Zeuge permanenter Gewalt

Artikelinfo
Datum: 
02.05.2005
Autor: 
Thomas Hagen
Quelle: 
Neue Westfälische

Herford. Wo andere Hilfsorganisationen längst resigniert aufgeben oder gar nicht erst ihre Hilfe anbieten, da tritt das "Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V." auf den Plan. Seit 20 Jahren ist der Herforder Fotograf Jürgen Escher das fotografische Auge der von Rupert Neudeck gegründeten Organisation. Unter schwierigsten Bedingungen ist Escher jetzt in die krisengeschüttelte Kaukasusrepublik Tschetschenien gereist, um die Arbeit der Projekte Kinderklinik, Waisenhaus und Poliklinik zu dokumentieren.

Seine Fotos werden im Herbst im Buch "Leben helfen" veröffentlicht. "Das Land befindet sich in einem erbärmlichen Zustand", sagt Escher. "Dass dort überhaupt noch Hoffnung wächst, ist eigentlich unvorstellbar." Die Hauptstadt Grosny ist ein Trümmerfeld, strikt von den russischen Sicherheitskräften kontrolliert. Trotzdem regt sich hier und da Leben in den zerschossenen Wohnblocks. Nach der Ermordung des von Russland gestützten Präsidenten Achmed Kadyrow im Mai vergangenen Jahres brandete eine neue Welle der Gewalt durch das geschundene Land. Den Säuberungsaktionen des Militärs fiel auch Rebellenführer Schamil Bassajew vor einigen Wochen zum Opfer.

Russische Militärs laufen im Eilschritt durch die von Bomben und Kugeln zerstörten Wohnviertel. Straßensperren sollen verhindern, dass die tschetschenische Bevölkerung sich frei bewegen kann. Weil das einzige Kinderkrankenhaus der Republik der russischen Armee aus strategischen Gründen im Weg war, wurde es vor fünf Jahren kurzerhand gesprengt. "Überall wird verbrannte Erde hinterlassen, sowohl von den Russen als auch von den Rebellen", so Escher.

Cap Anamur half nach der Zerstörung beim Aufbau eines provisorischen Kinderhospitals mit 80 Betten, das als einziges Krankenhaus über hoch entwickelte Technik wie Beatmungsgerät oder Durchleuchtungseinheit verfügt. Medikamente sind ebenfalls rar in Tschetschenien. Männer wie Boris Dieckow, von Beruf Krankenpfleger und seit zehn Jahren Projektbetreuer für Cap Anamur in Grosny, sorgen oft auch unter Einsatz ihres Lebens für die Versorgung mit wichtigen medizinischen Gütern. "Die Infrastruktur ist völlig am Boden, daher hat auch niemand Arbeit", sagt Escher.

Von russischen Militärs hermetisch abgeriegelt

Zwar hatte der russische Präsident Putin die Instandsetzung des Flughafens und des Theaters sowie die Bereitstellung billiger Elektrizität angeordnet, doch trotz eines Aufbauetats von jährlich 100 Millionen Euro ist auch nach Erkenntnissen internationaler Kontrollgremien bislang kaum etwas vorangekommen.

Während seines Aufenthaltes erhielt der Fotograf Hilfe aus der Bevölkerung. Und die sieht ihre Situation ganz pragmatisch: "Wir zählen nichts in diesem Land, und du als Ausländer zählst gar nichts." Das zwischen Inguschetien und Dagestan gelegene Land wird von den russischen Sicherheitskräften nahezu hermetisch abgeriegelt. Einblicke in "innere Angelegenheiten" sind nicht erwünscht. Daher war Jürgen Eschers Reise nicht ohne Risiken. Zum einen, weil das Militär streng kontrolliert, zum anderen, weil Entführungen von Ausländern mit anschließender Lösegeldforderung oft die einzige Geldeinnahmequelle für die Rebellen in ihrem Kampf gegen Russland darstellen.

"Der Konflikt in Tschetschenien droht langsam in Vergessenheit zu geraten", findet Escher. "Doch die Bevölkerung leidet mehr denn je", fügt er hinzu. Auch durch die Hilfe von "Cap Anamur" entstehe überhaupt noch ein wenig Hoffnung auf Veränderung in der Bevölkerung. So konnten 60 Kriegswaisen, die bis vor kurzem noch in Inguschetien untergebracht waren, zurückkehren. Ebenso wie viele Flüchtlinge, die in ein Land heimkehren, das, wie Escher es empfindet, einem Friedhof gleicht.

Aus diesen Gründen sei die Arbeit von "Cap Anamur" immens wichtig für die Moral eines dauerhaft unterdrückten Volkes, sagt Jürgen Escher. Er bittet deshalb um Spenden auf das Konto 2 222 222 bei der Stadtsparkasse Köln, BLZ 370 501 98, KW: Tschetschenien.