Der fast vergessene Krieg ...

Artikelinfo
Datum: 
05.02.2003
Autor: 
Office Cap Anamur

Seit 1995 arbeitet Cap Anamur für die Menschen in Tschetschenien: Wir haben Gesundheitsstationen und Krankenhäuser versorgt und wiederaufgebaut, die der erste Tschetschenien-Krieg zerstört hatte. Dazu gehörte auch die Kinderklinik in der Hauptstadt Grosny. Zweimal wurde das Gebäude schwer beschädigt - und schließlich von russischen Truppen im April 2000 gesprengt. Die Ärzte und Krankenschwestern haben die wichtigsten Apparate, die von deutschen Spendengeldern angeschafft worden waren, gerettet und betreiben das Krankenhaus in einem Ausweich-Quartier weiter.
Wir unterstützen diese schwere Arbeit so gut es geht auch jetzt noch ... aber eigene Ärzte, Pflegepersonal und Techniker können wir noch nicht wieder ins Land schicken. Denn der Krieg dort dauert an, und er hat ein Ausmaß an Grausamkeit und Unerbittlichkeit erreicht, das jede Vorstellung sprengt. Die Fälle von Entführungen, Vergewaltigungen und Massakern an wehrlosen Zivilisten sind nicht mehr zu zählen. Und es wird immer deutlicher, daß die "Anti-Terror-Einsätze" der russischen Regierung gegen Separatisten in einen Völkermord übergehen. (Buch-Neuerscheinung: "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg" von Anna Politkovskaja, Verlag Du Mont/Köln)
Uns bleibt im Moment nur, die Lage der tschetschenischen Flüchtlinge in der Nachbar-Republik Inguschetien zu mildern. Dort, in der Nähe des Ortes Karabulak, unterhält Cap Anamur seit Mitte 2000 ein Waisenhaus für Kinder, die verlassen in den Ruinen der zerstörten Städte und Dörfer übriggblieben waren. Chadischat Gataev, der in einem ZDF-Film der Beiname "Engel von Grosny" verliehen wurde, und ihr Mann Alek leiten das Heim, in dem bis zu 70 Kinder und Jugendliche leben, lernen und arbeiten. Das Waisenhaus hält Kühe und Hühner, in der Bäckerei entstehen Brot und Kuchen für den Eigenbedarf.
Boris Dieckow ist seit 1996 unser Projektbeauftragter für Tschetschenien. Der gelernte Krankenpfleger war Mitte Januar zuletzt dort. Hier ist sein ganz persönlicher Bericht:
Boris Dieckow: "Leben, wo gestorben wird."
"Ich gehe nicht mehr zurück", sagt der Mann, der mit 27 Menschen in einem Raum gemeinsam im Kuhstahl existiert. "Angst" - mehr muß er nicht sagen. Niemand hier wird diesen Mann auslachen. Jeder weiß, was er meint. Der Krieg, der schon lange keiner mehr sein soll, geht jetzt ins neunte Jahr. Unbemerkt und, wenn bemerkt, dann folgenlos, wird ein Volk massakriert. Wenn es Berichte über entführte Menschen gibt, die dann Tage oder Wochen später in die Luft gesprengt aufgefunden werden, sollte eigentlich ein Aufschrei des Entsetzens durch die Presse eilen, Botschafter einbestellt werden, Sanktionen angekündigt oder verhängt werden. Irgendetwas sollte passieren. Nur, es passiert nichts. Ungestraft wütet in Tschetschenien der Terror der russischen Armee. Und, als wäre dieser nicht schon schlimm genug, tut ein florierendes tschetschenisches Bandenwesen ein übriges. Man kann wirklich nicht sagen, wer die größten Terroristen sind. Nirgendwo auf der Welt sind so viele humanitäre Helfer umgebracht worden wie in Tschetschenien. Das macht es schwer, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen.
"Abfindung" Naturgesetze gebären am Himmel die Wolken. Sie regnen sich weg. Du verdunstest in Ohnmacht. Das Lebendige blutet nicht im Klang von Bildern. Der Schnee ist kein Kleid. Bis zum Abend hältst du Schritt, zitternd mit schwitzenden Händen, eine Fieberschlange im Kopf, Eisgang im Körper. Vierundzwanzig Stunden später sind wir aufs neue mit beinahe gleichen Aussichten eine Erddrehung weiter gestorben.
1996 fand ich dieses Gedicht in meinem Briefkasten. Ein in Köln lebender Maler und Schriftsteller, mit dem ich befreundet bin, hatte es für mich geschrieben. Das waren die Stunden, in denen ich erfuhr, daß unser Kinderkrankenhaus in Grosny unmittelbar nach dem Wiederaufbau zerstört wurde. Wir haben danach wiederaufgebaut, erweitert, das Krankenhaus erhielt den Namen von Sergej Kowaljow - viele, viele Kinder verdanken diesem Haus ihr Leben. Anfang 2000 ist ein Teil des Hauses bombardiert worden. Im April 2000 sind noch bestehende Teile durch die russische Armee gesprengt worden. War alles umsonst?
Im Jahr 2003 gibt mir der Chefarzt des Kinderkrankenhauses eine Liste mit der geretteten Technik. Und er sagt mir, daß sie ein anderes Gebäude bezogen haben. Im letzten Jahr wurden 2.500 Kinder dort versorgt. Und er nennt mir auch Namen von Menschen, die tot sind. Manchmal weiß ich mit dem Namen nichts anzufangen. Er sagt dann: "Die Buchhalterin". Dann habe ich ein Gesicht dazu, und ich ahne, daß ich es im Leben nie vergessen werde. Wie das von Mitja, Mansur, Petja, der sich von mir so sehr eine russischsprachige Bibel wünschte. Wir dürfen nicht "in Ohnmach verdunsten". Ich könnte dort nicht leben. aber die Menschen in Grosny müssen dort leben, wo gestorben wird. Wir werden dieses Krankenhaus wieder aufbauen. Wir müssen es einfach tun. Ich glaube, wir sind es dieser Buchhalterin schuldig.