Tschetschenien: Schlief ein goldnes Wölkchen unter Sternen...

Artikelinfo
Datum: 
27.03.2006
Autor: 
Boris Diekow

Abubakar leitet die Intensivstation des Kinderkrankenhauses in Grosny. Abubakar ist ein freundlicher Mann. Viele Kinder verdanken seinem Einsatz und seinem Fachwissen ihr Leben. Aber sie verdanken ihm es noch auf ganz andere Weise. Als im April 2000 das Kinderkrankenhaus für ein freies Schussfeld in die Luft gesprengt wurde, hatten die Angestellten 6 Stunden Zeit um soviel Einrichtung wie sie wollten aus dem Krankenhaus zu retten. 80 % der Technik mit der noch heute gearbeitet wird, stand bei ihm in der Wohnung.

Es sind Geschichten wie diese die uns bei CAP ANAMUR immer geholfen haben uns für eine Weiterführung dieses Projektes zu entscheiden. Seit Oktober 1994 arbeitet Abubakar im Kinderkrankenhaus. Wenige Monate später war ich das erste Mal in Tschetschenien und bald auch im Kinderkrankenhaus. Im Juni 2005 wurde Abubakar zusammen mit einem anderen Arzt aus dem Kinderkrankenhaus von maskierten Männern entführt. Er wurde nach 3 Tagen freigelassen. Der andere Arzt wurde für 10.000 $ US freigekauft. Wen hätte in Deutschland Abubakars Schicksal interessiert, wäre er nicht wiedergekommen wie so viele andere?

Said, mit dem ich seit Beginn unseres Einsatzes in Tschetschenien zusammenarbeite, hat vor wenigen Wochen seinen Neffen verloren. Dieser war 20 Jahre alt und seit 2 Monate verheiratet. Er hatte sich entschieden für die offizielle Miliz zu arbeiten. Die einzige reguläre Möglichkeit Geld zu verdienen, um seine Frau und sein Kind, das im Juni geboren wird zu ernähren. Eine Waise vor Geburt, nachdem Saids Neffe auf offener Strasse erschossen wurde. In Deutschland wäre bei einem vergleichbaren Fall die Presse voll - in Tschetschenien ist es eine Fußnote. Die russische Armee kann sich im Moment zurückhalten. Tschetschenen erledigen untereinander ihr "Werk" besser als es die russischen Truppen könnten.

Dass wir unter diesen Umständen das Kinderkrankenhaus wieder aufgebaut haben, wird von den Mitarbeitern und der Bevölkerung hoch geschätzt. Im Mai 2006 werden wir soweit sein, um aus dem bisherigen Ersatzgebäude wieder in das richtige Krankenhaus auf dem alten Territorium umzuziehen. Es wird ein buntes Krankenhaus werden, geschmückt mit Kinderzeichnungen aus Deutschland, von außen und innen bemalt von tschetschenischen Künstlern und Kindern. Es wird ein Krankenhaus sein mit einem schönen Namen: "goldenes Wölkchen". Der russische Menschenrechtler Anatoli Pristawkin kam als Waisenjunge in die Wirren der Deportation unter Stalin. Erst viele Jahre später war er in der Lage aus dieser Zeit zu berichten. Er hat ein Buch geschrieben - war aber nicht in der Lage es je wieder selber zu lesen. So sehr hatte ihn diese Erinnerung daran mitgenommen. Das Buch heißt " Schlief ein goldnes Wölkchen". Es ist eine Zeile aus einem Gedicht von Lermontow. Als ich diesen Namen für das neue Kinderkrankenhaus vorschlug war ich überrascht, das ich niemanden traf der dieses Gedicht nicht kannte. Und so wird es dann "goldenes Wölkchen" heißen.

Abubakar kann dann am alten Ort in einem neuen Haus das tun was er am liebsten tut: Leben helfen.