Häuser eine Heizung haben, viele Menschen leben in Ruinen, der Gesundheitszustand der Kinder ist sicherlich nicht der allerbeste, das muss man klar sagen, die Versorgung generell auch nicht. Es gibt viele Waisenkinder, die auf den Straßen sind, es gibt Kinder, um die sich eigentlich kaum jemand kümmern kann und die Ernährungs- und Sicherheitslage ist nicht gut; also nicht das, was man als Leben bezeichnen könnte.

Meurer: Sie selbst, beziehungsweise Cap Anamur unterhält in Grosny ein Kinderkrankenhaus und ein Waisenhaus. Wie vielen Kindern helfen Sie dort?

Dieckow: Das Waisenhaus zieht jetzt in diesen Tagen von Inguschetsien nach Grosny, das sind ungefähr 50 Kinder, die im Moment dort sind und das Kinderkrankenhaus ist jetzt im Gebäude einer ehemaligen Bank, weil das eigentliche Krankenhaus in die Luft gesprengt wurde und es hat zur Zeit etwa 80 Betten und je nachdem, wie die Situation ist, ist es voll oder nicht voll, wie das immer ist in Krankenhäusern.

Meurer: Von wem wurde warum das alte Kinderkrankenhaus in Grosny in die Luft gesprengt?

Dieckow: Es war an einem relativ zentralen Punkt in Grosny und bei den Kämpfen 99/2000 war auch dieser Platz sehr umkämpft und es wurde dort evakuiert, musste auch fluchtartig verlassen werden und später hat die russische Regierung dort eine Militärkommandatur unmittelbar gegenüber des Krankenhauses gemacht und die brauchten ein freies Schussfeld, dann ist das Krankenhaus in die Luft gesprengt worden. Jetzt haben sie freies Schussfeld.

Meurer: Das trägt mit Sicherheit zur Verbitterung bei, wenn die russische Politik in Tschetschenien eine andere wäre, sich tatsächlich um die sozialen Belange kümmern würde anstatt die Strukturen dort zu zerstören, glauben Sie tatsächlich, dass man damit den Terrorismus an der Wurzel bekämpfen könnte?

Dieckow: Das ist so eine festgefahrene Geschichte dort unten. Ich glaube nicht, dass es für diesen ganz langfristigen Konflikt so kurzfristige Lösungen gibt, dafür braucht man einen sehr langen Atem. Ich glaube nicht, dass man die Illusion haben muss, dass jetzt humanitäre Hilfe zugelassen wird und an sozialen Dingen und Verbesserungen und Wiederaufbau und wie auch immer, dass es deswegen keinen Terrorismus und keine Anschläge mehr gäbe, weil es sicherlich auch in Tschetschenien wirklich ganz eindeutig terroristische fundamentalistische sehr gefährliche Kräfte gibt. Was es eben nicht gibt, ist ein langer Atem für Tschetschenien, das reicht immer nur für kurz draufhauen und dann auch ordentlich.

Meurer: Wie ist denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den russischen Behörden?

Dieckow: Grundsätzlich ist es so, dass in Grosny selber keine humanitären Organisationen sind, dass eine Arbeiten dort eigentlich nicht möglich ist, weil es schon sehr schwierig ist, überhaupt Transporte dorthin zu machen und wenn man dann fragt, sitzt ja die russische Regierung auch in Tschetschenien und mit Leuten wie Kadyrow sollte man glaube ich eher nicht zusammenarbeiten.

Meurer: Wie gefährlich ist das, was Sie machen? Man hört von Kidnapping, Geiselnahmen und Mafia in Tschetschenien.

Dieckow: Ein Grundproblem des Konfliktes ist, dass ich immer die Frage gestellt bekomme, ob ich nicht Angst habe und ob das nicht gefährlich sein kann und sich eigentlich niemand fragt, ob nicht die Menschen dort Angst haben. Ich kenne dort Kinder, die seit 95 bei jedem Geräusch, was nach Hubschrauber klingt, unter das Sofa kriechen und ich glaube, dass so ein Krieg dort so möglich ist, weil wir uns so viel fragen, wie es uns denn dabei geht, wie denn unsere Gefühlslage so ist, aber wie vielen Menschen es da wirklich saudreckig geht, dass es Menschen gibt, deren Verwandte in die Luft gesprengt werden, die rausgeholt werden aus ihren Wohnungen und deren Leichen man dann Tage später findet. Es ist ja nicht so, dass es nicht bekannt wäre und ich denke, das ist ein Grundproblem des Konfliktes. Und natürlich ist es gefährlich, keine Frage.

Meurer: Fühlen sich die Menschen da sozusagen in die Zange genommen zwischen russischen Behörden einerseits und tschetschenischer Mafia und Terrorismus andererseits?

Dieckow: Ja, gar keine Frage. Man kann es ja nicht mehr so auseinanderhalten, weil die Grenzen so fließend sind. Es gibt eben nicht die Tschetschenen und der Krieg macht die Menschen nicht besser, das würde in Deutschland nicht anders sein, wenn wir hier seit über zehn Jahren Krieg hätten, der macht die Menschen nicht ehrlicher und es ist auch ganz schwierig, in Tschetschenien Leute zu finden, die wirklich völlig unbefleckt sind und weiße Hände haben.