Ein Bielefelder hilft in der Zentralafrikanischen Republik

Artikelinfo
Datum: 
28.11.2015
Autor: 
Hanna Paßlick
Quelle: 
Neue Westfälische

Thomas Spielmann zwischen Rebellen und Magiern

Bossembélé/Bielefeld. Die Botschaft, die Papst Franziskus den jubelnden Massen in Afrika verkündet, ist ein ums andere Mal dieselbe: Kämpft gemeinsam gegen die Armut, appelliert der Pontifex, schließt Euch zusammen gegen Gewalt und Elend.

Am Sonntag trägt er diese Botschaft auch nach Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Hier spitzt sich zurzeit der Konflikt zwischen Christen und Muslime zu. Häuser brennen, Menschen sind auf der Flucht. Internationale Friedenstruppen werden der kriegsartigen Zustände nicht mehr Herr.

Abseits der Kämpfe bemüht sich die deutsche Hilfsorganisation Cap Anamur um ein Mindestmaß an gesundheitlicher Versorgung. Mitten im Busch betreibt sie ein Krankenhaus. Der Bielefelder Thomas Spielmann war sechs Monate als Helfer vor Ort.

Schwierigkeiten mit den Ritualen

Durch Bossembélé führt eine staubige Straße. Links und rechts stehen Hütten. Dahinter beginnt der Busch. Hier lebt die Mehrheit der Bewohner. Abseits der großen Städte sind die Menschen auf sich gestellt. Sie halten an alten Traditionen und Bräuchen fest. „Magier und Heiler stehen hoch im Kurs“, sagt Spielmann, ebenso die Austreibung böser Geister.

Spielmann fällt es schwer, Verständnis für die Riten zu entwickeln. Er hat in Bossembélé beim Bau eines neuen Pädiatrietraktes für das Krankenhaus geholfen. „Aber viele Eltern, deren Kinder beispielsweise Malaria haben, vertrauen dem Dorfheiler mehr als uns“ – mit zum Teil tödlichen Folgen. Die Behandlungsräume im Krankenhaus sind notdürftig ausgestattet. Leistenbrüche können gerichtet, Schuss- und Schnittwunden behandelt werden. „Aber wer mit einer Krebserkrankung oder schweren inneren Verletzungen herkommt, dem kann selten geholfen werden“, sagt Spielmann.

Bevor der KFZ-Meister nach Afrika kam, leitete er eine Werkstatt in Bielefeld. Nebenbei gab er Sprachkurse für Flüchtlinge. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr tun muss“, sagt Spielmann. Er meldete sich bei Cap Anamur, kündigte Job und Wohnung und stieg in den Flieger Richtung Afrika.

150 Kilometer zum Einkaufen

Sein Wissen über das Land hielt sich anfangs in Grenzen. „Ich wusste, dass hier Bürgerkrieg herrscht und das Christen und Muslime sich bekämpfen“, sagt Spielmann. Womit er nicht gerechnet habe, seien die allgegenwärtige Korruption, die große Armut und die Tatsache, dass die Polizei Rebellen in der Regel machtlos gegenüberstehe.

In Bossembélé hat der Bielefelder einen jungen Mann kennengelernt. Der erhielt das Angebot, Polizist zu werden. Eine Woche lang wurde er ausgebildet. „Dann hat man ihm eine Waffe in die Hand gedrückt, und fertig war der Polizist.“ Derart unerfahrene Gesetzeshüter könnten gegen Rebellen, die meist in größeren Gruppen unterwegs seien, nichts ausrichten. Bemerkbar mache sich das vor allem in der Hauptstadt Bangui.

Wenn Vorräte im Krankenhaus zur Neige gehen, fahren die Helfer dorthin. 150 Kilometer ist Bossembélé von der größten Stadt des Landes entfernt. Auf der Fahrt werden die Cap-Anamur-Mitarbeiter von einem bewaffneten UN-Konvoi begleitet. „Die Autos werden immer wieder von Rebellen überfallen“, erläutert Spielmann. Außerdem schwebe man als Helfer mit heller Hautfarbe in Gefahr, entführt zu werden.

50 bis 100 Euro Verdienst im Monat

Obwohl Rebellen auch Beziehungen nach Bossembélé pflegten, gehe es in der kleinen Stadt meist friedlich zu, sagt Spielmann. Er habe sich dort stets sicher gefühlt. „Die Menschen legen trotz aller Widrigkeiten eine große Lebensfreude an den Tag.“ Außerdem schützten die Anwohner das Krankenhaus. „Sie wollen auf unsere Hilfe im Notfall nicht verzichten.“ Außerdem habe der Bau des Krankenhauses vielen Menschen Arbeit gegeben.

50 bis 100 Euro, so viel verdient ein Arbeiter in Bossembélé im Monat. Zu wenig, um eine große Familie zu ernähren. Spielmann nennt die Situation im Land „perfide“. Die ehemalige französische Kolonie sei reich an Bodenschätzen. Aber internationale Unternehmen schafften die Rohstoffe außer Landes. Und die Regierung spiele mit. „Deshalb hungern die Menschen hier und leben fernab staatlicher Strukturen“, sagt Spielmann. Ohne Hilfe zur Selbsthilfe, glaubt er, habe das Land keine echte Perspektive.

Link zum Artikel:
http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/20638154_Ein-Bielefelder-zwischen-Rebellen-und-Magiern.html